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Umgehen lernen mit der Krankheit

Die Schwiegereltern von Ute Vincenc sind dement. Schon jetzt bereitet sie sich darauf vor, dass es schlimmer wird.

© Lutz Weidler

Von Britta Veltzke

Großenhain. Herr Muster fährt mit dem Auto durch seine Heimatstadt, plötzlich weiß er nicht mehr, wie er nach Hause kommen soll. Gut, dass seine Frau dabei ist. Die ist mit Mitte 70 zwar auch nicht mehr die Jüngste – aber was die Orientierung angeht, behält sie den Durchblick. Auch in anderen Lebensbereichen haben die Fähigkeiten ihres Mannes zuletzt stark nachgelassen. War er früher viel unter Leuten, auf Feiern oder im Sportverein, zieht er sich heute eher zurück – schweigt im Kreise der Familie oder unter Freunden. Neulich ist ihm der Name eines alten Bekannten nicht mehr eingefallen. Ein paar Wochen später ist er zu Hause auf der Suche nach einem Schlüssel, dann nach einem bestimmten Hut, den er früher immer getragen hat. Für das Verschwinden der Gegenstände macht er andere verantwortlich – seine Frau, seine Kinder.

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Doris Walther von der Caritas leitet den Kurs für pflegende Angehörige.
Doris Walther von der Caritas leitet den Kurs für pflegende Angehörige. © Lutz Weidler
Viele der Kursteilnehmer haben Pflegebedürftige in ihrem Umfeld.
Viele der Kursteilnehmer haben Pflegebedürftige in ihrem Umfeld. © dpa

Irgendwie mitschwimmen

Ute Vincenc nickt wissend, als sie das hört. Obwohl die Geschichte über den an Demenz erkrankten Herrn Muster frei erfunden ist, fühlt sich die Lommatzscherin darin genau wieder – allerdings nicht in der Rolle der Ehefrau, sondern in der der Schwiegertochter. Die Eltern ihres Mannes wohnen im gleichen Haus. Beide sind an Demenz erkrankt.

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Schreiben

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Zeichnen

Zeichnen Sie auf ein Blatt zwei sich überschneidende Fünfecke. Alle zehn Ecken müssen vorhanden sein und zwei müssen sich überschneiden.

Quelle: Auszüge aus dem Mini-Mental Status-Test

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Die Anekdoten über Herrn Muster hat Ute Vincenc so oder so ähnlich auch schon erlebt. „Meine Schwiegermutter fährt auch noch Auto. Die Ärztin hat gesagt, sie solle das zumindest vorübergehend lassen.“ Doch da sei sie nicht belehrbar. „Sie sagt: Dann fahre ich eben nachts, dann sieht mich keiner“, berichtet die 52-Jährige über die Erfahrungen mit ihrer Schwiegermutter. In solchen „komischen“ Augenblicken weiß auch Ute Vincenc. „Da muss man irgendwie mitschwimmen, anders geht’s nicht.“

Sich selbst entlasten können

Die Geschichte von Herr Muster endet in einem Pflegebett, in dem er nach einiger Zeit stirbt. Seine Frau bemüht sich bis zum Schluss um ihn. Ute Vincenc befürchtet, dass ihr als pflegende Angehörige ein ähnliches Schicksal bevorsteht. Daher nimmt sie gerade an einem Kurs des katholischen Wohlfahrtsverbandes Caritas in Riesa teil. Seit Ende März fährt sie einmal in der Woche in die Pfarrei, um an sechs Vormittagen mehr über die Demenz, über Pflegepolitik oder über rechtliche Fragen zu lernen.

Die Kursleiterin ist Doris Walther. „Ein wichtiges Thema für pflegende Angehörige ist außerdem, wie sie sich selbst entlasten können.“ Denn einen nahen Verwandten zu pflegen, sei eine große physische und psychische Belastung. „Das ist etwas ganz anderes als die Pflege von kleinen Kindern. Da weiß man, dass die Belastung abnimmt, je größer das Kind wird. Bei Angehörigen, die an Demenz erkrankt sind, stellt die letztmögliche Aussicht auf Entlastung der Tod dar“, erklärt Doris Walther.

Rund ein Dutzend Frauen und ein Mann nehmen an dem Kurs teil. Die meisten hatten oder haben Kontakt zu Menschen mit Demenz. Auf bunten Kartonkarten sammelt die Kursleiterin Begriffe, die die Teilnehmer als Belastung empfinden: „Schafentzug“, wird da etwa genannt. Außerdem: „Ekel“ vor der Beseitigung von Exkrementen, wenn der Weg zur Toilette dann doch zu schwierig war. Auch die Begriffe „Misstrauen“ und die „Verweigerung von Hilfe“ fallen.

Schwierige Situationen

Nicht alle Kursteilnehmer haben wie Ute Vincenc pflegebedürftige Verwandte. Einige möchten sich ehrenamtlich in Pflegeheimen oder Seniorentreffs engagieren, andere kommen über ihren Beruf in Kontakt zu Menschen mit Demenz. Auch eine Riesaer Friseurin besucht den Kurs: „Zu mir kommen oft ältere Menschen mit Symptomen von Demenz oder Alzheimer“, erzählt sie. „Einmal wollte mir ein Kunde 50 Euro Trinkgeld geben.“ Nicht immer wisse sie mit Situationen wie diesen umzugehen. Das war auch der Beweggrund, sich bei der Caritas für den Kurs zu anmelden.

In der heutigen Stunde stellt Doris Walther verschiedene Tests vor, die Ärzte aber auch Gutachter zur Einschätzung der Pflegestufe verwenden. „Der bekannteste Test ist der sogenannte Mini-Mental Status Test, kurz MMST“, erklärt sie. In zehn Bereichen werden die kognitiven Fähigkeiten getestet, zum Beispiel Orientierung, Merkfähigkeit, Erinnern, Schreiben oder Reagieren. „Das sind die wesentlichen Bereiche, in denen die Leistungen von Demenz-Patienten nachlassen“, so Doris Walther.

Wenn Patienten den Test verweigerten, könnte das auch ein Hinweis auf Depressionen sein.

Ute Vincenc folgt der Kursleiterin besonders aufmerksam. Sie möchte so gut wie es geht vorbereitet sein, wenn sich der Zustand ihrer Schwiegereltern verschlechtert. Es ist wie eine Flucht nach vorn.

Die Caritas (Dekanat Meißen) wiederholt den kostenfreien Kurs für pflegende Angehörige nach Bedarf. Zudem werden auch immer wieder Hospizkurse angeboten. Interessenten können sich unterTelefon 03525 503620 melden.