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Verliebt, verknackt, verzweifelt

Für eine Frau zog der Schwabe Gerhard Eifert 1960 nach Riesa. Doch schon bald wollte er nur eines: weg!

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© Jan-Philipp Strobel

Von Marie-Lisa Schulz

Riesa. Es riecht nach Neuanfang. Es ist der Geruch von Möbeln, die erst vor wenigen Tagen aufgebaut wurden. Möbel, die noch keine Geschichte erzählen. Makellos stehen sie da. Tisch, Schrank, Kommode, Sofa und Bett. Perfekt aufeinander abgestimmt.

Nur eines wirkt fremd: Es ist der Mann, der auf dem Sofa sitzt. Fast so, als hätte er seinen Platz noch nicht gefunden. Gerhard Eifert ist erst im vergangenen Sommer eingezogen. Sein Haus mit dem großen Garten in Gerstetten, einer Stadt im schwäbischen Landkreis Heidenheim, musste er verkaufen. Der 75-Jährige lebt nun ein paar Kilometer weiter in einem kleinen Apartment. Im Flur parken die Rollatoren der Nachbarn. „Man wird älter“, sagt Eifert.

Schon mehrmals in seinem Leben hat er alles hinter sich gelassen. 1960, als er von Gerstetten nach Riesa zog, oder 14 Jahre später als er wieder zurückkehrte. Damals, so glaubte er, lag die Zukunft vor ihm. Heute schaut er nur noch in die Vergangenheit. Und die lässt ihn nicht los. Er hat wenig Persönliches aus seinem Haus mitgenommen. Ein paar Fotos, ein paar Briefe und viele, viele Tagebücher. Alle voll beschrieben. In kleiner, ordentlicher Schrift. Die Bücher erzählen die Geschichte seines Lebens, seiner Flucht.

Mit 20 Jahren begleitete er den Mann seiner Cousine auf eine Geschäftsreise in die DDR. Schon am ersten Tag der Reise verliebte er sich in Eleonore, ein junges Mädchen aus Riesa. Er blieb. „Weil man Mädchen wie Eleonore heiraten muss.“ Und weil es in Riesa Arbeit gab. Eifert heuerte im Stahlwerk als Dreher an. Geregeltes Leben. Geregelte Arbeitszeiten. Nein, er hinterfragte nichts. Bis zu dem Tag, an dem die Mauer gebaut wurde.

Der 75-Jährige sitzt auf der vordersten Kante seines neuen Sofas. Fast so, als wolle er aufspringen. Weglaufen. Alles tun, um die Erinnerung abzuschütteln. Eifert flucht, wie nur alte Herren fluchen. „Hammelköpfe“ und „Bauern“ nennt er die, die das System gestützt haben. Von einem Monatsgehalt kaufte er einem Russen ein Radio ab. 300 Mark. Ein kleines Vermögen. Eifert hörte BBC – hörte zum ersten Mal richtig hin, wenn Kritik über den Staat geäußert wurde. Irgendwann waren es nicht mehr die Stimmen im Radio, die ihn aufhorchen ließen. Es war seine eigene Stimme im Hinterkopf, die nicht mehr verstummte. Die erst flüsterte, ihn irgendwann anbrüllte: „Weg hier. Geh!“

Doch alles kam ganz anders

Sein Plan war: Raus aus der DDR. Zurück in die Heimat. Die kleine Tochter Elke war damals schon da. Sie sollte frei aufwachsen. 1967, auf einer Wanderung durch das Grenzgebiet Chepelare in Bulgarien sollte es geschehen. Einfach den Fluss durchqueren und rennen. Doch die Strömung war stark. Eifert musste erst seine Tochter, dann seine Frau durch das Wasser tragen. Am anderen Ufer schaffte es Gerhard Eifert noch ein Foto zu machen. Das, so nahm er sich damals vor, wollte er später seinen Enkeln zeigen. Das Foto hat er gezeigt – doch alles kam ganz anders. Eifert schlief nach den Strapazen erschöpft an einen Baum gelehnt ein. So fest, dass er die Grenzsoldaten nicht kommen hörte. Er wurde festgenommen. „Meine Frau und das Kind konnte ich raushalten.“ Auf der Ladefläche wurde die junge Familie ins nächste Dorf transportiert. Töchterchen Elke lachte vorne auf dem Schoß der Soldaten, Eleonore und Gerhard Eifert krallten sich auf der Ladefläche aneinander fest.

