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Verliert Riesa den ICE?

Das Bahn-Flaggschiff hält zwischen Dresden und Leipzig nur ein einziges Mal. Womöglich nicht mehr lange.

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© Sebastian Schultz

Von Christoph Scharf

Riesa/Meißen. Doppelte Entfernung, gleiche Fahrzeit: Das muss Riesa erst einmal jemand nachmachen. Von der Sportstadt geht es zum Dresdner Hauptbahnhof in 36 Minuten. Schneller kommt man von Meißen aus auch nicht per Bahn in die Landeshauptstadt. Möglich macht es der ICE, der von Riesa aus tagsüber alle zwei Stunden Richtung Dresden und Richtung Hessen startet.

Doch wie lange noch? Eine Stellungnahme des Landkreises, die den Kreisräten am Donnerstag vorgelegt werden soll, dürfte Pendler in Aufregung versetzen. „In unserem Landkreis droht (...) der Wegfall des ICE-Stopps Dresden-Frankfurt in Riesa“, heißt es dort. Anlass der Vorlage ist der Entwurf des Bundesverkehrswegeplans 2030, an dem sich der Kreis beteiligt.

Schon jetzt sei der Freistaat beim Bahn-Fernverkehr ganz offensichtlich „unterdurchschnittlich“ berücksichtigt worden. Tatsächlich ist Riesa der einzige ICE-Halt im Kreis Meißen, ansonsten tauchen nur noch Dresden und Leipzig im Netz des rot-weißen Bahn-Flaggschiffs auf. „Viele wirtschaftliche und touristische Zentren Sachsens sind derzeit vom Schienenfernverkehr abgeschnitten“, schreibt Beigeordneter Andreas Herr in der Stellungnahme zum Bundesverkehrswegeplan.

Aber droht dieses Schicksal auch Riesa? Bei der Bahn antwortet man auf eine entsprechende Anfrage der SZ beruhigend: „Der ICE/IC-Halt Riesa ist aktuell nicht gefährdet. Unsere Planungen gehen derzeit vom Status quo aus“, heißt es von der Leipziger Pressestelle des Konzerns. Die Frage, wie viele ICE-Fahrgäste täglich in Riesa ein- und aussteigen, bleibt unbeantwortet. Aus Wettbewerbsgründen veröffentliche man keine genauen Daten, sei aber derzeit „mit der Inanspruchnahme zufrieden“.

Dazu trägt sicher auch eine Vereinbarung mit dem Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) bei, die seit gut anderthalb Jahren gilt: Seit November 2014 dürfen Fahrgäste mit Wochenkarten, Monats-, Abo-Monats- und Jahreskarten des VVO auch die ICE- und IC-Züge zwischen Dresden und Riesa nutzen. Laut VVO gäbe es bei diesem schnellen Angebot eine steigende Tendenz, sagt VVO-Sprecher Christian Schlemper. „Täglich nutzen mehr als 200 Pendler mit VVO-Tickets den Fernverkehr zwischen Riesa und Dresden.“ Deshalb wäre ein Wegfall des Halts in Riesa sehr bedauerlich. Ob das tatsächlich so kommt? Dazu lägen dem VVO keine verbindlichen Aussagen vonseiten der Deutschen Bahn vor.

Thüringentunnel hat Folgen

Hintergrund der Befürchtungen dürfte die Planung neuer Fahrpläne bei der Bahn sein, die am Neubau der Schnellverbindung Berlin-Erfurt-München hängt. Diese Verbindung soll voraussichtlich 2017 oder 2018 in Betrieb gehen. Das dürfte sich auch auf die Strecke Dresden-Frankfurt auswirken. Der Landkreis Meißen hat jedenfalls entsprechende Befürchtungen. „Mit Inbetriebnahme des neuen Thüringentunnels muss die Bahn ihre Fahrstrecken optimieren“, sagt Kreis-Sprecherin Kerstin Thöns. Daran würden vor allem Fahrzeiten hängen. „Und hier besteht die Gefahr, dass der Halt in Riesa wegfällt.“

Wie viel Minuten Fahrzeit sich einsparen lassen, sollte der ICE in Riesa durchfahren, verrät die Bahn nicht. Für die Stadt selbst geht es allerdings um mehr als ein oder zwei Minuten. „Bei dem ICE-Halt handelt es sich um einen wichtigen Standortfaktor, denn in Riesa gibt es viele mittelständische Unternehmen, die auf eine solche komfortable Bahnverbindung angewiesen sind und sie auch gerne nutzen“, sagt Kerstin Thöns.

Ohne den Stopp in Riesa müssten ICE-Fahrgäste Richtung Frankfurt/Main erst mit der Regionalbahn bis Leipzig fahren und dann in den ICE umsteigen. Zum Vergleich: Mit dem ICE von Riesa fährt man bis Leipzig 31 Minuten, mit dem Regionalexpress 46 Minuten – also eine Viertelstunde länger. Dazu käme noch die Umsteige- und Wartezeit. Deshalb habe es zum ICE-Stopp Riesa schon einen umfangreichen Schriftverkehr zwischen der Kreisverwaltung und der Staatsregierung gegeben. Aktuell sei man noch am Planen.

Riesas OB Marco Müller (CDU) hat sich über den Satz in den Kreistags-Unterlagen gewundert. „Ich wusste nicht, dass der ICE-Halt wieder einmal infrage gestellt wird“, sagt er. Er will darüber noch einmal mit der Bahn sprechen. Der ICE-Halt sei für die Stadt als Mittelzentrum enorm wichtig – vor allem für Pendler, die täglich zum Arbeiten nach Riesa kommen oder von dort nach Dresden oder Leipzig fahren.