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„Viele können mit unserer Freiheit wenig anfangen“

Der Urologe Paul Gerhard Fabricius stammt aus Niesky. Er hat viel im Mittleren Osten operiert und darüber nun ein Buch geschrieben.

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© privat

Der Name Paul Fabricius ist vielen in Niesky vertraut. Nach dem Zweiten Weltkrieg leitet er 27 Jahre als Vorstand die Diakonissenanstalt Emmaus. Trotz vieler Widrigkeiten wird in seiner Amtszeit bis 1974 viel gebaut und erweitert. Sein Sohn Paul Gerhard Fabricius lebt längst nicht mehr in Niesky. Der renommierte und weitgereiste Urologe operiert bis heute nicht nur in in Deutschland. Sein Buch „Berlin – Kuwait“ erzählt davon. Und auch Niesky spielt darin eine wichtige Rolle.

Herr Fabricius, Sie sind in Niesky aufgewachsen. Wie haben Sie die Stadt in Ihrer Kindheit erlebt und wie hat sie Ihren späteren Weg geprägt?

Niesky war und ist eine überschaubare Kleinstadt, für Kinder zwischen den Jahren 1950 und 1965 ideal, gefahrlos aufzuwachsen. Das Schwimmbad und die Tonschacht-Teiche Richtung See, damals noch unberührt, teilweise frisch vollgelaufen, ohne eine Bebauung, prägten die Freizeitgestaltung im Sommer. Man konnte herrlich mit dem Fahrrad die Umgebung erkunden und in den Kiefernwäldern stundenlange Spaziergänge machen. Die Grund- und Oberschule habe ich in guter Erinnerung, obwohl die Diskriminierung wegen meines Status: bürgerlich, christlich, DDR-kritisch, mir negativ im Gedächtnis ist. Diese „Sonderstellung“ in der DDR war aber auch Ansporn, möglichst Bestleistungen zu erzielen, damit man überhaupt eine Chance hatte, weiter zu kommen. Die Zeit in Niesky hat mich also gelehrt, dass man nur mit Fleiß und äußerster Kraftanstrengung im Leben etwas erreichen könne.

Sie haben Ihre medizinische Ausbildung in der DDR absolviert und an der Humboldt-Universität studiert. Später haben Sie in Cottbus und Dresden als Arzt gearbeitet. Sind die medizinischen Bedingungen damals schlechter als im Westen gewesen?

Das Medizinstudium in Ost-Berlin konnte sich mit einer Ausbildung in Hamburg oder München beziehungsweise der in Westberlin unbedingt messen. Nachteilig war der zeitliche Aufwand, den man für das Studium des Marxismus-Leninismus abverlangte. Da ich in den 68er Jahren studierte, wäre ich an der Freien Universität in West-Berlin mit den damals unzähligen Streiks und den Aktivitäten der Maoisten vom Regen in die Traufe gekommen.

Die Tätigkeit an verschiedenen Krankenhäusern in Cottbus und Dresden hat dann allerdings den Mangel an Medikamenten und medizintechnischer Ausrüstung im Vergleich zur Bundesrepublik eindeutig offen gelegt. Wir haben zwar dieses Defizit durch Ideenreichtum oft wettmachen können, dennoch nahm der Frust von Jahr zu Jahr zu.

Bestimmte Operationstechniken und die Handhabung wichtiger medizinischer Geräte, habe ich in der DDR nie kennengelernt. Als ich später in München arbeitete, konnte ich meine Lücken rasch schließen.

Sie haben einen Ausreiseantrag gestellt und die DDR verlassen. Was sind hierfür die Beweggründe gewesen?

Die DDR-Medizin war eine Zweiklassenmedizin, Funktionäre des Staatsapparates bekamen und hatten alles, der Rest musste mit dem Mangel leben, das demotivierte mich sehr, noch weiter in der DDR zu arbeiten. Die Arroganz vieler SED-Mitglieder und die Überwachung durch die Stasi, waren schwer erträglich, die einseitige politische Ausrichtung der Schule für meine Kinder äußerst problematisch. Aber das ist nur ein Teil der Medaille. In meinem Buch versuche ich, differenzierter auf das Thema einzugehen.

Ihr Vater begleitete in Niesky lange eine wichtige Position. Was hat Ihre Ausreise für die Familie bedeutet?

Natürlich blieb es nie ohne Folgen, wenn ein Teil einer Familie entweder in den Westen per Antrag ausreiste oder bei einer Dienst-Reise wegblieb beziehungsweise den Fluchtweg wählte. Mein Vater war bereits 1983 verstorben als wir in den ersten Januartagen 1984 von Dresden nach München ausreisen konnten. Für meine Mutter war es schwer, ein weiteres Kind in den Westen ziehen zu sehen, vorher hatten eine ältere Schwester und mein Zwillingsbruder das Land verlassen, später folgte mein jüngster Bruder nach. Dieser bekam nach meiner Ausreise keine Konzertaufträge mehr, er war in Ostberlin Dirigent.

