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Wasserbomber über der Höllenwand

In den Affensteinen fand gestern Brandbekämpfung aus der Luft statt. Der Wald eines Felsenriffs stand in Flammen.

© Marko Förster

Bad Schandau. Rotorblätter schlabbern durch die Saharahitze über den Affensteinen. Einer ruft: „Achtung, gleich kriegen wir eine Dusche!“ Kai Bigge ist das recht. Der Feuerwehrchef von Bad Schandau weiß nicht, was schlimmer ist: der beißende Rauch oder der Schweiß, der ihm in die Augen rinnt. Der Hubschrauber zieht eine Kurve und dröhnt heran. Ein schwerfälliger Vogel mit knallrotem Beutel unterm Bauch. Ein weißer Schleier löst sich von der Maschine. Dann rauscht es, trommelt auf die Krüppelkiefern und Birkenkronen. Ein Wolkenbruch aus blitzblauem Himmel. Wir sind tropfnass. Die Dusche hat gesessen.

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Ein Schlafsack nebst Provianttüte. Lagerte hier der Brandstifter? © Marko Förster

Feueralarm an den Affensteinen

Ein Löschhubschrauber über der Sächsischen Schweiz. Das gab es lange nicht mehr. Gestern ging es nicht anders. Rund ein Hektar Wald stand in Flammen, zwischen Himmel und Erde, auf einem weit ins Land ragenden Felsenriff, das man Höllenwand und Sandlochwächter nennt. Der Hubschrauber, entsendet von der Bundespolizei in Berlin, soll den Löschangriff unterstützen, die Flammen niederschlagen, den Felssporn kühlen, den Boden, aufgewühlt von der Feuerwehr, ablöschen.

Entdeckt wird der Brandherd schon am Montagabend von Leuten aus Mittelndorf und von Bergsteigern, die am Carolafelsen lagern. Gegen halb zehn kommt der Alarm. Ein Trupp aus Schandauer Feuerwehrmännern und Nationalparkbeamten bricht auf, den Brand zu suchen, und findet ein fußballfeldgroßes Stück Kiefernwald, in dem die Flammen bereits einen Meter hochschlagen und an den Stämmen lecken.

Verdächtige Lagerstatt entdeckt

Was sie auch finden: einen Schlafsack, leere Konservendosen und Getränkepullen in einer Einkaufstüte von Lidl. Alles ziemlich frisch. Es sieht aus wie eine hastig geräumte Lagerstatt. Ging hier das Feuer los? Die Wehrleute denken es. Die Polizei wird sich darum kümmern. Etwas gegen den Brand tun kann der Spähtrupp vorerst nicht. In der Dunkelheit sind Löscharbeiten auf dem schmalen Grat zu riskant. Wohl oder übel zieht man sich zurück und lässt dem Feuer bis zum neuen Morgen seinen Lauf.

Anderntags, in aller Frühe, rückt die Feuerwehr mit großem Aufgebot an. Etwa achtzig Mann aus Bad Schandau und Umgebung sind im Einsatz, auch die Bergwacht und Männer vom Nationalpark. Den ersten Angriff tragen sie mit Handspritzen vor. Der Saum des Brandherdes wird aufgehackt und mit den Spritzen abgelöscht. Das soll verhindern, dass sich die Flammen weiter in das furztrockene Gelände fressen.

Der Wassernachschub für die Spritzgeräte wird in Zwanzig-Liter-Kanistern herangeschafft. Verzurrt auf metallenen Tragegestellen, einstmals Eigentum der Schweizer Armee und irgendwann bei Ebay ersteigert, schleppen die Wehrmänner die Wasserbottiche den zackigen Höllenweg hinauf. Es ist eine Viecherei.

Die Spritzen reichen nicht. Der Waldboden soll mit Wasser förmlich umgepflügt werden, damit die tiefsitzenden Glutnester verlöschen. Ein Kreisverkehr mit Tanklöschwagen wird eingerichtet. Die Fahrzeuge pendeln zwischen einer Saugstelle im Kirnitzschtal und dem Aufgang zum brennenden Riff. Hier entleeren sie ihre Tanks in eine Gummiblase, die 5 000 Liter Wasser fasst. Aus der Blase pumpt man das Wasser den Höllenweg empor, Schlauch an Schlauch windet sich die Leitung durch die Botanik wie eine fette weiße Schlange. Sie ist 1,2 Kilometer lang. Verstärkerpumpen sind dazwischengeschaltet. Die letzten Meter geht es eine derart steile Felswand hinauf, dass die Schlauchleitung am Seil emporgezogen werden musste. Die bange Frage: Reicht der Wasserdruck für eine so große Höhe? Er reicht. Am späten Vormittag nimmt man mit einem großen Strahlrohr und zwei kleinen den Kampf auf.

Volltreffer beim dritten Versuch

Etwa zur gleichen Zeit trifft die Luftunterstützung der Bundespolizei ein, zweieinhalbtausend Liter Elbewasser im Gepäck. Doch der Pilot wirft zu kurz. Nach vier, fünf Minuten ist er wieder da, diesmal duscht er die Felswand links neben dem Feuer. Der Waldboden unterdessen glüht förmlich. Er strahlt Hitze aus wie ein Grill auf Hochbetrieb. Hier und da züngeln gelbe Flammen aus der Erde, der Rauch wirkt wie Tränengas. Immerhin brennt hier Holz und kein giftiger Kunststoff, sagt Feuerwehrchef Bigge. Bei allem Ärger ist das ein kleiner Lichtblick für seine Leute. Sie können ohne Atemschutzgeräte arbeiten.

Dann endlich trifft der Hubschrauber das Zielgebiet. Eine enorme Wolke rotbrauner Asche wallt auf und es dampft, als wäre man in der Sauna. Kai Bigge frohlockt. „Super! Ein idealer Abwurf!“ Aber noch ist nicht viel gewonnen. Fünf oder sechs solche Treffer braucht man mindestens noch, bis das Wasserbombardement einigermaßen Wirkung zeigt. Die Strahlrohre quirlen derweil den Boden mit seifigem Wasser durch, das man Netzmittel nennt, und das leichter in den Boden einsickert als pures Wasser. Einsatzleiter Frank Puhl ist das nicht genug. „Hier muss mehr Wasser hoch!“, kommandiert er. Mehr Schlauchleitung muss her, damit man weiter auf das Riff vorrücken kann. Und wieder geht es los, das große Schleppen.

Ein stämmiger Mann in Oliv betrachtet die Szene. Es ist Jan Prignitz von der Nationalparkverwaltung. Was er fühlt? „Wut!“ Hier hat ein Einzelner vielen anderen den Naturgenuss auf lange Zeit verdorben, sagt er. Ganz zu schweigen von dem kostbaren Biotop, das hier in Rauch aufgeht.

Es ist der vierte Waldbrand im Nationalpark diese Saison und es ist bei Weitem der schlimmste. Fünfzehn- oder zwanzigtausend Euro könnte der Einsatz kosten, schätzt die Feuerwehr, der Hubschrauber wahrscheinlich ebenso viel. Und wie die Dinge liegen, wird wohl die Allgemeinheit dafür aufkommen müssen.