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Vom Leben auf der Straße

Da die Zahl der Obdachlosen steigt, sollen ein Dusch-Bus und Fördergelder helfen. Jana erzählt von ihrem mühsamen Weg weg von der Straße.

© Christian Juppe

Von Julia Vollmer

Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Schneiderin am Theater – das ist Janas großer Traum für die Zukunft. Doch vor der Erfüllung dieses Traumes muss sie erst mal ihren Schulabschluss schaffen. Diesen holt sie gerade in der Straßenschule der Treberhilfe nach. Jana lebte jahrelang auf der Straße. Keine Wohnung, keine Perspektive. Vor ihrem 18. Geburtstag wohnte sie in einer Wohngruppe in Marienberg, hatte nur sporadisch Kontakt zu ihrer Mutter und ihrer Familie. „Mein großer Wunsch war es, wieder nach Dresden zurückzukommen – in meine Heimat,“ sagt sie. So kam sie 2014, mit 18 Jahren, wieder zurück an die Elbe, schlug sich auf der Straße durch, schlief mal im Park und mal bei Freunden. Sehr regelmäßig übernachtete sie im Übergangswohnheim am Hubertusplatz. „Man wird vom Sozialamt zugewiesen“, erzählt die 21-Jährige, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Wohl war ihr nie bei der Sache – nur sehr wenige Frauen seien mit ihr dort gewesen. „Ich bekam aber einfach keine Wohnung, da ich keine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung hatte, kam ich doch direkt aus dem Kinderheim“, sagt sie.

So wie der 21-Jährigen geht es immer mehr Menschen in der Stadt. Die Zahl der Wohnungslosen steigt. Aktuell leben rund 320 Menschen auf der Straße, 2010 waren es noch hundert weniger, so Dominic Heyn, persönlicher Referent von Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke). Die Verwaltung erfasst aber nur diejenigen, die sich wohnungslos melden. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher sein, denn viele der Menschen scheuen den Kontakt mit den Behörden. Schätzungen gibt es hierzu allerdings nicht.2016 waren bundesweit rund 860 000 Menschen ohne Wohnung – seit 2014 ist dies ein Anstieg um fast 150 Prozent, so die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Ein Grund für diesen drastischen Anstieg ist die Zuwanderung. Rund 12 Prozent der Obdachlosen sind EU-Bürger. Auch in Dresden beobachten Experten einen Anstieg von Obdachlosen aus Polen, Rumänien und der Slowakei.

Auf die steigenden Zahlen reagieren jetzt die Sozialpolitiker von Grünen, Linken und SPD mit einem Antrag. Zum einen sollen die Dresdner Nachtcafés, die sich um obdachlose Menschen kümmern, finanziell unterstützt werden. Dazu soll ein Fond mit rund 80 000 Euro pro Jahr gebildet werden, aus dem die Mittel für Matratzen, kaputte Waschmaschinen oder Bekleidung für die Betroffenen gezahlt werden können. Die Förderung soll pro Nachtcafé und Jahr 10 000 Euro nicht übersteigen. Derzeit gibt es sieben Nachtcafés, die unter anderem von den Kirchen und der Heilsarmee betrieben werden. Außerdem wollen die Sozialpolitiker einen Dusch-Bus in Dresden etablieren. „Wir brauchen ein mobiles Angebot für die Obdachlosen, wo diese sich duschen und die Toilette benutzen können“, so Vincent Drews (SPD). Integriert werden soll ein Beratungsangebot. „Ein Türöffner“, soll der Bus sein, denn viele Obdachlose scheuen den Gang auf Behörden und Ämter, sagt Grünen-Stadträtin Tina Siebeneicher. Freie Träger, die einen solchen Dusch-Bus betreiben wollen, sollen sich jetzt bewerben. Zu den Kosten könne er noch nichts sagen, das hänge von den Bewerbungen ab, so Drews. „Wir hoffen, so auch Menschen erreichen zu können, die in dem bestehenden Hilfesystem bisher nicht ankommen“, sagt auch Linken-Politikerin Pia Barkow. Von der Treberhilfe gibt es mit dem Jumbo-Bus ein ähnliches Angebot, hier werden Essen und Tee ausgegeben. In den USA fährt seit Jahren ein Duschbus durch die kalifornische Metropole San Francisco.

Die Furcht der Obdachlosen vor Behörden, wie ihn die Politiker beobachten, bestätigt auch Gert Grabowski. Er leitet das Nachtcafé in der Zionskirche und ist zugleich Sprecher des Nachtcafé-Koordinierungskreises. Eben jene Scheu sei auch der Grund für die Obdachlosigkeit von vielen. Denn dauerhaft auf der Straße leben muss eigentlich niemand, Hartz IV-Empfänger bekommen eine Wohnung bezahlt. „Aus Angst vor Verurteilung oder der Antragsflut trauen sich viele Wohnungslose nicht zum Amt“, so Grabowski. Die Gründe für eine vorübergehende Obdachlosigkeit sind vielfältig: Trennungen, Drogen, Alkohol und Schulden. Auch bei ihm landen immer mehr Wohnungslose, und die werden immer jünger, stellt er fest. „Viele wollen nicht im Übergangswohnheim schlafen, da sie Hundehalter und ihre Tiere dort verboten sind, dann schlafen sie lieber auf der Straße.“ Ab 20 bis 23 Uhr werden die Gäste in die Nachtcafés eingelassen. Sie bekommen Getränke und eine warme Mahlzeit. Es gibt auch die Möglichkeit, dort zu duschen oder die Wäsche zu waschen und zu trocknen. Sowohl Notfallplätze wie auch Plätze für einen Monat gibt es im Übergangswohneheim am Hubertusplatz für Menschen ohne Bleibe. Betrieben wird es von SZL Suchtzentrum gGmbH. „Wir sind gerade im Winter voll ausgelastet, unsere 55 Plätze sind immer voll“, so Geschäftsführer Holger Herzog. Auch er registriert steigende Zahlen und könnte mehr Mitarbeiter gebrauchen. Acht Angestellte kümmern sich rund um die Uhr um die Menschen.

Jana hat es geschafft. Sie wohnt ganz frisch in einer Wohnung, die das Sozialamt bezahlt. Und sie will ihren Abschluss in der Straßenschule schaffen. „Sogar Physik macht mir jetzt Spaß“, erzählt sie.