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Unter allen Wipfeln ist Ruh

Seit gestern hat Sachsen seinen ersten Friedwald. Wer mag, kann sich dort auf das Jenseits vorbereiten.

© Sebastian Willnow

Von Sven Heitkamp

Es ist wie eine Verabredung für das Wiedersehen im Tod: Menschen, die sich schon zu Lebzeiten einen Baum aussuchen, unter dem sie eines unverhofften Tages beerdigt werden möchten, können sich vorher kennenlernen, sich austauschen und anfreunden – im vollen Wissen, irgendwann zusammen in der Erde zu liegen. Einen Ort für diese ungewöhnliche Begegnung bietet der erste Bestattungswald in Sachsen, der gestern mit Saxofon-Musik und Gedichten feierlich eröffnet wurde: Der „Friedwald“ nahe der Gemeinde Bennewitz östlich von Leipzig.

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Unter den knorrigen Eichen und kräftigen Buchen, Linden und Lärchen des Planitzwaldes können ab sofort Menschen beerdigt werden, die nicht in einem Sarg auf einem Friedhof enden wollen, sondern zwischen Baumwurzeln in einem fruchtbaren Waldboden. Die Asche der Toten wird in einer biologisch abbaubaren Urne aus einer Holzlösung bestattet. Schon jetzt haben sich zehn Familien gemeldet, die akuten Bedarf haben, erzählt Corinna Brod, die Sprecherin des Unternehmens „Friedwald“. Die erste Beisetzung ist nächsten Freitag geplant.

Der Planitzwald ist ein lichtdurchflutetes Kleinod, durch die Baumkronen blinzelt die Sonne, Spechte, Waldkauz und sogar Schwarzstörche sind hier zu Hause, über feine Wassergräben spannen sich zenitartig rote Brücken. Das Terrain wird nicht eingezäunt, Spaziergänger wird es damit weiterhin geben. Den Mittelpunkt des Friedwaldes bildet ein Andachtsplatz mit großem Holzkreuz und Holzbänken, ein alter Stamm ist als Rednerpult hergerichtet. Dort steht gestern Mittag Katja Rauchhaupt und erzählt, was ihr das Land ihrer Familie bedeutet. „Der Wald ist ein Ort des Friedens und eine Rückzugsmöglichkeit, die Trost spendet und immer da ist - wie eine Kirche“, sagt die 37-Jährige. „Auch wenn wir mal nicht mehr da sind.“

Lehrerin mit Nebenjob

Familie Rauchhaupt gehört der insgesamt 300 Hektar große Forst, Tochter Katja lenkt die Rauchhaupt-Wald GbR. Eigentlich ist sie Lehrerin für Deutsch und Musik am Evangelischen Schulzentrum des Muldentals, ab sofort aber hat sie noch einen Nebenjob mehr: Als Friedewald-Försterin wird sie Bäume mit auswählen, Grablöcher ausheben, Besucher führen, Trauerfeiern und Bestattungen unterstützen. Sie strahlt die nötige Ruhe und Herzlichkeit aus, um Angehörige von Verstorbenen zu begleiten. Auch ihr Mann und zwei weitere Förster wurden eigens geschult und werden diese Aufgaben übernehmen. Rund 66 Hektar stehen insgesamt bereit.

Auffällig am Friedwald sind die schwarzen Nummerierungen und farbigen Bändchen an den Baumstämmen in rot, gelb und blau etwa. Sie markieren, welche Bäume für eine Bestattung geeignet und welche noch zu haben sind. Zur Auswahl stehen verschiedene Ruhestätten, die Paarbäume etwa, Familienbäume und Freundschaftsbäume. Man kann sie für 2700 Euro bis 6300 Euro für bis zu 99 Jahre kaufen, nach der Bestattung entstehen dann keine Kosten mehr. Denn eine klassische Grabpflege entfällt, im Gegenteil: Grabgestecke sind gar nicht erwünscht, wohl aber eigene Kreationen aus dem, was die Natur hergibt. Bis zu zehn Urnen können im Kreis um einen Baum in die Erde eingelassen werden. Auf Wunsch werden am Stamm Namenstafeln der Verstorbenen angebracht. In Gemeinschaftsbaumgräbern kann man sich auch als Einzelperson für 770 bis 1200 Euro betten lassen und dort seine letzte Ruhe finden - unter Fremden eben, die sich vielleicht nur über Friedwald kennenlernten.

Die meisten Plätze würden noch zu Lebzeiten ausgewählt, erzählt Unternehmenssprecherin Brod. Die Friedwald GmbH im hessischen Griesheim ist eine Vorreiterin für Bestattungswälder in Deutschland, 2001 eröffnete sie in Kassel den ersten Bestattungswald. Mittlerweile betreut das Haus 54 Standorte deutschlandweit mit mehr als 100 Mitarbeitern. Allein voriges Jahr wurden unter Friedwald-Bäumen mehr als 10 000 Menschen bestattet. Als letztes Bundesland ist Sachsen jetzt auf der Karte hinzugekommen.

Zwar wurde der Weg für Bestattungswälder vom Freistaat schon 2009 rechtlich frei gemacht. Doch Bennewitz ist der erste Ort, der die Idee als Friedhofsträger wirklich umsetzt. Dahinter steckt auch der parteilose Bürgermeister Bernd Laqua, der das Ziel mit Herzblut verfolgt hat. Er erzählt von einer alten Frau, deren Wunsch in einem Wald beerdigt zu werden, noch in Dessau verwirklicht werden musste. Das wäre nun nicht mehr nötig. Die Bürgerinitiative Pro Bestattungswald Sachsen engagiert sich außerdem in anderen Regionen des Freistaates, in Kamenz und Callenberg bei Zwickau etwa. Auch dort werden schon Pläne für die Einrichtung von Bestattungswäldern geschmiedet.