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Verfilzt

Wollefilzen ist längst nicht aus der Mode. Doch kann man es so einfach lernen? Ein Selbstversuch.

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© Sebastian Schultz

Von Uta Büttner

Zeithain. Ich hatte nicht gedacht, dass ich in meinem Leben noch einmal filzen werde. Als ich die Filzwerkstatt in Zeithain im Internet entdeckte, erinnerte ich mich sofort: Vor 15 Jahren saß ich an einem Nachmittag im Kreise anderer junger Mütter mit ihren acht Monate alten Babys. Und während wir versuchten, einen Ball zu formen, waren wir mehr damit beschäftigt, die neugierigen Händchen der Kleinen davon abzuhalten, ein Seifenbad auf dem Teppich anzurichten. Entsprechend sahen unsere Ergebnisse aus: Vom Ei bis hin zu zerzausten Kugeln war alles dabei.

© Sebastian Schultz
© Sebastian Schultz

Wie man aber solche niedlichen Tiere oder Häuser formen kann, wie sie Britta Priebe und Bettina Schieser in ihrem Laden anbieten, das will ich heute wissen. Gespannt gehe ich in die Werkstatt – und bin etwas enttäuscht. Die Regale sind fast leer. „Ja, da hätten Sie vor ein paar Tagen kommen müssen. Ich habe gerade alles auf dem Kreativmarkt in Dresden verkauft“, erklärt mir Bettina Schieser. Sie ist vor allem für die Herstellung der Filzprodukte zuständig. Britta Priebe leitet die Kurse. Unter ihrer Anleitung werde ich nun in das professionelle Wollefilzen eingeweiht.

Gefilzt wird im Stehen

Mein Arbeitsplatz ist bereits vorbereitet: ein Tisch mit einer wasserdichten Unterlage und einer Schüssel mit Olivenseifen-Wasser. Britta Priebe erklärt mir, man könne auch andere Seife nehmen. So wie ich damals zum Beispiel: Wie verwendeten Kernseife – entsprechend rau waren meine Hände danach. Dies kann mir heute nicht passieren. Einen Stuhl suche ich vergebens. Gefilzt wird im Stehen. Da kann man von oben viel besser arbeiten als im Sitzen. Aha, wieder etwas gelernt.

Ich darf mir ein Objekt heraussuchen, das ich filzen möchte. Gern würde ich so einen orangefarbenen Fisch basteln, der im Laden 15 Euro kostet. Doch dafür würde ich mehrere Stunden benötigen. Also einigen wir uns auf einen Bücherwurm. Aus einem großen Regal mit bunter Schafswolle habe ich schnell die Farben gewählt. Grün soll er sein, mit ein wenig Gelb. Die Wolle wird kurz in die Seifenlauge getaucht, die Hände sind angefeuchtet.

Beim Start hilft mir die Expertin. So schnell kann ich gar nicht schauen, schon hat sie ein etwas dickeres Stück für den Kopf geformt. Nun soll ich mit leichtem Druck Kopf und Schwanz über den Tisch rollen, bis die Wolle sich nicht mehr weich, sondern fest anfühlt. Die Kunst dabei ist, dass der Kopf rund sein soll. Bei mir ist er eher eiförmig. Na ja, es ist eben ein Unikat. Ich muss noch eine ganze Weile rollen. Mir schmerzen bereits meine Hände.

14 Tage für einen Poncho

Da ich leicht gebückt am Tisch stehe, meldet sich bald mein Rücken. Ich frage mich, wie die beiden Frauen das aushalten. Denn an einem Haus zum Beispiel arbeiten sie etwa vier Stunden. „Ja, das merkt man dann schon im Rücken“, sagt Britta Priebe. Einmal habe sie einen Teppich hergestellt, wofür man gröbere Wolle brauchte. „Danach hatte ich aufgeschürfte Hände.“ Doch das schreckt die beiden Geschäftsfrauen nicht ab, die von ihrer Arbeit gut leben können. Ihr größtes Projekt war ein Poncho mit Wickelschürze und Ostfriesenmütze. Drei Kilogramm Schafswolle in 14 Tagen hätten sie dabei verarbeitet, berichtet Bettina Schieser. Ich denke: Wahnsinn. Mir tun schon jetzt Hände und Arme weh.

Nun kommen noch filigranere Aufgaben auf mich zu. Die Augen müssen gefilzt werden – und zwar gleich groß. Zuletzt wird mittels einer Filznadel schwarze Wolle hineingestochen, für Mund, Nasenlöcher und Pupillen.

Nebenbei erzählen die Frauen, dass sie in diesem Jahr das zehnjährige Jubiläum der Werkstatt feiern. Ihre Produkte verkaufen sie größtenteils auf Kunsthandwerker-Märkten in ganz Ostdeutschland. Und die angebotenen Kurse werden von Frauen, Kindern, Männern sehr gut angenommen.

Mein Werk ist nach einer Dreiviertelstunde beendet. Den Wurm darf ich mitnehmen. Zum Vergleich: Bettina Schieser brauchte zehn Minuten. Ich bin gespannt, wie lange der Geruch meiner Hände nach Schaf mich noch ans Filzen erinnern wird.

www.filzwerkstatt-zeithain.de