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Feuilleton

Was macht Holger John in der Ärztekammer?

Der Dresdner Künstler, Galerist, Partymacher und Hutträger malt ein krachbuntes, heiteres Gegenbild. Das ist eine starke Sache – von beiden Seiten.

Holger John (mit Hut) erwischt mit seiner Kunst auch die Ärzte in ihren Schwächen. Die werden sich beim Betrachten seiner Ausstellung wohl am meisten amüsieren.
Holger John (mit Hut) erwischt mit seiner Kunst auch die Ärzte in ihren Schwächen. Die werden sich beim Betrachten seiner Ausstellung wohl am meisten amüsieren. © Arvid Müller

Von Uwe Salzbrenner

Wie schon ein paar Künstler vor ihm fährt der Grafiker Holger John in seiner Schau in der Sächsischen Landesärztekammer der Ärzteschaft in die Parade. Zum einen eher abstrakt mit „Fleisch“, einer Werkgruppe von zwanzig Zeichnungen mit Deckfarbe auf schwarzem Papier aus dem Jahre 2010.

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Was da rote und graue Linien in lebendigem Gewirr aufzeigen, kann je nach dem gewählten Maßstab Zelle sein oder Eiweißschnüre, Knochengerippe oder Blutfaden. Extra in kürzester Zeit für die Ausstellung gemalt hat John den Fries „Experiment Patient“ in der lauten, dem Comic verwandten Manier der Pop-Art, lesbar auch für Analphabeten. Körper und Dinge sind rund umrissen, die Umrisse mit reinen Farben gefüllt, in heiterem Klang: rosa, hellblau und hellgrün, blau, rosa und gelb, grau, rosa, orange und gelb.

Der Patient ist frohgemut zum Schlachten hingebreitet, mal Ersatzteillieferant, mal Kuriosität aus der Retorte. Die Ärzte im Bild zeigen mit gleicher Heiterkeit ein siegesgewisses Grinsen und das Folterwerkzeug vor, auch ihr inneres Wesen als Roboter. Gerade weil er sie bei ihren Schwächen erwischt, werden Ärzte als Betrachter sich wohl am besten amüsieren. Und, Hand aufs Herz: Wie soll man mit diesem Saal anders umgehen? Aber so plakativ, mit Bonbonfarben, mit groben Umrissen?

Dies ist nur in Witz, Lautstärke und Ornament kennzeichnend für Holger Johns Schaffen. Andere der ausgestellten Arbeiten, die er Anfang der Neunziger in Tusche auf Packpapier und als Buntpapiercollagen ausgeführt hat, gehören eher zu A.R. Pencks Kybernetik oder zum Bildprogramm der Werbegrafik, zum Spiel mit Schwebezuständen. Das hat man von John noch nie gesehen.

Der 59-Jährige ist als perfekter Zeichner, als zeichnender Erzähler bekannt, für eine Fülle von Erscheinungen im einzelnen Blatt. Aber dies ist augenscheinlich nicht bloß eine Kunstschau, sondern Performance. John ist ebenfalls berühmt für Installationen am Theater, Musiknächte, schillernde Kunstfeste; besonders in Erinnerung ist der „Titanic-Filmball“ 1998. Seit Ende 2013 betreut er in Dresden eine Galerie, bei deren Ausstellungen meist eine gewisse Fallhöhe eingebaut ist durch unterlaufene Erwartungen, den Unterschied der Qualitäten.

Dies alles bietet John auch in seinem Soloauftritt, dazu ein paar Grundlagen. Er hat ja tatsächlich Werbegrafik gelernt, vor seinem Studium von 1988 bis 1993 an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Im Zeigen der Gegensätze, die der Grafiker an simplen Formen vorführt, steckt schon ein Stück der sonstigen Drastik. Wenn er mathematischen Zeichenvorrat ins Abstruse erweitert, ist die Methode vorgestellt, mit der John Dinge dreht und wendet. 

Auch in frühen Zeichnungen nimmt er Begriffe gern wörtlich, so den Strandkorb als „Beziehungskiste“. Ein Überschuss an Reflektion ist noch der Pop-Kunst abzulesen: Zu den Ärzten und ihren Experimenten gehören Handsägen, Würfel, Münzen, eine Glühbirne, ein Kaktus, eine Strichliste, ein Hörrohr … Die zehn Gemälde sind tatsächlich als Fries ausgeführt, bis auf eines fein überlappend mit den anderen, manchmal in schmalster Linie an der Bildkante.

Die Ausstellung der Sächsischen Landesärztekammer Dresden, Schützenhöhe 16, ist bis zum 7. Juli zu sehen, montags bis donnerstags von 9 bis 18 Uhr und freitags von 9 bis 16 Uhr.