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Vom "Napalm-Mädchen" zur Friedensbotschafterin

Das Foto von 1972, das sie zeigt, wurde zum Symbol des Vietnamkriegs. Jetzt wurde Kim Phuc Phan Thi der Dresdner Friedenspreis verliehen.

Kim Phuc Phan Thi erhält am 11. Februar 2019 in der Semperoper in Dresden von Prinz Edward, Herzog von Kent, den 10. Internationalen Friedenspreis. © Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. "Wenn ich allein bin, meide ich das Bild", sagt Kim Phuc Phan Thi. "Aber ich kann damit für den Frieden arbeiten, das ist meine Vision." Am 8. Juni 1972 war in ihrem Dorf Feuer vom Himmel gefallen. Ein Kriegsreporter fotografierte, wie die Neunjährige nach dem Napalm-Angriff nackt und schreiend vor Schmerzen über eine Straße läuft, im Hintergrund dicker Qualm. Das später mit dem Pulitzer-Preis gekrönte Bild ging um die Welt als Symbol des Vietnamkriegs - und trug zum Umdenken in der US-Bevölkerung bei.

Seit vielen Jahren engagiert sich Kim Phuc für Versöhnung und kümmert sich mit einer eigenen Stiftung um Kinder aus Kriegsgebieten. Dafür erhielt sie am Montagabend in der Semperoper den mit 10.000 Euro dotierten Dresdner Friedenspreis. "Mein Traum ist zu helfen, dass die Welt ein besserer Platz zum Leben ist." Sie reist als UN-Botschafterin um die Erde, obwohl ihre Narben manchmal wie Feuer brennen, erzählt ihre Geschichte und spricht für Kinder, "die keine Stimme haben".

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Ein journalistischer Meilenstein

Ihre Laudatio hielt der Dokumentarfotograf James Nachtwey. Auch er hatte in jungen Jahren den Vietnamkrieg begleitet. Außerdem dokumentierte er die Konflikte in Afghanistan, Tschetschenien, Ruanda und dem Irak. Er selbst hatte 2012 den Dresden-Preis erhalten, stellvertretend für die Arbeit aller Fotografen in Krisengebieten. In seiner Rede sagte Nachtwey, dass das Foto einer der Gründe für seine eigene Laufbahn gewesen sei. Und er würdigte die Aufnahme als Meilenstein, der erheblich zum Ende des Vietnamkrieges beigetragen hatte. Den Preis übergab Prinz Edward, Herzog von Kent, ebenfalls früherer Dresden-Preisträger.

Die von Kim Phuc Phan Thi ins Leben gerufene Stiftung baut seit 1997 Schulen, Waisenhäuser und medizinische Einrichtungen auf der ganzen Welt. Das jüngste Projekt: eine Bibliothek für Kinder in dem Dorf, wo sie zum "Napalm-Mädchen" wurde. "Bildung ist so wichtig, jedes Kind muss die Chance haben, zu lernen." Nach dem verhängnisvollen Tag, an dem sie der Fotograf Nick Út noch mit Wasser übergossen und in ein Krankenhaus gebracht hatte, schien ihr eigenes Leben zu Ende. "Im Grunde wollte ich sterben, einfach aufgeben, ich hatte keine Hoffnung auf Leben und eine Zukunft, nur Leiden."

8. Juni 1972, Vietnam, Trang Bang: Die neunjährige Kim Phuc Phan Thi (M.) flieht nackt und schwer verletzt mit ihren Brüdern und Cousins vor einem Napalm-Angriff. Das Bild ist eines der berühmtesten Pressefotos des 20. Jahrhunderts. © Nick Ut/AP/dpa

Zehn Jahre war ihr Herz voller Hass, Verbitterung und negativer Gedanken, bis sie in der Saigoner Bibliothek auf der Suche nach Antworten auf ihr Schicksal den christlichen Glauben entdeckte. "Ich bin sehr dankbar, dass ich noch lebe, dass ich aus dem Erlebten lernen, einen Weg finden konnte, anders mit Verletzungen, Schmerzen und der Quälerei umzugehen", sagt sie. Und sie beschloss, kein Kriegsopfer mehr zu sein. "Ich bin eine Mutter, Großmutter und Überlebende, die sich für den Frieden einsetzt." Ihr eigenes Leben sei bestimmt von Hoffnung, Liebe und Vergebung.

"Meine Vision ist, zu helfen, damit die Welt ein besserer Platz zum Leben ist." Jeder könne für den Frieden arbeiten und zu einer besseren Gesellschaft beitragen. "Durch Menschen, die verbittert sind, eine negative Einstellung zu allem haben, entstehen Gewalt und Hass und das führt zu Krieg." Phuc glaubt fest daran, dass ihre Geschichte auch Andere umdenken lässt. "Wenn selbst ein kleines Mädchen nach so einem Erlebnis Liebe, Hoffnung und die Fähigkeit zur Vergebung lernen kann, kann es jeder".

Unzählige Operationen, bis heute Therapien

Die Südvietnamesische Armee hatte damals fälschlicherweise Phucs Dorf mit Napalm beschossen. Die zähflüssige Brandwaffe klebt am Ziel - auch an menschlicher Haut. Viele Opfer überlebten das nicht. Phuc erlitt auf der Hälfte ihres Körpers Verbrennungen dritten Grades, 14 Monate lang war sie im Krankenhaus und wurde danach unzählige Male operiert. Bis heute unterzieht sie sich immer wieder Therapien, um ihre Narben erträglich zu machen. "Nach der letzten schmerzen sie nur noch halb so viel."

Die kommunistischen Machthaber, die die Macht des Bildes erkannten, hatten sie als Kriegsopfer zur Propaganda vorgeführt. Nach einer Behandlung in Deutschland studierte Phuc auf Kuba, erst Pharmazie, dann wegen der Chemikalien Sprachen, und lernte ihren Mann kennen. "Ich habe nicht geglaubt, dass mich ein Mann liebt und heiratet. Ich dachte, ich würde nie ein normales Leben führen." Mit ihm ging sie nach Kanada ins Asyl, inzwischen ist es ihre Heimat. "Da kann ich frei leben und fühle mich sicher." Mit Vietnam, wo ihre Geschwister sind, verbindet sie nur die schreckliche Kindheit. "Aber meine Herkunft vergesse ich nicht." (Maximilian Helm/dpa)