merken

Überraschend schöne Geschichten

Im Magazin „Burgstadt mit Geist“ präsentieren sich Stolpens Einwohner, wie sie eben sind: liebenswert und etwas schräg.

© Dirk Zschiedrich

Von Nancy Riegel

Stolpen. Die Cosel musste mit rein. Eine historische Abhandlung sollte das Magazin zum 800-jährigen Stadtjubiläum von Stolpen zwar nicht werden, aber an der Gräfin kommt kein Band vorbei, der die Stadt und deren Bewohner porträtieren will. „Der Dichter und die Cosel“ lautet nun der Titel des Textes von Peter Ufer und Thomas Rosenlöcher; es ist die tragisch-ehrliche Geschichte eines Schriftstellers, der mit einem goldumrahmten Porträt „liebcoselt“.

Anzeige
Haben Demokraten Feindbilder?
Haben Demokraten Feindbilder?

Professor Armin Nassehi der LMU München spricht in einer kostenfreien Online Diskussion am 9. März über die offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Als Komiker und Stolpen-Liebhaber Tom Pauls den Artikel am Donnerstagabend in der Kornkammer der Burg vorlas, betone er das Wort „liebcoseln“ so pathetisch, als müsse es sofort in den Wortschatz der deutschen Sprache aufgenommen werden. Den Zuhörern würd’s gefallen, sind doch alle Anwesenden bekennende Stolpen-Fans. Trotzdem ist es für sie, die Bewohner, etwas Außergewöhnliches, ein ganzes Hochglanz-Magazin gewidmet zu bekommen. Am Donnerstag war es aber so weit: „Burgstadt mit Geist“ feierte Premiere und wird nun mit einer Auflage von 3 500 Stück verkauft. Das Heft erzählt auf 160 Seiten die Geschichten, Anekdoten und Erinnerungen der Bewohner der kleinen Stadt, die nicht jeden Fremden sofort herzlich aufnimmt, wie Autor und Kurator Peter Ufer mit ironischem Unterton erzählt: „Seit 1995 lebe ich nun hier, aber werde immer wieder daran erinnert, dass ich kein echter Stolpener bin.“

Versteckte Geschichten

Warum er mit dem Magazin trotzdem eine Liebeserklärung an Stolpen macht? „Weil die Stolpener, wenn man sich die Zeit nimmt, ihnen zuzuhören, bemerkenswerte Geschichten zu erzählen haben. Und dann merkt man schnell: Eigentlich sind doch alle liebenswürdig.“ Das Magazin wurde als Format gewählt, weil es moderner und spritziger sei als ein Buch, sagt der Autor. Die Idee, zum Stadtjubiläum einen solchen Band herauszubringen, hatte Annett Immel von der Tourist-Information. „Mir war sofort klar, dass sich in der Stadt genug Geschichten finden werden.“

Diese Geschichten springen den Bewohnern und Besuchern nicht sofort ins Auge, weswegen man als Leser überrascht ist, wer so alles im Magazin vorkommt. Da ist der Obstbauer Steffen Menzel mit seinen saftigen Äpfeln, das kreative Ehepaar Gudrun und Matthias Stark mit Kater Findus, Busunternehmer Walter Müller und der frühere Bürgermeister Gerhard Michel, der seit 92 Jahren in derselben Wohnung auf der Bahnhofstraße lebt. Früher für 19,10 Mark Miete, heute für 485 Euro. Liebenswert und genial: Stolpens Schüler zeigen uns ihre ganz persönlichen Highlights in den Ortsteilen. Nicht zu vergessen die jungen Stolpener, die auf der ganzen Welt verteilt sind und erzählen, was sie an ihrer Heimat vermissen. Und das ist nur ein kleiner Teil der Geschichten, die in dem neuen Magazin erzählt werden. Das Material hätte sogar für ein, zwei Bände mehr gereicht.

Einer, der dafür genug Fotos in seinem Archiv vorrätig hätte, ist Klaus Schieckel, Stolpens fleißigster Hobbyfotograf. Grandiose Aufnahmen seiner Stadt finden sich in „Burgstadt mit Geist“, wie die aufbäumenden dunklen Wolken über der Burg, eingefangen aus seinem Küchenfenster. Es erfülle ihn schon ein wenig mit Stolz, dass so viele Bilder von ihm verwendet worden, sagt er. Zu recht, findet Peter Ufer, und kann dem Mann, den er mittlerweile duzen kann, gar nicht genug danken. „Die Fotografen und Autoren haben ein Magazin geschaffen, dass ein echtes Stück Zeitgeschichte darstellt.“

Erschienen ist das Magazin in Buchqualität bei der Redaktions- und Verlagsgesellschaft Freital-Pirna und ist für 18,50 Euro in den SZ-Treffpunkten, in der Tourist-Information Stolpen, auf der Burg Stolpen und beim SZ-Stand dieses Wochenende beim Fest Stolpen 800 erhältlich.