Verteidigt hat sich Eifert selbst. Auch, weil er niemandem mehr vertrauen wollte. Erst recht keinem Anwalt. „Die kamen doch aus dem System.“ Aus Gerhard Eifert wurde die Nummer 19/2. Mit Abscheu spricht er die Zahl aus. Gera, Bautzen, Dresden – nie blieb er lange in einem Gefängnis. „Die haben mich in der ganzen Republik herumgeschickt.“ „Die“, so sagt er voller Abscheu, haben ihn versucht zu brechen. Haben im Hochsommer die Heizung aufgedreht. „Wir wollten das versiffte Waschwasser saufen“, erinnert sich Eifert. Im Winter blieb die Heizung aus. Eifert und seine Zellenkollegen lagen auf verschimmelten Matratzen. In der Untersuchungshaftanstalt in Dresden, so Eifert, zitterten sie bei Minusgraden. Wie Vieh. „Das war Psychoterror.“ Nach 19 Monaten Haft kehrte Gerhard Eifert wieder zu Frau und Kind zurück. Stellte einen Ausreiseantrag nach dem nächsten. Einen ganzen Ordner füllten die Schreiben. Eifert konnte sich nicht von den Dokumenten trennen.

Damals, Anfang der 70er, packte ihn diese panische Angst zu vergessen. Alles, was er bis dahin erlebt hatte, alles, was er hörte, schrieb Eifert nieder. Gerüchte und Tatsachen. Dinge, die er mit eigenen Augen gesehen hatte. Andere, die ihm erzählt wurden. 1970, der erste Eintrag in sein Tagebuch. Eifert blättert in der Kladde. Zerlesen ist sie. Erst Jahre später hat er mit einem Rotstift Namen, Orte und Daten eingefügt. „Wäre dieses Buch gefunden worden, wäre der Teufel los gewesen.“

Während Eifert blättert, kehrt die Erinnerung zurück. An all das, was er längst verdrängt hatte. An das Gerücht, die Mitarbeiter der Volkspolizei hätten einen Mann totgefahren. Betrunken. Die Tat, so munkelte man, sei vertuscht worden – wie so vieles. Er erzählt von Arbeitsunfällen im Stahlwerk, die niemals gemeldet wurden.

Irgendwann wollte die Stasi den Mann aus dem Westen für sich zu gewinnen. „Sie haben versucht, meine Identität zu stehlen“, erzählt er. Er lehnte ab. Das war der Tag, an dem ein weiterer Eintrag in seiner Stasi-Akte dazu kam.

Eifert blättert in den Seiten seines Tagebuches. Erinnert sich, wie er sein West-Auto an einen Ost-Bürger verkauft werden sollte. „Das war ein Onkel Doktor aus Karl-Marx-Stadt“. Aber Eifert wollte nicht verkaufen. Nicht an ihn. „Ich habe mich geweigert.“ Es sind die Erinnerungen an die zermürbende Zeit, in der Misstrauen das Leben bestimmte. 1974 dann die Ausreisebewilligung. Die Eiferts packten ihre Sachen. Die Notizbücher versteckte der Familienvater hinter der Abdichtung des Kühlschrankes. In Gerstetten, Eiferts alter Heimat, wollen sie Fuß fassen. Und wieder muss das junge Paar eine Lektion lernen. „Im Westen hat niemand auf uns gewartet“, sagt er verbittert.

Arbeit war knapp, die Existenzangst groß. Es dauerte, bis Eifert wieder eine Festanstellung fand und Frau und Kind sich einlebten. „Uns hat das immer enger zusammengeschweißt“, erinnert sich Eifert. Knapp 20 Jahre später, Tochter Elke ist erwachsen und führt ihr eigenes Leben, stirbt Eleonore an Krebs. „Das Leben ist eben nicht immer fair“, sagt Gerhard Eifert und starrt auf seine Vergangenheit, die ausgebreitet auf dem Wohnzimmertisch liegt. Und da ist sie wieder, diese Wut. Diese verdammt, vertraute Wut. „Ich habe nur etwas gewollt, was mir zustand “, sagt er und atmet den Duft der neuen Möbel ein. „Meine Freiheit.“