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Vom Losgehen und Ankommen

Zimmermannsgeselle Arnold Böhm aus Deutsch Paulsdorf kehrt nach fast vier Jahren Walz zurück. Und er hegt neue Pläne.

© nikolaischmidt.de

Von Anja Gail

Endlich. Vorbei, die Zeit des Wartens. Ganz fest hält Silke Cording am späten Freitagnachmittag ihren Sohn Arnold in den Armen. Der 26-Jährige kehrt nach drei Jahren und acht Monaten auf der Walz in sein Heimatdorf zurück. 1 336 Tage sind vergangen, seit er sich von Deutsch Paulsdorf aus auf seinen Weg gemacht hat. Zwei Flaschen musste er vorher am Ortsschild vergraben, eine mit guten Wünschen gefüllt, die andere mit Schnaps. Er ist über das gelbe Schild geklettert und ohne zurückzuschauen losmarschiert. So lautet die Regel.

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Das Prozedere steht am Freitag erneut an, nur in umgekehrter Reihenfolge. Doch zuvor Umarmungen, Händeschütteln, Schulterklopfen. Immer wieder. Familie, Freunde, Bekannte und Dorfbewohner stehen bereit. Andere Wandergesellen sind teils von weither in dem kleinen Dorf am Spitzberg eingetroffen, um die bunte Gruppe in Empfang zu nehmen. Mit Kind, Hund und Kegel wartet das große Begrüßungskomitee mitten auf der schmalen Straße. Ein „Grüß Dich“ oder „Ach, hallo“ ist da immer wieder zu hören.

Auf einer Bank am Straßenrand sitzt Rosi Gärtner, mit 93 Jahren die älteste Dorfbewohnerin und Großtante von Arnold. Sie kann sich nicht daran erinnern, dass junge Menschen früher vor Ort dieser Tradition oft gefolgt sind. Durch den Krieg und in der Zeit danach war vieles zum Erliegen gekommen. In der DDR trauten sich nur wenige Gesellen, das Verbot zu umgehen. Aber auch im Westen Deutschlands ging die Walz infolge des Wohlstands zurück. Erst in den 1980er Jahren nahmen das Bewusstsein für Tradition, Gleichberechtigung und die Suche nach alternativen Lebensweisen wieder zu. In dieser Zeit sind auch Gesellenvereinigungen entstanden, die Mitstreiter aus verschiedenen Gewerken und Frauen aufnehmen. Zu so einer losen Vereinigung von Freireisenden, der „Baconhunters“, gehört auch Arnold.

Das sei einfach alles einmalig, sagen Beatrix und Constance Rudolph aus Deutsch Paulsdorf. Auch Günter Meier war am 15. September 2014 mit dabei, als sich Arnold in seiner Zimmermannstracht und mit wenigen geschnürten Bündeln auf dem Rücken von zu Hause verabschiedete.

Fast zwei Stunden sollen am Freitag für die Wartenden noch ins Land gehen. Plötzlich verkündet ein Junge, der eilig immer wieder in Richtung Lehdehäuser radelt und zurückkommt: „Sie sind gleich hier.“ Da kann Siegrid Grabsch, Arnolds Oma, die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ihre Nerven liegen blank . „Wie lange brauchen die denn noch für die letzten wenigen Hundert Meter“, sagt sie. Arnold ist ihr zweitältester Enkel. Während der langen Zeit habe sie ihn zwar gesehen, erzählt sie. Die Familie vereinbarte Treffpunkte, die auf Arnolds Strecke lagen. Aber das letzte Wiedersehen war im Oktober 2016 in Berlin.

Seine zwei Bannmeilen im Umkreis von 50 Kilometern um Görlitz und Dresden hat Arnold während der Walz streng eingehalten, um sich wirklich freizumachen von Familie und Freunden, sagt er. „Ich habe mich aber sehr gesorgt, dass etwas passiert und wie das im Winter funktioniert“, erklärt seine Oma. Arnold sei sehr bescheiden, fügt sie hinzu, so konnte er das wohl alles packen. Im vorigen Jahr habe sie einen Wandergesellen als Übernachtungsgast bei sich aufgenommen. Den hatte ihr Enkel vermittelt. Überhaupt sind die jungen Frauen und Männer, die auf die Walz gehen, ein eingeschworenes eigenes Völkchen. Jeder scheint jeden zu kennen. Über die meisten Begegnungen untereinander bestimmt dennoch der Zufall.

