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Verhextes Gottleuba

65 Jahre Karneval: Beim Umzug bekommen Stadtrat und Bürgermeister ihr Fett weg. Und der Chef selbst läuft mit.

© Marko Förster

Von Heike Sabel

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Bad Gottleuba. Oma Wengler hat den besten Platz. Sie steht mit Mütze und Handschuhen auf ihrem Balkon und hat die Königstraße vor sich. Für Elijah und Paulina ist der beste Platz in der ersten Reihe. Sie schauen, wohin die Kamelle fliegt und füllen so nach und nach Elijahs Piratenhut. Eine Frau bittet um Platz, weil sie ihren Enkel in der Schalmeienkapelle fotografieren will. Kurz nach 14 Uhr fallen der Startschuss und das dreifache Gottleubaer „Remmi-Demmi“. Nach fünf Jahren erlebt die Stadt aus Anlass des 65-jährigen närrischen Jubiläums der Karnevalisten wieder einen Umzug.

Es kracht und schallt im Zauberwald

Der Elferrat ist zwar auf sieben und am Sonntagnachmittag sogar nur sechs Mitglieder geschrumpft, doch dem Umzug tut das keinen Abbruch. Der ist erstaunlich lokal und kritisch. Da bekommen alle ihr Fett weg.

Die Sportler träumen von ihrer Gottleubatal-Arena und glauben an das Märchen von einer Eröffnung 2025. Damit spielen sie auf die Debatte um eine neue Turnhalle an. Für die Sportler ist klar, woran es liegt: „Stadt-Rat-Losigkeit hilft uns nicht.“ Kurz und bündig heißt bei den Nächsten: „Zauberwald okay, Wanderwege oweh.“ Das Motto der Faschingssaison „Es kracht und schallt im Zauberwald“ war für viele eine Steilvorlage. Auch für die Kritiker der Straßenbeleuchtung: „Wir leben hinterm Zauberwald und dunkel wird es ziemlich bald. Der Herr versprach uns Straßenlicht, doch bekommen haben wir es nicht.“

Zwischendrin die närrischen Vereinigungen aus der Region, die damit dem Jubilar und Gastgeber ihre Aufwartung machten – von Wehlen bis Lohmen, von Hohnstein bis Cunnersdorf, von Struppen bis Döbra. Es regnet Konfetti und Bonbons. Elijah und Pauline haben alle Hände voll zu tun.

Der Bauhof sucht Mitarbeiter – schlank und maximal 1,50 Meter groß, weil die Betriebsräume so winzig sind. Auch dieses Problem wird nicht ausgelassen. Die provokante Aufforderung: „Nimm den Hammer und beende den Jammer.“ Selbst die Sanierungsgelder fürs Rathaus werden auf die Schippe genommen.

Bürgermeister Thomas Mutze (parteilos) hätte genug Grund, sich im Rathaus-Kämmerlein die weniger werdenden Haare zu raufen. Doch dazu ist er selbst viel zu sehr Faschingsfan. Und so läuft er eben mit und nimmt sich selbst auf die Schippe. Mit seiner Sekretärin trägt er ein Banner, auf dem steht: „Wir sind die Hexengeister und kommen vom Bürgermeister. Der Meister hat befohlen, alles von Euch zu holen.“ Im Gefolge einige Rathausmitarbeiter.

Plötzlich ist der Umzug zuende. War’s das?, fragt mancher. Da kommt noch ein dicker Koch angerannt, gefolgt vom Tod. Was immer das bedeuten mag …

Oma Wengler hat es als erste wieder warm in ihrer Stube. Elijah und Paulina sind zufrieden mit ihrer Ausbeute. Sogar ein Haargummi-Stern für Paulina ist dabei. Und alle Familienangehörigen, Freunde und Bekannten sind fotografiert. Den nächsten Umzug gibt es in fünf Jahren. Aber erst einmal feiern die Gottleubaer weiter. Bis Aschermittwoch.