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„Weihnachten bei uns ist anders“

Annegret und Björn Fischer haben über die Festtage wenig Ruhe: Sie sind in der Kirche, die Kinder bei den Großeltern. 

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Pfarrerehepaar Björn-Hendrik und Annegret Fischer in der Friedenskirche in Radebeul.
Pfarrerehepaar Björn-Hendrik und Annegret Fischer in der Friedenskirche in Radebeul. © Arvid Müller

Von Beate Erler

Radebeul. Die Weihnachtspredigt ist schon etwas Besonderes. „Es kommen viel mehr Menschen“, sagt Annegret Fischer, seit drei Jahren Pfarrerin in der Friedenskirchgemeinde. Schon allein deshalb, weil am heutigen Heiligabend vier Christvespern in der Friedenskirche gehalten werden. Zu den normalen sonntäglichen Gottesdiensten kommen etwa 80 bis 100 Gläubige. Über die Feiertage sind es etwa viermal so viele.

Doch dabei geht es nicht nur um die Anzahl der Kirchenbesucher, sondern auch darum, dass Heiligabend und an den Feiertagen viele Menschen in die Kirche gehen, die sonst nie oder nur selten kommen. „Bei diesen Menschen haben wir nur eine Chance“, sagt Annegret Fischer, „und ich will, dass sie die Kirche und unsere Gemeinde gutfinden.“

 Zu der zählen aktuell 3 700 Gläubige der Radebeuler Ortsteile Kötzschenbroda, Fürstenhain, Naundorf, Zitzschewig, Lindenau und Niederlößnitz. In der Johanneskapelle in Naundorf gibt es heute drei Christvespern. In der Wichernkapelle in Lindenau eine am Nachmittag.

Der romantischen Vorstellung, dass sie an der Weihnachtspredigt besonders lange feilen kann, vielleicht über das ganze Jahr immer mehr Ideen hier und da zusammenträgt, stellt die 39-jährige Pfarrerin ihren eng getakteten Zeitplan gegenüber. Sie wird erst heute dazukommen, sich mit ihrer Predigt, die sie am zweiten Feiertag halten wird, zu beschäftigen. „Ich schreibe sie wahrscheinlich erst in der Nacht zuvor“, sagt sie.

Ihr Ehemann Björn Fischer wird schon heute an die Kanzel treten und drei Mal zu den Radebeulern sprechen. Seine Predigt hat das Thema „Und Frieden auf Erden“, verrät er. „Die Kirche macht den Menschen an diesem besonderen Punkt des Jahres das Angebot, sie zu trösten und sie innerlich zu bestärken.“ Aus Gesprächen kennt er die Sorgen der Menschen, auf die er in der Predigt eingehen will. Von vielen Radebeulern weiß er, dass sie gerne hier leben, aber viele würden eine innere Unruhe spüren und sich fragen, ob das so bleiben wird.

Auch wenn es den meisten hier gut geht, gibt es trotzdem diejenigen, die finanzielle Sorgen oder Schicksalsschläge erlitten haben. „Und die Menschen sind angstvoll“, sagt Björn Fischer, „sie fragen sich, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt bewahrt werden kann.“ Trotz dieser schweren Themen will der 36-Jährige die Kirchenbesucher in ihrer feierlichen Stimmung nicht beschweren: „Ich werde einen Weg finden, meine Predigt dennoch leichtfüßig zu gestalten“, sagt er.

So leichtfüßig die feierliche Rede vielleicht klingt, umso schwieriger ist es manchmal, sie zu schreiben. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) betreibt ein Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur und bietet Materialien und Coachings an. Auf der Internetseite der Friedenskirchgemeinde fragt Annegret Fischer, ob die Andachten in der Kirche angesichts der ganzen Weihnachtsspektakel eher unscheinbare und altertümliche Veranstaltungen sind.

Doch sie verteidigt diese Tradition. So wie es für viele Menschen Weihnachten dazugehört, in die Kirche zu gehen: „Die Leute kommen auch deshalb so gerne am Heiligen Abend, weil die Weihnachtsgeschichte gespielt wird“, sagt sie. Mit Geschichten erreicht man die Menschen eher, weil sie leicht zugänglich sind.

Für die allermeisten Gläubigen sind aber die Predigten am ersten und zweiten Feiertag bedeutender. „Die Weihnachtspredigt ist nett, ein Ritual, eine Tradition“, sagt sie. Schon oft haben sie aber erlebt, dass die Predigten vom 25. und 26. Dezember viel mehr diskutiert werden und viele Kirchenbesucher sich danach bei ihnen melden.

Zum Schreiben braucht sie deshalb Ruhe und Konzentration und die findet sie sicher erst nachts. Die drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, müssen Weihnachten viel auf ihre Eltern verzichten. „Bei uns ist das etwas anders als in anderen Familien“, sagt Björn Fischer. 

Die beiden sind in der Kirche, müssen sich vor- und vieles nachbereiten, sich mit Sängern, Schauspielern und Sprechern vom Krippenspiel abstimmen. Deshalb ist Björn Fischer seinen Schwiegereltern sehr dankbar: „Unsere Kinder sind bei ihren Großeltern und sie schaffen es, ihnen diese Heimeligkeit zu vermitteln“, sagt er.

Nachts wenn alle schlafen, wird Annegret Fischer in Klausur gehen, wie sie sagt. Dann wird sie auf das Glühen warten, das sie braucht, damit die Predigt richtig gut wird. Dazu braucht es aber auch sprachliche Präzession, Mühe und Fleiß, das richtige Wort zu finden. „Ich will, dass die Leute nach dem Gottesdienst sagen, dass es eine sehr schöne Erfahrung für sie war.“

Das Beste sei dann das Gänsebratenessen mit der 20-köpfigen Familie. Jeder bringt etwas mit, damit die Großeltern nicht so viel Arbeit haben. Nur Annegret und Björn Fischer dürfen sich einfach mal dazusetzen und bewirten lassen.