Am Freitag in Deutsch Paulsdorf ist aber alles bestens organisiert. Silke und Markus Cording haben mit Arnolds Geschwistern, er ist der Älteste von fünf Kindern, mit Verwandten und Freunden alles vorbereitet. Der Wind bewegt Luftballons und Spruchbänder an den beiden Straßen aus Richtung Gersdorf und Lehdehäuser. Etliche Zettel sind verteilt worden. Am Wochenende wird es etwas turbulenter und lauter zugehen im Schlosspark. Den hat Eigentümer Gotthard von Wallenberg gern dafür bereitgestellt. Ein toller Platz zum Feiern. Denn es ist üblich, dass der Geselle, der seine Wanderjahre beendet, bei dieser Feier auch seine Kluft ablegen muss. Das hat auch so funktioniert, erzählt Arnold am Montagabend. Die meisten Gäste vom Wochenende sind da schon abgereist. Doch es sind erneut genug Helfer vor Ort, die den Park aufräumen, Schilder und Luftballons entfernen.

Unter ihnen auch noch einige Gesellen, die sich jetzt wieder auf den Weg begeben werden. Aber ein Abschied sei das nicht, sagt Arnold. Von dieser Lebensetappe schon, aber nicht von seinen Freunden, die er während der Wanderjahre hinzugewonnen hat. Das sei so ein großer Kreis, in dem es immer wieder auch Treffen gibt. „Wir sind zwar ganz verschiedene Menschen, aber wir teilen das Abenteuer am Reisen und am Leben“.

Dieses genügsame Leben, nur auf das Hier und Jetzt konzentriert, soll so auch noch etwas weitergehen. Er sei zwar während der Walz kreuz und quer durch Europa und auf den Kapverdischen Inseln vor der afrikanischen Küste unterwegs gewesen. „Ich war fast in jedem Land Europas und überall dort, wo der Aufenthalt über die Durchreise hinausging, habe ich auch gearbeitet.“ Dennoch gebe es noch viele Orte, die er sich ansehen möchte. „Also werde ich erst mal reisen und dabei weiter arbeiten“, sagt er. Der Sommer sei dafür ein Puffer, auch, um im normalen Alltag anzukommen. Außerdem will er sich in anderen Bereichen ausprobieren. Das Zimmermannshandwerk hat er nach dem Abi, einem Freiwilligenjahr und etwas Zeit in Syrien und Spanien gelernt. Die Firma bei Dresden habe Aufträge in der Denkmalpflege und Restauration ausgeführt, oft auch auf auswärtigen Baustellen. Die Wanderjahre nach der Freisprechung waren für ihn gesetzt. Er kannte das seit Kindheitstagen von den Söhnen aus einer befreundeten Familie.

Nur mit den Arbeitssachen ausgestattet, zwei, drei Werkzeugen, Unterwäsche, einigen bequemen Kleidungsstücken und seinem Schlafsack, mehr brauche er nicht. Während der Wanderjahre habe das auch mit seiner veganen Ernährung größtenteils funktioniert. „Ich koche gern, das war kein Problem.“ Warum auch, so sagt er, sollte er seine Überzeugungen an den Nagel hängen. Er verzichte, weil es ihm um das Wohl der Tiere geht. „Und Materielles war noch nie mein Reichtum“, erklärt er.

In den nächsten Tagen, wenn vorübergehend etwas Ruhe einzieht, wird er noch mal in seiner Zeitkapsel lesen – der Flasche mit den Wünschen. Er wird sein Wanderbuch zur Hand nehmen, in dem alle Referenzen, Strecken, Orte und Eindrücke stehen. „Mein Logbuch“, sagt er. „Im letzten halben Jahr war mir klar, dass ich meinen Weg nach Hause antreten werde.“ Losgehen sei schwierig, ankommen aber noch viel mehr .