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Vom Feind zum Freund

Hans-Dietrich Reckhaus produziert Insektenfallen. Weil er Fliegen trotzdem mag, entwickelte er zu ihrem Schutz eine neue Marke. Die gibt es vorerst nur in Dippoldiswalde.

Von Linda Barthel

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Für viele dürfte die Geschichte von Hans-Dietrich Reckhaus absurd klingen. Seit Jahren produziert der Bielefelder Unternehmer Insektenbekämpfungsmittel jeglicher Art. Ob Motte, Ameise, Mücke, Fliege oder Wespe – gegen alles gibt es etwas zum Sprühen, Fangen oder Schlagen. Während die Sprays und Fallen täglich vom Band laufen, wirbt Reckhaus jedoch dafür, Insekten zu retten, statt sie zu töten. Wie passt das denn zusammen? Auf den ersten Blick wohl überhaupt nicht. Die Reckhaus GmbH & Co. KG hat allerdings eine weltweit neuartige Marke entwickelt, mit der die Natur für getötete Insekten entschädigt wird. Das erste Produkt, eine Fliegen-Scheibe für 7,90 Euro, wurde gerade in den Markt eingeführt. Bisher gibt es sie nur im Fair-Markt in Dippoldiswalde zu kaufen.

Die Fliegen-Scheibe ist das erste Produkt aus Hans-Dietrich Reckhaus’ insektenfreundlicher Linie. Im Dippoldiswalder Fair-Markt gibt es die ersten Scheiben zu kaufen. © Egbert Kamprath

Denn die Besitzerin ist die erste in ganz Deutschland, die eine Kiste der Scheiben bestellt hat. Die Ware lieferte Reckhaus deshalb sogar selbst aus. Sein neues Produkt trägt das Gütesiegel „Insect Respect“. Das von ihm patentierte Siegel garantiert, dass für die mit einem Reckhaus-Produkt bekämpften Insekten eine Kompensation in Form einer insektenfreundlichen Ausgleichsfläche geschaffen wird. Das Unternehmen lässt Dächer begrünen, um neue Lebensräume mit Nahrungs-, Versteck- und Überwinterungsplätzen zu schaffen.

Wer ein mit dem Siegel gekennzeichnetes Produkt kauft, zahlt einen Obolus, der für die Ausgleichsflächen verwendet wird. Bei der Fliegen-Scheibe – die im Übrigen etwa 100 Tieren das Leben kostet – sind das rund zehn Cent. „Wie hoch die Abgabe ist, entscheidet sich je nach Produkt“, sagt Reckhaus. Er beschäftigt rund 50 Mitarbeiter und zählt zu den führenden Biozid-Herstellern in Deutschland und der Schweiz.

In einen Quadratmeter Ausgleichsfläche investiere das Unternehmen rund 50 Euro. Das erste Biotop wurde bereits vor mehr als drei Jahren auf dem Verwaltungsgebäude der Reckhaus GmbH in Bielefeld angelegt. Die 200 Quadratmeter große Fläche kostete 10 000 Euro.

Doch wie stellt Reckhaus sicher, dass genügend neuer Lebensraum geschaffen wird, um die getöteten Insekten zu ersetzen? Das Unternehmen nutzt dafür ein komplexes Modell, das Biologen entwickelt haben. Wichtigstes Element ist die Biomasse, also das Gewicht der Tiere. Mittlerweile ist bei dem Unternehmen ein Biologe angestellt, der sich ausschließlich mit den Ausgleichsflächen beschäftigt. „Insekten haben einen unschätzbaren Wert“, sagt Reckhaus. „Heute bin ich überrascht, dass ich früher nie über den Nutzen von Fliegen nachgedacht oder meine Produkte infrage gestellt habe.“

Der 50-Jährige führt das 1956 gegründete Familienunternehmen in zweiter Generation zusammen mit seinem Bruder. Den musste er erst von dem patentierten Modell, das auch andere Händler und Mitbewerber nutzen können, überzeugen. „Das hat etwa ein halbes Jahr gedauert“, sagt Reckhaus. Er selbst ist schon seit 2012 von der Idee begeistert. Damals wollte der Betriebswirtschaftler ein neues Produkt in den Markt einführen und wandte sich dafür an zwei Schweizer Künstler. Sie sollten sich überlegen, wie die Ware beworben werden könnte. Reckhaus bekam jedoch keinen Entwurf, sondern harte Worte. „Die Künstler meinten, dass sie mich nicht unterstützen, weil mein Produkt schlecht ist. Sie wollten nicht, dass ich etwas davon verkaufe.“ Außerdem gaben sie dem Unternehmer den Rat, einmal über den Wert einer Fliege nachzudenken und sich zu fragen, ob er die Insekten nicht lieber retten sollte, statt sie zu töten. „Der Gedanke ließ mich nicht mehr los und nach zwei Tagen habe ich gesagt: Ja, das mache ich jetzt.“

Es folgten eine Fliegen-Rettungsaktion in einem Dorf bei Bielefeld, zwei Bücher zum Thema Insekten sowie die Entwicklung des Gütesiegels „Insect Respect“ und der damit ausgezeichneten Marke Dr. Reckhaus. Die gerade in den Markt eingeführte Fliegen-Scheibe soll bald deutschlandweit verkauft werden. 30 Kunden hat das Unternehmen schon. „Wir haben auch einige internationale Anfragen“, sagt Reckhaus. Sein großes Ziel sei es, in Zukunft nur noch Produkte mit dem Gütesiegel zu verkaufen. Rund eine halbe Million Euro hat das Unternehmen bereits in das Projekt investiert. „Das Ganze ist ökonomisch noch nicht erfolgreich. Ich bin mir aber sicher, dass es einmal so sein wird.“