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Waltrauts Hitzewallung

Der historische Elbschlepper zeigte am Tag des offenen Denkmals sein Inneres – für Gäste eine seltene Chance.

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© R. Meinig

Von Nadja Laske

Der dritte Sauna-Gang ist geschafft. Egmar Balzer steigt die Stufen hinauf in die pralle Mittagssonne. Schön kühl, findet er. Da, wo der 69-Jährige gerade herkommt, ist es wohl 60 Grad heiß – im Schiffsbauch des pensionierten Elbschleppers Waltraut im Alberthafen.

Am Sonntag zeigte er Gästen Kajüten (Foto) und Laderäume der Waltraut.
Am Sonntag zeigte er Gästen Kajüten (Foto) und Laderäume der Waltraut. © R. Meinig

Für den Beweis fehlt ein Thermometer. Aber die frische Hitze an Deck ist ein guter Grad-Messer. Egmar Balzer steckt Hände und Unterarme in ein Regenbecken, schaufelt sich Wasser ins Gesicht. Eine kleine Abkühlung, bevor er wieder abwärtssteigt. Die nächste Gruppe wartet schon, Besucher, die der ehemalige Schiffer durch den rund 65 Meter langen Schiffsrumpf führen wird. Dafür ist er heute hier.

Zum Tag des offenen Denkmals haben Mitglieder des Sächsischen Hafen- und Verkehrsvereins die Tore zum Areal des kleinen Hafenbeckens aufgeschlossen. Schon halb zehn, eine halbe Stunde vor regulärem Beginn, standen die ersten Besucher parat und brauchten etwas Geduld. Jetzt versammeln sich stündlich Gruppen um den ehemaligen Hafenleiter Detlef Bütow, um mit ihm historische Hafenmauern entlangzulaufen und den Blick übers Hafenbecken in Richtung Elbe schweifen zu lassen. Von ihm lernen sie, dass der Hafen eine hundertprozentige Tochter des Landes Sachsen ist, niemals Land verkauft, aber umso lieber an transportierende und produzierende Unternehmen vermietet. Dass ein Puffbetreiber dort ein Etablissement eröffnen wollte, dies aber nicht durfte, obwohl es sich ja gewissermaßen auch um einen Verkehrsbetrieb handelte, wie Bütow scherzt. Dass 500 Menschen in den verschiedenen Firmen auf dem Hafengelände arbeiten. Dass die Elbe 24 Staustufen hat, davon nur eine einzige im deutschen Gewässer liegt und 23 im tschechischen. Und dass jeder Binnenschiffer immer für den Bau einer neuen Staustufe sein wird, ganz egal, wie umstritten diese Projekte sind und wie gefährdet die Hufeisennasen, die den Bau so lange verzögern.

Mit Sonnenhüten und Tüchern versuchen sich seine Zuhörer gegen die Sonnenglut zu schützen und harren bis zum letzten Wort gespannt aus. Viele Eltern mit Kindern sind dabei. Im Flüsterton erklärt eine Mutter ihrem Blondschopf, warum schwere Maschinen mit Kränen von Sattelschleppern auf Transportschiffe gehievt werden müssen. Unterdessen kündigt der Ex-Hafenchef den bevorstehenden Rundgang auf der Waltraut an. Seit vier Jahren ist Bütow in Rente und immer noch leidenschaftlicher Hafenexperte. Er engagiert sich im Verein für die Belange der Hafenwirtschaft und der sächsischen Häfen. Viele Unternehmen haben sich dafür vereinigt, doch auch Private arbeiten mit.

So wie Egmar Balzer in der Fachgruppe Elbeschifffahrt. Groß geworden ist er im Mansfelder Land. Als Kind radelte er oft zur Saale und sah auf ihr die Kähne liegen. „Das hat mir gefallen“, sagt er. Schiffer wollte er werden und begann mit 16 seine Ausbildung. Ein harter Job, ja, aber er hat ihn sich schließlich ausgesucht, sagt er. Egmar Balzer steht schweißgebadet in Waltrauts Bauch. Strahler beleuchten Schiffsschrauben, Anker, Werkzeuge. Auch eine geborstene Weltkriegsbombe ist dabei. Sie wurde beim Ausschaufeln des versandeten Hafenbeckens zutage gefördert.

Elektrisches Licht gab es zu Balzers Zeit als Binnenschiffer nicht. Nur Petroleumlampen und ansonsten: „Luken auf!“ Eine Schinderei. Zu zweit musste man die mit Teer bestrichenen Lukenabdeckungen anheben und beiseitestapeln, damit der Schlepper beladen werden konnte. Die gleiche Hauruck-Aktion, wenn der Zollbeamte Licht auf seinem Rundgang durch die Laderäume brauchte, Ware umzuräumen oder das Schiffsinnere zu lüften war. Von Hand pumpte Balzer Wasser aus dem lecken Schiffsrumpf und sägte den Weg frei, wenn der Fluss vereiste. Die Liebe brachte ihn nach sechs Jahren an Bord nach Dresden. „Ich habe hier ein Mädel kennengelernt, also meine Frau, und dann kam der Junge“, erzählt Balzer. Also blieb er hier und gab seinen Beruf auf – für seinen zweiten Traumjob bei der Wasserschutzpolizei. Da kam er abends heim zur Familie.

Schiffern ist das nicht vergönnt. Wochenlang fahren sie flussauf, flussab. Wie sie in dieser Zeit wohnten, schliefen, aßen und kochten, davon bekommen Waltrauts Gäste in den beiden Kajüten eine Vorstellung. Die wurden liebevoll hergerichtet. Vor einem Jahr, als der Hafen 120 Jahre alt wurde, gab es die letzte Möglichkeit, den historischen Schlepper von 1913 zu besichtigen. Der Tag des offenen Denkmals war für ihn Premiere. Eine gelungene, wie Egmar Balzer findet. Gelöchert von Fragen der Besucher steht er unter Deck, erzählt, gestikuliert, demonstriert – und schwitzt.