Ich will nicht verschweigen, dass der Abschied von Geschwistern und Freunden, die noch kein Rentenalter hatten und deshalb nur in Ausnahmefällen in den Westen reisen konnten, unendlich schwer war. Niemand ahnte damals, dass bereits 1989 alles anders werden würde!

Sie arbeiteten später in München und Berlin, haben aber auch in Kuwait eine urologische Abteilung aufgebaut. Wie ist es dazu gekommen?

Kuwait war das Heimatland eines meiner begabtesten Schüler. Dieser bat mich 1994, ihm beim Aufbau einer Urologie dort zu helfen. Ich habe das gern getan, weil mich neue Aufgaben immer reizten.

Ihre Erlebnisse haben Sie im Buch „Berlin - Kuwait“ verarbeitet. Was hat Sie bewogen, dieses zu schreiben?

Nachdem ich 15 Jahre als „Visiting Professor“ in Kuwait tätig war, bat mich mein Schüler, für ein Journal meine Erfahrungen aufzuschreiben. Das wurde ein ganz interessanter Bericht von vielleicht zehn Seiten. Diese Zusammenfassung warf eine Menge Fragen auf. Da zur gleichen Zeit die Diskussion über den Islam, seine ganz andere Religiösität, die Gewalt, die uns aus dem Mittleren und Nahen Osten entgegenschlägt und die Frage, wie gehen wir mit denen um, die jetzt in Scharen zu uns kommen wollen, in Deutschland einen immer breiteren Raum einnahm, fassten mein kuwaitischer Schüler und ich den Entschluss, dieses Buch zu verfassen.

Sie legen im Buch dar, dass im arabischen Raum viele Grundlagen für die medizinische Wissenschaft gelegt worden sind. Heute gilt die Region als rückständig und es gibt gerade in Sachsen Vorbehalte gegenüber dem Islam. Wie nehmen Sie die Region wahr?

Die Antwort auf so eine Frage ist schwierig, aber sehr aktuell und wichtig! Ich versuche in meinem Buch, auf dieses Problem einzugehen, ohne eine umfassende Erklärung liefern zu können. Es ist unbenommen, dass etwa vor 800 Jahren die muslimische Welt gegenüber dem christlich-europäischen Mittelalter geradezu fortschrittlich war und wir durch den arabischen Einfluss den Weg zu einer naturwissenschaftlich orientierten Medizin fanden, um es etwas vereinfacht auszudrücken.

Das Thema ist wirklich sehr komplex. Wichtig ist wohl, dass immer dann, wenn eine Ideologie das politische System bestimmt, wir nichts Gutes für das Miteinander der Menschen zu erwarten haben. Das gilt besonders für jede Form der Religion! Sie sollte Privatsache sein und kann trotzdem eine wichtige Rolle im Leben vieler Menschen spielen.

Hatten Sie die Möglichkeit, neben Kuwait auch andere arabische Staaten kennenzulernen?

Ich habe einige Länder Nordafrikas und des Mittleren und Nahen Ostens als Arzt kennen gelernt. Zunächst war ich 1990 Visiting Professor an der Universität von Tel Aviv.

Später habe ich auf Einladung von Präsident Abbas mehrfach in Ramallah operiert und somit die West-Bank gut kennenlernen können. Ich war auch auf Einladung von Gaddafi in Tripolis, um dort Patienten mit Prostatakrebs zu betreuen. Ich habe mehrfach in Teheran und Shiraz operiert.

Was haben Sie auf all diesen Reisen über den Mittleren Osten gelernt?

Bei den Kontakten zu den ärztlichen Kollegen und zu den Patienten hat es einen roten Faden gegeben – das verhängnisvolle Erbe des Sykes-Picot-Abkommens von 1916. Das ist nach 100 Jahren heute wieder in aller Munde. Damals ist das Osmanische Reich nach dem 1. Weltkrieg völlig willkürlich aufgeteilt worden. Die Schuld der Engländer und Franzosen ist aber inzwischen weitgehend verblasst und übrig blieben nur die „bösen“ Amerikaner und die genauso „bösen“ Israelis.

Die Vergangenheit stellt der Zukunft also ein Bein?

Ganz allgemein muss man feststellen, dass viele Menschen im Mittleren Osten mit unserer freiheitlichen Grundordnung wenig anfangen können. Ob es hilfreich ist, sie ihnen dennoch in ihren Heimatländern aufzuzwingen, wage ich zu bezweifeln. Kommen sie aber für kurze Zeit oder für immer nach Deutschland, müssen sie unsere Gesellschaftsform verinnerlichen. Das positive Beispiel zahlloser Migranten, die zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft geworden sind, sollte uns optimistisch stimmen.

Die Fragen stellte Alexander Kempf.