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Tschernobylkinder spielen ausgelassen in Löbau

Valerya und Aleksandra können bei Familie Pusch in Lauba ihre Sorgen vergessen. Sie erholen sich in der Region.

© Bernd Gärtner

Constanze Junghanß

Als Katrin Pusch vor etwa einem Monat über das soziale Netzwerk Facebook um Kleiderspenden für bedürftige Kinder aus Weißrussland gebeten hat, gab es dafür nicht nur Unterstützung, sondern auch verbalen Gegenwind. Den Kindern ginge es doch blendend, angeblich trügen sie sogar Goldschmuck und Ähnliches wurde verbreitet. Anziehsachen bräuchten die Kinder keinesfalls, wurde behauptet. Die dreifache Mutter aus Lauba fand diese Reaktion sehr befremdlich und auch traurig. Damit hatte sie nicht gerechnet. Die Laubaerin kennt die Situation der Kinder, weiß, dass diese aus sehr ärmlichen Verhältnissen kommen und dankbar für jedes gut erhaltene Kleidungsstück sind. Letztendlich gab es eine große Resonanz auf den Spendenaufruf. Rund um Löbau durchforsteten Eltern die Kleiderschränke nach zu klein gewordenen Sachen ihrer eigenen Kinder und spendeten für die Aktion. Mehrere Säcke Kleidung kamen so zusammen.

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Dass sich Katrin Pusch für diese Mädchen und Jungen gemeinsam mit anderen Menschen stark macht, hat selbstverständlich einen Grund. Bereits seit acht Jahren nimmt Familie Pusch in den Sommerferien Kinder aus der weißrussischen Region Gomel auf, um ihnen ein paar schöne Tage zu bieten. „Organisiert wird das über den Tschernobyl-Hilfeverein Seifhennersdorf“, erzählt die 41-Jährige. Jedes Jahr ermöglichen Vereinsmitglieder und Gasteltern zwölf Kindern aus Weißrussland einen Aufenthalt in der Oberlausitz. Im Querxenland Seifhennersdorf sind die Mädchen und Jungen im Alter von neun bis elf Jahren untergebracht. An zwei Wochenenden besuchen sie ihre Gastfamilien. Valerya und Aleksandra sind jetzt bei Puschs im Lawalder Ortsteil Lauba zu Gast gewesen. Eine kleine Stadtführung durch Löbau gehört mit dazu. Auf dem Spielplatz an den Setzteichen im Messepark freuen sie sich über Rutsche, Spiegelwand und Klettermöglichkeiten und staunen anschließend über die Weidenkirche im Park. Den Mädchen gefällt es hier gut, wie sie gestenreich mitteilen.

„Gomel ist die zweitgrößte Stadt in Weißrussland“, erzählt derweil Katrin Pusch. Mehr als ein halbe Millionen Menschen leben dort. Einerseits sei die Stadt modern, andererseits gebe es aber auch ärmliche Siedlungen. Valerya beispielsweise wohnt mit ihrer Familie in einer Art Sozialheim. „Ihre Mutter kann sich trotz Arbeit keine richtige Wohnung leisten“, kennt die Laubaerin die Situation vor Ort. Sie war bereits dreimal in Gomel, ihr Mann André zweimal. Dort haben sie Valeryas Familie kennengelernt: Mutter, Vater und Bruder leben mit dem Mädchen in zwei kleinen Zimmern. Sanitäranlagen und Küche werden mit anderen Familien gemeinsam genutzt: Wenig Privatsphäre und beengte Verhältnisse. Die soziale Absicherung der Menschen sei schwächer als in Deutschland, so Katrin Pusch. Dazu kommt: Die Region Gomel gilt als eines der von der Reaktorkatastrophe Tschernobyl am meisten kontaminierten Gebiete. Im April 1986 explodierte das Atomkraftwerk. Der „Supergau“ war eingetreten und Unmengen an Radioaktivität wurden freigesetzt. Ein Viertel des Landes wurde verstrahlt. Vor allem der Südosten Weißrusslands und damit das Gebiet Gomel waren betroffen. „Man merkt den Kindern an, dass sie nicht so belastbar sind und schneller müde werden“, hat die Gastmutter beobachtet. Sie vermutet, das hängt mit den Spätfolgen des Reaktorunglücks zusammen. Auch Valerya und Aleksandra wollen nach einer halben Stunde Spielplatz-Zeit wieder „Domoi“ – nach Hause. Im Garten ausruhen, zwischendurch auf dem Trampolin hopsen, gemeinsam Vespern: Ein Stück Normalität ohne Ängste und Sorgen. Familie Pusch ist es eine „Herzensangelegenheit“, den Kindern ein paar schöne Tage mit ein bisschen Freude und gesundheitlicher Erholung zu bieten.

Den Seifhennersdorfer Verein, bei dem sich die Laubaer engagieren, gibt es schon über 20 Jahre. Er hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern aus Weißrussland, die immer noch unter den Folgen der Tschernobyl-Katastrophe leiden, erholsame Ferientage in nicht verseuchter Umgebung zu ermöglichen. Außerdem werden Hilfspakete an bedürftige Familien verschickt, deren Kinder aufgrund einer Behinderung nicht ins Ausland reisen können. Die gebrauchten Anziehsachen der Löbauer Spender, die Katrin Pusch in den vergangenen Wochen nach ihrem Aufruf auf Facebook bei den Spendern abholte, kommen ebenfalls zu einem Teil so nach Weißrussland. Den anderen Teil nehmen die Gastkinder bei ihrer Heimreise mit. „Oft haben sie in ihren Schränken nur einmal gute Wechselsachen und freuen sich über jedes schicke Teil“, sagt die Gastmutter.