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Wahldrama mit dem Segen des Herrn

© Matthias Rietschel

Erst nach zwei Tagen und sechs Wahlgängen findet die evangelisch-lutherische Landeskirche einen neuen Landesbischof.

Von Annette Binninger

Dresden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, scherzen ein paar Synodale, als sie sich erneut in die Warteschlange vor der Abstimmungskabine einreihen. Alle drei Stunden dürfen sie ran. Jetzt ist es das sechste Mal, diesmal sind die Wahlzettel orange. Es ist Sonntagnachmittag und damit bereits der zweite Tag in diesem historisch einmaligen Wahlkrimi angebrochen. Vier Kandidaten, sechs Wahlgänge – am Ende wird es das längste Wahlverfahren in der sächsischen Kirchengeschichte. Von Abbruch der Wahlen, einem neuen Anlauf gar, war da bereits kurzzeitig unter den 80 Synodalen die Rede gewesen.

Dennoch gibt es dann doch noch einen neuen Bischof: Plötzlich ist Carsten Rentzing gewählt, der in allen Wahlgängen vorne lag. Mit 40 von 80 Stimmen aus dem Kirchengremium erhält der 47-jährige Pfarrer aus Markneukirchen gerade mal die notwendige Mindestzahl. Sein härtester Konkurrent, Landesjugendpfarrer Tobias Bilz, liegt mit nur zwei Stimmen dahinter. Endlich: Ein Bischof ist gewählt – Erleichterung, ja. Doch Begeisterung bleibt aus in dieser Stunde. Viele Kirchenvertreter sind abgekämpft, erschöpft. Es gibt manche besorgte Gesichter nach dieser Richtungsentscheidung für die sächsische Landeskirche. Rentzing gilt als eher konservativer Kirchenmann. Die Rolle des weltoffenen, auch mal politisch agierenden Modernisierers und Reformers der unter starkem Mitgliederschwund leidenden Landeskirche trauen ihm viele nicht zu.

So trat der vierfache Vater beispielsweise im innerkirchlichen Streit als entschiedener Gegner von homosexuellen Partnerschaften in protestantischen Pfarrhäusern auf. Eine homosexuelle Lebensweise entspreche nicht dem Schöpfungswillen Gottes, findet Rentzing. Und so könnte der gebürtige Berliner durchaus zur Zerreißprobe für die Landeskirche werden. „Wir gehören zusammen“, hält er dem entgegen. „Ich bitte Sie um das Quäntchen vorauseilenden Vertrauens, das jeder braucht, der ein solches Amt antritt.“

Der Präsident des Kirchengremiums, Otto Guse, selbst angeschlagen und mit den Tränen kämpfend, müht sich am Ende zu vermitteln, redet von „unerfüllten Wünschen, Enttäuschungen, Verletzungen bei allen“ und spricht „Sieger“ Rentzing direkt an. „Einige haben sie aus Überzeugung gewählt, einige haben sie aus Überzeugung nicht gewählt.“ Der künftige Landesbischof brauche jetzt die Unterstützung aller, um sein Amt auszuüben, appelliert Guse an den Zusammenhalt in der Landeskirche.

Dass die Kür des künftigen Bischofs kein leichtes Spiel werden würde, hatte sich bereits länger angedeutet. Vier Kandidaten waren angetreten, um für das Bischofsamt zu kandidieren. Darunter befand sich mit der Dresdner Pfarrerin Margit Klatte erstmals auch eine Frau unter den Bewerbern. Doch sie fiel ebenso wie Landeskirchenrat Dietrich Bauer nach dem vierten Wahlgang ganz raus. Denn dann kommt es laut Kirchengesetz zur Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten, die die meisten Stimmen auf sich vereinigt haben. Bauer und Klatte waren aber zuvor auch nicht bereit gewesen, ihre Bewerbung zugunsten einer schnelleren Entscheidung zurückzuziehen. Auch das sorgte teils für Unmut unter der Kirchenversammlung. Bilz oder Rentzing hieß es dann Sonntagmittag im fünften Wahlgang. Doch auch die grünen Stimmzettel – Grün gilt als Farbe der Hoffnung – halfen nicht weiter. Mehrere Enthaltungen blockierten die Wahl. „Die Lager betonieren sich ein“, bedauerte ein Synodaler die Entwicklung. Die Zerrissenheit, die seit Jahren zu beobachten ist, zeige sich in den Wahl-Stunden.

Zudem lag die Tücke aber wohl auch im erst 2007 geänderten Wahlgesetz der evangelisch-lutherischen Landeskirche. So waren erstmals nicht mehr die Mitglieder des Landeskirchenamts wahlberechtigt – eine Macht von immerhin acht Stimmen fehlte.

Der neue Landesbischof hat künftig eine starke Gegenmacht in der Synode. Bis zuletzt hatte Landesjugendpfarrer Tobias Bilz fast die Hälfte der Stimmen auf sich vereinigen können. Von einer Spaltung der Synode ist sogar die Rede. Rentzing hält dagegen, will einen, verbinden, appelliert dazu an die rund 780 000 Gläubigen in der Landeskirche. „Ich bin nicht angetreten als Vertreter irgendeines Teils dieser Kirche“, sagt Rentzing, der erst als Erwachsener zum Glauben gefunden hatte. „Ich bin Landesbischof dieser Kirche, und dazu gehören alle Gläubigen dieser Kirche.“

Am 29. August wird Rentzing in der Dresdner Kreuzkirche feierlich in sein Amt eingeführt – und zugleich Landesbischof Jochen Bohl feierlich verabschiedet. Und auch das ist neu: Die Amtszeit des neuen Bischofs ist auf 12 Jahre begrenzt.

Korrektur: In diesem Artikel wurde ein Zitat von Carsten Rentzing nachträglich geändert. Wir hatten versehentlich von „vorauseilendem Gehorsam“ statt von „vorauseilendem Vertrauen“ geschrieben, um das der neue Landesbischof bei seinem Amtsantritt bittet. (fsc)