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Unter Trümmern überlebt

Helmut Schmidt wurde beim Bombenangriff 1945 in Dresden verschüttet. Er kämpfte sich heraus und zurück ins Leben.

© Andreas Weihs

Von Verena Schulenburg

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Dresden/Bannewitz. Das schwarz-weiße Foto ist eines der wenigen Erinnerungsstücke, das ihm geblieben ist. „Da habe ich mir noch gut gefallen“, sagt Helmut Schmidt, zeigt auf sein Porträt und lächelt. Es ist eine Aufnahme aus dem Jahr 1944. Helmut Schmidt, heute 90 Jahre alt, war zu diesem Zeitpunkt gerade 17. Nie hätte er damals geahnt, wie sich sein Leben kurz darauf verändern würde.

Begraben unter Trümmern

Helmut Schmidt wohnt heute in Bannewitz. Er wurde am 3. August 1927 in Radeberg geboren und lebte während des Zweiten Weltkrieges auf der Rabenerstraße 3 in Dresden, genau dort, wo heute das Finanzamt steht. Die Eltern trennten sich bereits im Krieg. Helmut, der mittlere von drei Söhnen, blieb mit seinem Vater Hans in der gemeinsamen Wohnung im Erdgeschoss des Mehrfamilienhauses in der Dresdner Südvorstadt. „Wir hatten ein einfaches Leben“, erinnert er sich. Nach dem Schulabschluss der achten Klasse machte der Junge eine Lehre zum Dreher, meldete sich dann für den Kriegsdienst. „Ich wollte Flieger werden“, erzählt Schmidt. Doch während der Ausbildung kam es Ende 1944 zum Unfall. Der junge Mann brach sich ein Bein und zog sich schlimme Quetschungen zu. Statt im Flugzeug verbrachte er Wochen auf der Krankenstation. Der Gipsfuß hielt ihn den ganzen Winter über am Boden, auch noch im Februar 1945.

Als am 13. des Monats die Warnung kam, dass Verbände der Alliierten auf Dresden zufliegen, war Helmut Schmidt gerade Zuhause. „Los, in den Keller“, hatte sein Vater gerufen. Unter dem Gewölbe suchten sie Schutz, zusammen mit weiteren Hausbewohnern. Für den Notfall nahmen sie einige Nahrungsmittel, Konserven und ein paar Taschen mit dem Nötigsten mit nach unten. Der erste Angriff, am 14.Februar gegen 9 Uhr früh, verlief für die Bewohner glimpflich. „Ich bin danach sogar noch einmal raus, durch die Straßen gelaufen und war eine Freundin besuchen“, erinnert sich Helmut Schmidt. Am frühen Nachmittag war er wieder Zuhause. Erneut heulten die Motoren der Flieger über den Dächern auf. Diesmal traf es das Mehrfamilienhaus auf der Rabenerstraße.

Ein Grollen und Donnern zog über den Köpfen der Hausbewohner hinweg. Menschen schrien auf, weinten, auch der junge Helmut. Das komplette Wohnhaus und alle Gebäude ringsum waren mit einem Mal nur noch ein Haufen Schutt. Nur das Kellergewölbe über ihnen hielt stand. Die Schutzsuchenden blieben unversehrt. „Wir haben dann versucht, irgendwie nach draußen zu gelangen“, erinnert sich Helmut Schmidt. Die Mehrfamilienhäuser, welche die Straße säumten, waren durch Kellerschächte miteinander verbunden. Doch die Suche nach einem Weg ans Tageslicht war zwecklos. Eingänge existierten nicht mehr, Fenster waren verschüttet. „Nach und nach haben wir begonnen, die Mauerreste und Ziegel wegzutragen oder zur Seite zu stemmen“, erzählt Schmidt. Erst drei Tage später gelang es den Hausbewohnern, der Dunkelheit und Kälte des Kellers zu entkommen. Vom Innenhof aus kletterten sie über die Trümmer ihres Wohnhauses, stiegen über Leichen. „Wir gingen dann die Straßen entlang, suchten Hilfe, einen Anlaufpunkt, irgendetwas“, erzählt Schmidt. Auf ihrem Irrweg durch die zerbombte Stadt liefen Sohn und Vater schließlich entlang der heutigen B 170 über Nöthnitz nach Bannewitz. Dort, wo heute das Bürgerhaus an der August-Bebel-Straße steht, fanden sie Hilfe und wurden versorgt. „Da waren auch Leute, die Unterkünfte anboten“, erinnert er sich. Vater und Sohn nahmen an. Später fanden sie eine Bleibe und eine kleine Anstellung in einem Kunststoffbetrieb in Mobschatz. „Wir sind auch noch einmal zu unserem Wohnhaus gegangen“, erzählt Schmidt, „da war aber nichts mehr zu machen.“ Alles, was sie besaßen, haben Vater und Sohn unter den Trümmern des Hauses verloren.

„Aber wir haben überlebt“, sagt Helmut Schmidt. Im August 1945 zog er zu seiner Mutter nach Thüringen, blieb dort mehr als zwei Jahre, bis er wieder nach Dresden zurückkehrte, „der Liebe wegen“, sagt Helmut Schmidt. Er war gerade 21 Jahre alt geworden, als er zum ersten Mal heiratete. Kurz darauf kam Tochter Ingrid zur Welt. Sie bezogen die erste gemeinsame Wohnung, später ein gemeinsames Haus in Dölzschen. Die Familie ging ihren Weg, bis die Ehe scheiterte. Im einstigen Dresdner Kupplungs- und Triebwerksbau fand Helmut Schmidt während dieser Zeit aber nicht nur einen Arbeitgeber, bei dem er sich vom Dreher bis zum Lehrmeister für den Nachwuchs weiter entwickeln konnte, sondern auch eine neue Liebe. Mit 49 Jahren lernte er die gleichaltrige Liane aus Freital kennen. Mit ihr zog er 1996 nach Bannewitz, in einen Neubau auf der Carl-Behrens-Straße. In der Mietwohnung leben Liane und Helmut Schmidt noch heute.

„Uns geht es hier gut“, sagt Helmut Schmidt und zeigt aus dem Fenster. „Wir haben doch einen tollen Ausblick.“ Das Essen kommt täglich ins Haus. Der Pflegedienst hilft beim Alltäglichen. „Bis vor zwei Jahren konnte ich noch Autofahren“, sagt Schmidt, „aber mein linker Arm macht nun nicht mehr mit.“ Das Reisen haben sie gemocht, erst nach Thüringen, dann an die See und bis in die Berge Italiens, immer mit dem Auto. Helmut Schmidt denkt gern an diese Zeit zurück. Was auch bleibt, ist die Erinnerung an das, was vor 73 Jahren geschah. „Es geht einem nahe, da kann man noch so alt sein“, sagt Helmut Schmidt. Die Namen und Gesichter der Nachbarn, die Trümmer. Vergessen kann er sie nicht.