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Warum die Versorgung aus Brunnen schwierig bleibt

Grundstücksbesitzer saßen auf dem Trockenen, selbst die Bobbahn. Nun läuft’s wieder. Doch ein Experte warnt.

Von Mandy Schaks
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Auch wenn dieser Brunnen in Kipsdorf mehr Zierde als Lebensgrundlage ist, man sieht: Es läuft dank der Niederschläge und der relativ gemäßigten Temperaturen zum Glück wieder etwas nach. Die Lage aber bleibt kritisch.
Auch wenn dieser Brunnen in Kipsdorf mehr Zierde als Lebensgrundlage ist, man sieht: Es läuft dank der Niederschläge und der relativ gemäßigten Temperaturen zum Glück wieder etwas nach. Die Lage aber bleibt kritisch. © Frank Baldauf

Nicht nur der Bäckerei Bärenhecke ging im extrem trockenen vergangenen Jahr eine spezielle Zutat aus, das naturbelassene Quellwasser. Auch die Rennschlitten- und Bobbahn im Altenberger Kohlgrund saß auf dem Trockenen. „Wir speisen unser Wasser aus dem Grundwasser“, sagt Matthias Benesch, Geschäftsführer der Wintersport Altenberg GmbH, welche die Bahn betreibt. „Und das war durch den fehlenden Niederschlag einfach nicht da.“ Während die Bäcker auf das öffentliche Netz umsteigen konnten, guckten die Eismacher wie auch andere Brunnenbesitzer in der Weißeritz-Region in die Röhre.

Hier gibt es keinen Anschluss an die zentrale Trinkwasserversorgung. Das Wasser für die Bahn und die Besucher wird aus Brunnen gezogen und aufbereitet. Um die Bahn überhaupt erst einmal vereisen zu können, mussten zwei Wochen lang jeden Tag 50 Kubikmeter Wasser aus dem Wasserwerk Altenberg herbeigeschafft werden. Das waren täglich fünf Fuhren à zehn Kubikmeter. „Das Teure ist dabei nicht das Wasser“, sagt Benesch, „sondern das Fahren.“ In dieser Dimension habe er das noch nicht erlebt. Zwar hat der Einbruch des Winters auch hier wieder die Brunnen etwas gefüllt, das Kunsteis auf der Bahn steht, und es wird damit auch wieder weniger Wasser gebraucht. Doch Benesch ist klar: „Die Wasserversorgung bleibt die Achillesferse.“ Warum das nicht nur an der Bobbahn so ist, auch wenn endlich wieder hier und da Wasser zuläuft, erklärt die Sächsische Zeitung.


Weshalb steht die Versorgung aus Brunnen weiter auf wackligen Füßen?

Über Jahrzehnte haben sich Dörfer oder einzelne Wohngebiete über Hausbrunnen versorgt. Dabei gab es immer schon trockene Perioden, die die Bewohner und Unternehmer überstehen mussten. Deshalb blieben Grundstücksbesitzer zum Teil dabei und wollten sich auch später nicht an die öffentliche Trinkwasserversorgung anschließen. Das Gesundheitsamt im Landkreis schätzt, dass es noch etwa 1 000 Brunnen gibt, die zur Wasserversorgung genutzt werden und auch einer Kontrolle durch die Behörde unterliegen. Doch das vergangene Jahr hat ganz deutlich gemacht: Es ist nicht mehr so wie immer. Die Grundwasserstände in Sachsen sind nicht erst bei der anhaltenden Trockenheit im Vorjahr gefallen und das örtlich tiefer als in der Vergangenheit. Das Problem bahnte sich schon seit drei Jahren an, sagt Dr. Andreas Eckardt vom sächsischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. „Wir müssen wegen des Klimawandels damit rechnen, dass das künftig häufiger eintritt.“

Warum gibt es nicht nur Mengen-, sondern auch Qualitätsprobleme?

Das hängt zum einen mit der Geologie zusammen. Das Grundwasser durchfließt Gestein, sodass sich Mineralien lösen, erläutert Dr. Eckardt. Das seien meistens Eisen und Mangan. Im Erzgebirge kommen aber auch Schwermetalle vor und sogenannte Härtebildner. Das lasse sich aber nur durch eine Analyse feststellen, die Dr. Eckardt auch empfiehlt, um Gewissheit zu haben, ob das Brunnenwasser bakteriologisch belastet ist. Das ist ein zweiter Grund, weshalb es zu Qualitätsproblemen kommen kann – durch den Menschen selbst. Das betrifft auch den Eintrag von Nitrat durch den Einsatz von Düngemittel in der Landwirtschaft. „Das finden wir in vielen Brunnen“, so Dr. Eckardt, und kann gefährlich werden vor allem für Kleinkinder. Sind die Werte zu hoch, könne das Blut keinen Sauerstoff mehr transportieren.

Musste die Gesundheitsbehörde aus Qualitätsgründen Brunnen sperren?

Nach Auskunft des Amtes für Gesundheit und Verbraucherschutz im Landkreis gibt es vereinzelt Brunnen, die wegen bakteriologischer und chemischer Beanstandungen nicht zu Trinkwasserzwecken genutzt werden dürfen. Für Einzelbrunnen gelten auch Einschränkungen, so Amtsleiterin Kerstin Körner. So muss unter Umständen das Wasser zum Gebrauch erst abgekocht werden oder es ist verboten, damit Nahrung für Säuglinge zuzubereiten.

Leute haben in der Not Brunnen tiefer gegraben. Wäre das ein Ausweg?

Möglich ist das, sagt Dr. Andreas Eckardt. „Aber das ist wie ein Lotteriespiel.“ Je tiefer es geht, umso weiter kommt man ins Festgestein. Wenn nicht eine Kluft getroffen wird, bleibe der Brunnen trocken, erklärt er. Wer das vorhat, sollte sich deshalb vorher in der Umgebung schlaumachen oder einen erfahrenen Brunnenbauer fragen. Sicheren Aufschluss könne man nur durch eine Bohrung bekommen. Eine Talaue oder flaches Land entwässere generell nicht so schnell im Vergleich zum Gebirge. Da läuft das Wasser von Natur aus weg. Wasser aber immer zu haben, unabhängig von den äußeren Bedingungen, sei der eigentliche Wert einer öffentlichen Wasserversorgung. Das sei Daseinsvorsorge, die Voraussetzung für Leben und Entwicklung im Dorf. Eckardt warnt davor, wenn jetzt wieder hier und da Wasser zuläuft und sich Brunnen füllen, dass diese Erkenntnis wieder ausgeblendet wird. Eine zentrale Trinkwasserversorgung mache nur Sinn, wenn ein ganzes Dorf angeschlossen wird. Er mahnt Solidarität an. Jeder solle nicht nur die Lage aus seinem persönlichen Blickwinkel betrachten, sondern auch an die Sorgen und Nöte des Nachbarn denken – der vielleicht immer noch auf dem Trockenen sitzt.