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Vom Goldmacher zum Töpfer – Böttgers „rothes Porcellain“

Das Museum der Manufaktur unternimmt einen Ausflug zu den Anfängen des Meisseners.

Von Udo Lemke
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Anja Hell, die Chefin der Porzellan-Stiftung, erklärt wieso das Böttgersteinzeug ab 1920 eine Blüte erlebte.
Anja Hell, die Chefin der Porzellan-Stiftung, erklärt wieso das Böttgersteinzeug ab 1920 eine Blüte erlebte. © Claudia Hübschman

Meißen. Wie nennt sich das braune Geschirr aus der Manufaktur Meissen? Böttgersteinzeug. Falsch! Als Böttger 1705/06 auf der Albrechtsburg eingesperrt war und die ersten Stücke herstellte, nannte er es rothes Porcellain. Als Böttgersteinzeug wurde das braune „Porzellan“ erst ab 1919 bezeichnet, als sich die Manufaktur auf ihre Anfänge besann und mit dem Material experimentierte. 

„Max Adolf Pfeiffer war als Direktor nach Meißen geholt worden, um frischen Wind an die Manufaktur zu bringen“, erklärt Anja Hell, die Geschäftsführerin der Meissen Porzellan-Stiftung GmbH. Sie hat auch die aktuelle Sonderausstellung zum 300. Todestag von Johann Friedrich Böttger (1682 - 1719) im Museum der Manufaktur zusammengestellt.

Und so sind denn in der Kabinettausstellung 150 erlesene Stücke versammelt. Um einen festen, wasserundurchlässigen Scherben zu erhalten, musste mit vielen verschiedenen Erden experimentiert werden, die in ganz Deutschland gekauft wurden.

 Es stellte sich heraus, dass die Farbe des Scherbens dunkler wurde, je länger er gebrannt wurde. Und so sind denn in der kleinen Schau Stücke zu sehen, die von der Farbe her an Vollmilchschokolade erinnern und solche, die man als Zartbitter bezeichnen würde.

Das Besondere am Feinsteinzeug, wie das spätere Böttgersteinzeug mit dem Fachbegriff heißt: Es lässt sich polieren, schleifen und schneiden, erklärt Anja Hell. „Aufgrund der hohen Dichte ist es möglich, feinste Details herauszuarbeiten. Das eröffnet dem Böttgersteinzeug ab den 1920er Jahren die Welt der Münzen, Medaillen und Plaketten.“ Max Adolf Pfeiffer holt bekannte zeitgenössische Künstler wie Ernst Barlach, Emil Paul Börner, Max Esser, August Gaul, Gerhard Marcks, Willy Münch-Khe oder Erwin Oehme an die Manufaktur. Sie alle sind mit Arbeiten in der Sonderausstellung vertreten.

Allerdings weiß niemand Anfang des 20. Jahrhunderts, woraus Böttgers rothes Porcellain bestanden hat. „Genaue Rezepturen haben sich nicht überliefert. Die Bestandteile der ersten Masseversätze sind unbekannt.“ Der Betriebschemiker der Manufaktur Dr. William Funk „versucht etwa, mit einer chemisch-analytischen Untersuchung der alten Feinsteinzeuge der Rezeptur auf die Spur zu kommen“. Es gelingt ihm, eine Masse zu entwickeln, „die in Bezug auf die Brenntemperatur, Dichte und Farbe den alten Stücken gleichwertig ist“.

Aber nicht nur Medaillen werden aus dieser geprägt, sondern „viele Kommunen ließen sich in den 1920er Jahren Notgeld in der Manufaktur anfertigen“, erklärt Anja Hell. Selbst aus dem fernen Guatemala kommt ein Auftrag – ist Böttgersteinzeug doch im feuchtheißen Klima der Tropen beständiger als jede Metalllegierung oder gar Papier.

Mit dem Böttgersteinzeug erlebt die Plastik an der Manufaktur eine neue Blüte. Wunderbare Tierfiguren entstehen – vom liegenden Elefanten über die still dasitzende Eule bis zum geschmeidigen Fischotter. In der Sonderausstellung sind zudem schöne Akte zu sehen und auch Schachfiguren fehlen nicht.

Bis heute hat das Böttgersteinzeug einen festen Platz im Meissener Sortiment, ja es gibt Liebhaber, die schwören nur auf den edlen braunen Scherben. Was junge Künstler der Manufaktur wie Maria Walther und Max Hagestotz mit dem Böttgersteinzeug gestalten – auch das ist in der Sonderschau zu sehen.

Sonderausstellung „Böttger und das rothe Porcellain“, ab 4. Februar bis zum 31. Dezember, Museum der Manufaktur Meissen, Talstraße 9, 01662 Meißen, geöffnet von Mo. bis So. 9 – 18 Uhr bis 1. 5., ab 1. 11. von 9 – 17 Uhr.