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Vom alten Postplatz ist nicht viel geblieben

Neue Häuser geben dem Platz zunehmend ein neues Gesicht. Einst luden dort Gastwirtschaften ein.

© Sammlung Holger Naumann

Von Ralf Hübner

Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.

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Am Postplatz drehen sich die Kräne. Stück für Stück wachsen neue Häuser aus der Erde. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende und der Zerstörung der Stadt nimmt der Platz wieder Gestalt an. Schön ist er wohl nie gewesen. Dafür laut, voller Leben, und eine wichtige Verkehrskreuzung. Doch viel ist von dem alten Platz nicht geblieben. Nicht einmal die Post.

Denn den Namen verdankt der Platz einem Postgebäude, das im Stile der Renaissance 1832 an dessen Südseite errichtet worden war. Die Post – das waren damals nicht nur Briefe und Pakete. Das waren auch Reisekutschen, Passagiere, Gepäck und Fracht. Dresden war eine wichtige Station zum Umsteigen und deshalb musste gleich mehrfach angebaut und erweitert werden. Die Telegrafentechnik hielt Einzug. 1893/94 wurde das Gebäude aufgestockt, mit zwei Türmen erweitert und von 1910 bis 1912 wieder umgebaut. Die Post wurde zum Telegrafenamt. 1880 war gegenüber an der Ecke Annenstraße eine weiteres Postgebäude entstanden; Die Oberpostdirektion mit dem späteren Postamt 1. Postgebäude gibt es am Postplatz nicht mehr. Wo einst Telegraphenamt und Oberpostdirektion waren, entstehen jetzt Wohngebäude.

An der Stelle des Postplatzes befand sich einst das Wilsdruffer Tor – das westliche Haupttor der alten Befestigungsanlagen. 1811 wurde es abgetragen und der Festungsgraben verfüllt. So entstand der Wilsdruffer Platz oder auch Wilsdruffer Thorplatz – 1865 in Postplatz umbenannt.

Zu den markantesten Gebäuden des Platzes gehörte einst die Sophienkirche mit ihren zwei Türmen. Sie entstand 1351 als Kirche des Franziskanerklosters und war die einzige in ihrer Grundsubstanz erhaltene gotische Kirche der Stadt. Das bei den Luftangriffen 1945 beschädigte Gebäude wurde 1962 und 1963 abgetragen. An ihrer Stelle öffnete 1967 der Gaststättenkomplex „Am Zwinger“ – im Volksmund „Fresswürfel“ genannt. Die Großgaststätte mit mehr als 1 400 Plätzen und einer Stahl-Aluminium-Glas-Fassade war beliebt, sie und die Tanzveranstaltungen meist ausverkauft. Auch dieses Gebäude gibt es schon nicht mehr. 1998 wurde der Nordteil abgerissen. Dort steht jetzt der Westflügel des „Hauses am Zwinger“. 2007 musste der Rest des Gebäudes dem Bürokomplex Wilsdruffer Kubus weichen. An die ehemalige Sophienkirche erinnert eine Gedenkstätte.

Der Kirche praktisch fast gegenüber lockte das Stadtwaldschlösschen. Riesenbratwürste und Eisbein gingen hervorragend. Einmal wöchentlich gab es Eintopf mit wechselnder Einlage wie Erbsen, Bohnen, Linsen oder Mischgemüse. Milchgrieß mit Zucker und Zimt stand bei den Kindern hoch in der Gunst. Sonntagabends wurde im ersten Stock zünftig aufgespielt.

Eine weitere große Gaststätte schräg gegenüber dem „Stadtwaldschlösschen“ war das „Stadt Gambrinus“. Während des Krieges wurde das historische Bierlokal nur teilweise zerstört. Ein Holzdach wurde gebaut und ein Neuanfang gewagt. 1956 verfügte das „Gambrinus“ über 320 Plätze. Der eilige Gast schätzte die „Huschhalle“, wo er schnell mal ein Bier trinken konnte. 1967 musste es auf behördliche Anordnung schließen und wurde wenige Wochen später abgerissen. Ein Haus ersten Ranges war das 1911 nach einem Entwurf der Architekten Lossow & Kühne erbaut Palasthotel Weber, desen Reste Mitte der 1960er-Jahre abgerissen wurden

Ein besonderes Wahrzeichen des Postplatzes ist die sogenannte Käseglocke. 1927 hatte der Stadtrat den Bau des Gebäudes genehmigt. Ende März erfolgte die Übergabe des Rundbaus mit unterirdischen Toilettenanlagen. Dafür war sogar der Cholerabrunnen an das Taschenbergpalais versetz worden. Die Zerstörung des Platzes hat die Käseglocke unversehrt überstanden. Sie ist damit fast der einzige Zeuge der alten Zeit.