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Volltanken und weg?

Der CDU-Politiker Manfred Kolbe hat getankt und nicht bezahlt. Doch ein Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Tankstellenpächter und Kunden in Bautzen schütteln darüber den Kopf.

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Von Jana Ulbrich

Ich habe mich nicht getraut! Ehrlich! Aber die Versuchung war da: Immerhin standen 73,82 Euro nach dem Tanken auf der Anzeige der Zapfsäule. Was wäre, wenn ich jetzt einfach einsteigen und davonfahren würde? Wenn ich aus Versehen das Bezahlen vergesse? So wie Manfred Kolbe, Sie wissen schon, dieser sächsische CDU-Politiker, der im Bundestag sitzt. Der ist doch gerade zum dritten Mal mit einem blauen Auge davon gekommen.

„Gut, dass Sie es nicht versucht haben“, sagt mir die Bautzener Tankstellenbetreiberin Manuela Kern – und das in unmissverständlichem Ton. „Ich hätte Sie nämlich angezeigt“. Ein paar versteckte Kamera-Augen der Überwachungsanlage haben mich natürlich gesehen. Auch das Kennzeichen an meinem blauen Golf ist auf dem Videobild gut zu erkennen. Die Polizei hätte mich schnell ausfindig gemacht.

Ob Manuela Kern dann aber auch genau so schnell zu den 73,82 Euro gekommen wäre? „Das ist dann leider doch nicht immer so einfach“, sagt die 34-Jährige und wird ernst. Denn selbst wenn die Bezindieb ermittelt werden, die Tankstellenbetreiber haben die Rennerei.

Und wenn die ertappten Autofahrer nicht freiwillig zahlen? Dann bleibt nur die Möglichkeit einer Zivilklage – Ausgang ungewiss. Im schlechtesten Fall bleiben die Pächter auf der offenen Rechnung und den Verfahrenskosten sitzen. – Aber zum Glück, sagt Manuela Kern, passiert es an ihrer Tankstelle nur sehr selten, dass sich jemand mutwillig auf und davon macht. Sie hofft, dass das jetzt auch nach den Medienberichten um Manfred Kolbe so bleibt. Sie und ihre Kollegen sind jedenfalls sauer auf den Mann und die Justiz. Denn es sieht ja jetzt so aus, als wäre Tanken ohne zu bezahlen ein Kavaliersdelikt.

„Natürlich kommt es auch vor, dass Kunden das Bezahlen einfach vergessen“, erzählt sie. „Aber die sind meistens ehrlich und kommen schon ziemlich schnell wieder zurück.“ Ein Kollege aus Bautzen, der hatte mal einen Kunden, der das Geld zwei Tage später gebracht hat. Auch so etwas gibt’s.

305 Anzeigen in einem Jahr

Mario Rickmann hat gerade an der Zapfsäule gegenüber getankt. Der Firmenvertreter aus Magdeburg ist die ganze Woche über dienstlich in der Lausitz unterwegs. Er fährt viel und muss oft an die Tankstelle. Er hat auch oft Termindruck, erzählt er. Aber das Bezahlen vergessen? Niemals. „Tanken ist doch ein Automatismus. Da geht man doch schon im Unterbewusstsein an die Kasse.“

Mario Rickmann hat in der Zeitung gelesen, dass das Tankbetrugs-Verfahren gegen Manfred Kolbe eingestellt worden ist. „Ich finde das unglaublich“, sagt der Mann. „Aber da bewahrheitet sich wieder eine alte Weisheit: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“. Auch Georg Liebe kann darüber nur den Kopf schütteln. Der junge Mann aus Hochkirch hat sich schnell noch einen Becher Kaffee geholt, ehe er weiterfährt. „Ich würde mich schämen“, sagt er.

Viele bleiben unerkannt

Ganz so abwegig und selten scheint mutwilliger Tankbetrug in der Lausitz nun aber doch nicht zu sein. Zwar halten sich die Tankstellenbetreiber mit Aussagen über ihre tatsächlichen Verluste lieber zurück, doch bei der Polizei geht man schon von einer „steigenden Tendenz“ aus. 305 Fälle wurden im vorigen Jahr in der Oberlausitz angezeigt. „Da gibt er aber sicher noch eine Dunkelziffer, die wesentlich höher liegt“, vermutet Polizeisprecher Uwe Horbaschk. Sachsenweit ist die Zahl der angezeigten Tankdiebstähle im vorigen Jahr auf 3380 gestiegen. Der finanzielle Schaden dadurch macht 180.000 Euro aus.

Und nicht immer ist es so leicht, die Betrüger zu ermitteln, wie es in meinem Fall gewesen wäre. Denn wer es direkt aufs Gratis-Zapfen abgesehen hat, der nutzt auch schon mal ein gestohlenes oder gefälschtes Kennzeichen, weiß Uwe Horbaschk. Mitunter fehlen auch brauchbare Videoaufnahmen als Beweis. In jedem zweiten Fall bleiben die Täter deshalb unerkannt.