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Warme Kufen, kalter Krieg

DDR-Rodlerin Ortrun Enderlein wurde 1968 um Olympiagold gebracht. Jetzt entschuldigt sich der Verband – ein bisschen.

© picture-alliance / dpa

Von Volker Kluge und Tino Meyer

Der Anlass ist dem Vorfall angemessen, eine Entschuldigung ohnehin längst überfällig für die als Kufenskandal von Grenoble in die Sportgeschichte eingegangenen Ereignisse vom Februar 1968. Wobei, eine wirkliche Entschuldigung sind die Worte der Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gar nicht. „Ihnen wurde vorgeworfen“, sagt Veronika Rücker und meint die DDR-Rodlerinnen, „sie hätten ihre Kufen erwärmt und damit manipuliert. Liest man die Geschichte nach, klingt sie mehr als abenteuerlich und sehr stark nach heftigem Kaltem Krieg.“

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Nach der Anhörung am 14. Februar verlässt die Oberwiesenthalerin Enderlein das Verbandshotel.
Nach der Anhörung am 14. Februar verlässt die Oberwiesenthalerin Enderlein das Verbandshotel. © action press

Es ist und bleibt nicht weniger als ein Skandal – sowohl aus damaliger Perspektive als auch mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts. „Wir sind der festen Überzeugung, dass Ortrun Enderlein und ihren Mannschaftskolleginnen damals Unrecht widerfahren ist. Aus unserer Sicht hätte sie eine Medaille gewonnen“, betont Rücker in ihrem Grußwort bei dem Wiedersehenstreffen der deutschen Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1968 – in einer, wie Rücker erklärt, „von der Politik sehr geprägten Zeit“.

Zum ersten Mal nahm ein selbstständiges DDR-Team an den Spielen teil. Die Medaillenhoffnungen ruhten insbesondere auf den Rodlern. Bei den Männern erfüllten Thomas Köhler und Klaus-Michael Bonsack mit Silber und Bronze die Erwartungen. Bei den Frauen sah es sogar noch besser aus. Nach zwei von vier Läufen lagen Enderlein und Anna-Maria Müller in Führung sowie Angela Knösel auf Rang vier hinter der Italienerin Erika Lechner.

Für die entscheidenden Läufe hatte der westdeutsche Mannschaftsleiter Richard Hartmann nun – regelkonform – eine Temperaturkontrolle der Kufen beantragt. Also erschien der polnische Jury-Vorsitzende Lucjan Swiderski am Frauenstart, prüfte die Kufen einer Vorläuferin aus Japan und die der drei DDR-Rodlerinnen. Er schnippte etwas Schnee auf die Kufen, und weil die nach seiner Ansicht zu warm waren, forderte er die Frauen auf, ihre Schlitten in den Schnee zu stellen. Danach prüfte er erneut die Temperatur durch Handauflegen und gab die Startfreigabe für den dritten Lauf, der den bisherigen Rennverlauf bestätigte: Enderlein vor Müller, Lechner und Knösel.

Wenig später wurde der vierte Lauf wegen des Wetters verschoben. Stattdessen war der Skandal perfekt. Denn kaum waren die Rodlerinnen ins Mannschaftshotel zurückgekehrt, erhielt der DDR-Teamchef die Nachricht: Alle drei Rodlerinnen waren disqualifiziert worden und die Italienerin Lechner zur Siegerin erklärt, gefolgt von den BRD-Rodlerinnen Christa Schmuck und Angelika Dünhaupt. Der vierte Lauf wurde ersatzlos gestrichen, und die DDR-Mannschaftsleitung protestierte heftig.

Ein wissenschaftliches Gutachten der TU Dresden über die Abkühlung von Schlittenkufen wurde per Telegramm vorgelegt. Die drei Rodlerinnen erklärten unter Eid, die Kufen nicht erwärmt zu haben. Auch Widersprüche zwischen Rennprotokoll und Pressemitteilung waren offensichtlich, was selbst IOC-Präsident Avery Brundage aus den USA anerkannte – alles vergeblich. Am Ergebnis änderte sich nichts.

Ein westdeutsches Komplott!?

Der DDR-Mannschaftsleiter Manfred Ewald sprach von einem Komplott, das seinen Ursprung „in Kreisen der westdeutschen Führung“ hatte. Willi Daume, Präsident des westdeutschen Nationalen Olympischen Komitees, bezeichnete Ewald und seine Kollegen daraufhin als „elende Lügner“ und „Betrüger“. Selbst ein weiteres Gutachten Jahre später, das erneut die Unschuld der DDR-Rodlerinnen nachwies, brachte keine Änderung. Der Kalte Krieg erlebte seine Hochphase.

Rücker spricht rückblickend von offensichtlichen Spannungen im innerdeutschen Verhältnis. Abzulesen seien die eben unter anderem an der immer schon heftig umstrittenen Disqualifikation der Rodlerinnen aus der DDR. Für eine Rehabilitierung von Enderlein, Müller und Knösel reicht die inzwischen fast lückenlos vorliegende Aufarbeitung der Geschehnisse von Grenoble jedoch nicht aus.

„Leider können wir das nach 50 Jahren (…) nicht mehr endgültig aufklären“, sagt die DOSB-Spitzenfunktionärin und erklärt dann allgemeingültig: „Die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Geschichte ist nicht leicht zu beantworten. Es ist ein schmaler Grat zwischen vollumfänglicher Rehabilitation und Ächtung auf Lebenszeit.“ Der DOSB werde aber dafür Sorge tragen, so Rücker, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät.

Für Enderlein ist das nicht genug – zumindest nicht, um die Einladung des Verbandes anzunehmen und bei dem Wiedersehenstreffen der Medaillengewinner dabei zu sein. „Sie teilte uns mit, dass sie sich über unsere Einladung gefreut hat. Sie hat aber abgesagt, weil sie sagt, sie würde nur als vollständig rehabilitierte Athletin teilnehmen“, sagt Rücker.

Emotional bedeutender ist womöglich ohnehin die Erklärung von Lechner, der Olympiasiegerin. Vor einigen Jahren schon hat sie sich mit einem Brief an Enderlein gewandt, der sicher auch als Entschuldigung durchgeht. Sie schrieb: „Ich habe nie daran geglaubt, dass Eure Kufen angeheizt waren, denn ich kenne Euch als ehrliche Mädchen. (…) Man hat Euch wirklich nur betrogen und Euch die verdienten Medaillen genommen.“