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Was heißt „massiv behindert“?

Noch immer diskutiert Bautzen über die Geschehnisse am Rand des Husarenhof-Brandes. Jetzt berichten Augenzeugen.

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© Christian Essler

Von Sebastian Kositz

Mehr als dreieinhalb Monate nach dem Brandanschlag im Husarenhof sorgt der Vorfall weiter für Diskussionen. Die Polizei hatte am Morgen des 21. Februars in einer ersten Mitteilung davon berichtet, dass drei junge Männer die „Arbeiten der Feuerwehr massiv behindert“ hätten. Überdies haben demnach „manche“ Schaulustige das „Brandgeschehen mit abfälligen Bemerkungen und unverhohlener Freude“ kommentiert. Nach einer breiten medialen Berichterstattung, bei der die Aussagen der Polizei mit im Fokus standen, sehen etliche Bautzener sich und ihre Stadt nun in die braune Ecke gestellt. Erst recht, weil bald gegenteilige Darstellungen der Ereignisse die Runde machten. Bautzens CDU hat im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung deshalb noch einmal die Frage nach dem tatsächlichen Geschehen in der Nacht gestellt – und Beteiligte zu Wort kommen lassen. Die SZ fasst ihre Berichte zusammen.

Schilderten im Brauhaus ihre Sicht der Dinge (v. r.): Der Pressefotograf Jens Kaczmarek, Oberbrandmeister Jens Grubert, Bautzens Feuerwehrchef Markus Bergander und Polizeipräsident Conny Stiehl. Im Vordergrund sitzen mit dem Rücken zum Betrachter b.i.g.-N
Schilderten im Brauhaus ihre Sicht der Dinge (v. r.): Der Pressefotograf Jens Kaczmarek, Oberbrandmeister Jens Grubert, Bautzens Feuerwehrchef Markus Bergander und Polizeipräsident Conny Stiehl. Im Vordergrund sitzen mit dem Rücken zum Betrachter b.i.g.-N © Uwe Soeder

Das sagt ein Anwohner:

Der Bautzener Verleger Michael Scholze wohnt in der Löhrstraße und war kurz vor 4 Uhr am Ort des Geschehens. „Als ich ankam, waren Feuerwehr und Polizei schon im Einsatz, nach und nach kamen mehr Zuschauer hinzu“, erklärt Michael Scholze. Unter den Leuten seien viele Anwohner gewesen, die er wiedererkannt habe. Die Menschen hätten sich vor allem um ein Übergreifen der Flammen auf Autos und Häuser gesorgt. Später seien ihm im Bereich des Käthe-Kollwitz-Platzes „vier bis fünf Angetrunkene“ mit Bierflaschen aufgefallen, die ausländerfeindliche Parolen riefen. „Das ging aber höchstens eine Minute, die Polizei war sofort da. Danach war wieder Ruhe“, sagt Michael Scholze. Von massiven Behinderungen und grölenden Mengen könne keine Rede sein.

Das sagt der Chef der Sicherheitsfirma:

Die Bautzener Sicherheitsfirma b.i.g. war ursprünglich für die Bewachung der geplanten Asylunterkunft eingesetzt worden. Die Mitarbeiter werden allerdings vom Brand überrascht, deren Chef Norbert Reichel trifft ebenfalls schon in den frühen Morgenstunden ein. Die Betrunkenen hat auch er bemerkt. „Wir reden aber nur von einer Handvoll Leute“, erklärt Norbert Reichel. Ansonsten habe auch er vor allem viele Anwohner wahrgenommen. Zudem habe es auch einige gegeben, „die es nicht verstanden haben, dass der Brandort abgesperrt war“ und immer wieder in die Zone reingelaufen seien. Zu den Geschehnissen auf dem Supermarkt-Parkplatz hinter dem Hotel, wo laut der Polizei drei junge Männer die Arbeiten der Feuerwehr massiv behindert hätten, kann er nichts sagen.

Das sagt ein Pressefotograf:

Der Bautzener Jens Kaczmarek liefert regelmäßig Fotos und Videos von Bränden oder Unfällen in der Region – der Husarenhof ist nur wenige Meter von seinem Zuhause entfernt. Der Journalist war ebenfalls kurz vor 4 Uhr am Einsatzort. Er macht Fotos, dreht Videoaufnahmen. Gegen 4.15 Uhr fällt auch ihm die Gruppe Angetrunkener am Käthe-Kollwitz-Platz auf. „Das waren aber deutlich mehr, ich schätze zehn bis zwölf Leute“, sagt Jens Kaczmarek. Auch er verweist auf ausländerfeindliche Äußerungen. Bestätigen kann er, dass der Vorfall in etwa nur eine Minute dauerte. Gefilmt habe er die Gruppe allerdings nicht. „Wenn ich mit Kamera und Leuchte drauf halte, sind auch diese Leute noch gescheit genug, damit aufzuhören“, erklärt der Fotograf auf Nachfrage aus dem Publikum.

Das sagt der Feuerwehr-Einsatzleiter:

Oberbrandmeister Jens Grubert hat in der Nacht den Einsatz der Feuerwehr geleitet. „Als Einsatzleiter hat man den Kopf voll, muss sich um alles kümmern“, erklärt Jens Grubert. Deshalb habe er auch nicht alles genau mitbekommen. „Es gab drei bis vier Angetrunkene, die sich dämlich geäußert haben“, sagt der Einsatzleiter. Aber: Das sei inzwischen bei so einem großen Einsatz normal, dass einige Schaulustige mit Bierflasche in der Hand dummes Zeug lallen, so Jens Grubert, der sich deshalb dabei wenig gedacht hatte. Zudem habe es laut seiner Wahrnehmung einen gegeben, der in die Einsatzstelle hineingelaufen sei, den die Polizei aber weggegriffen habe. „Als ich später im Radio von massiven Behinderungen hörte, war ich schon sehr überrascht“, meint Jens Grubert.

Das sagt der Chef der Polizei:

Was es mit der massiven Behinderung der Einsatzkräfte auf der Rückseite des Husarenhofs auf sich hat, konnte keiner der anderen Beteiligten bisher erklären. Conny Stiehl, der Präsident der Görlitzer Polizeidirektion, verweist auf drei junge Männer, die in diesem Bereich in den Einsatzort hineingelaufen seien und auch mit Rufen nicht davon abzubringen gewesen seien. Stattdessen hätten die sich gegen eingreifende Polizisten sogar noch zur Wehr gesetzt. „Das war Gewalt gegen Polizeibeamte“, stellt Conny Stiehl klar. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Feuerwehrleute ungehindert ihre Arbeit erledigen können. Deshalb habe man später auch von massiven Behinderungen geschrieben. „Jeder darf für sich beurteilen, ob Gewalt gegen Polizisten keine massive Gewalt ist“, rechtfertigt Conny Stiehl. Gewalt gegen Polizisten lasse sich jedoch nicht niedlich reden. Eine Schuld an den „Negativ-Schlagzeilen“ weist Conny Stiehl entschieden von sich.