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Ausverkauf im Gasthaus Mühlrose

Nach 95 Jahren in Familienbesitz ist die Geschichte der „Erholung“ zu Ende. Nicht nur wegen der Umsiedlung.

Nach und nach wird das Gasthaus Mühlrose leergeräumt.
Nach und nach wird das Gasthaus Mühlrose leergeräumt. © Constanze Knappe

Im Saal des Gasthauses „Zur Erholung“ in Mühlrose flossen über Jahrzehnte viele Tränen – des Glücks, der Trauer. Wie kaum ein anderes Objekt im Ort ist die Gaststätte mit dem Leben der Menschen verbunden – durch private Feiern wie auch wichtige Ereignisse im Dorf. So erlebten am 22. Oktober 2018 mehr als 50 Mühlroser im Saal mit großem Entsetzen, wie der Beschluss des Gemeinderats Trebendorf zum Umsiedlungsvertrag platzte, weil statt elf nur vier Räte anwesend waren. Am 28. März 2019 wurde an gleicher Stelle doch der Mühlrose-Vertrag unterzeichnet. Jetzt ist definitiv das letzte Kapitel in der Geschichte des Gasthauses aufgeschlagen. Das hat nicht nur mit der Umsiedlung zu tun.

In der Art eines Trödelmarkts öffnete die letzte Wirtin Reinhild Martin (69) am Freitag und Sonnabend zum Ausverkauf. „Es wäre doch schade drum, die Sachen alle in den Container zu schmeißen“, begründete Wolfgang Martin (68). Er unterstützte seine Frau dabei, die Sachen an den Mann oder die Frau zu bringen.

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Trödelmarkt mit Gänsehaut

Im Saal stapelten sich Gläser aller Art, Geschirr, Vasen, Kerzenhalter, sogar einige Schallplatten und vieles mehr. Nicht im Saal aufgebaut, dafür umso mehr gefragt, waren die Theke, technische Geräte und die Edelstahlausstattung der Küche vom Kochtopf bis zur Kelle. Dafür hatten sich Gastronomen interessiert, für alles andere Bürger aus dem Dorf, aus der Umgebung bis hin nach Weißwasser. Eine Frau nahm eine Schlachteplatte mit, „als Andenken an die Gaststätte“ sozusagen. Einen Tisch weiter sicherte sich eine Nachbarin einen Karton edler Weingläser. Im Saal feierte sie einst ihre Hochzeit und andere Familienfeste. Auch nach der Beerdigung ihres Mannes saß man hier zusammen. Während sie erzählte, bekam sie Gänsehaut. „Es ist schon komisch, wenn kein Licht mehr in der Gaststätte brennt“, sagte sie. Und dass sie froh sei, dass es bei ihr in der übernächsten Woche mit dem Neubau losgeht, das sei Befreiung und ein Neuanfang zugleich. Wirtin und Nachbarin umarmten sich. In Mühlrose wird es langsam ernst. Die ersten Bewohner sind schon weg, weitere folgen.

Mit dem Ausverkauf des Inventars ziehen Martins, die beide auf die 70 zugehen, ihren ganz persönlichen Schlussstrich. 95 Jahre war die Gaststätte in Familienbesitz. 1925 bekamen die Großeltern der Wirtin die Konzession für die Schankwirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gasthaus von den Eltern weitergeführt.

Zum Verkauf steht das Objekt nicht, wie der Vermerk an der Tür beweist.
Zum Verkauf steht das Objekt nicht, wie der Vermerk an der Tür beweist. © Constanze Knappe

Aus Altersgründen Schluss gemacht

1991 übernahm es Reinhild Martin von ihrer Mutter. Wie in einem Familienbetrieb üblich half Bauingenieur Wolfgang Martin bei Veranstaltungen mit. Gern denkt er an die Maskenbälle, an Gänseessen oder Kirmestanz, „an all das eben, was auf dem Dorf so gefeiert wird“. Treffen der Jagdgenossenschaft, der Vereine, von Vattenfall oder später der Lausitz Energie Bergbau AG (Leag) fanden ebenso im Saal statt. Ende 2017 stellte Reinhild Martin den Betrieb ein. Als Kleingewerbe richteten sie und ihr Mann danach nur noch Feiern wie Fasching oder Veranstaltungen der Gemeinde oder der Leag aus. Am 26. Juli wurde in eigener Sache gefeiert – ihr Abschlussfest. An die 100 Besucher kamen ein letztes Mal.

Innerlich hatten Martins aber schon 2018 abgeschlossen. „Altersbedingt ist das Ende längst abzusehen gewesen“, so Wolfgang Martin. Wegen Qualität und Vielfalt der Gerichte war die Nachfrage immer größer geworden. Doch sei es immer schwerer gewesen, Personal zu kriegen, da sie die beiden Köche nur zu den Höhepunkten, aber nicht durchgängig beschäftigen konnten. Auch gebe es viele staatliche Auflagen für die Gastronomie. Eine neue Kasse wäre nötig gewesen, für gute 4.000 Euro. Ganz zu schweigen von Auflagen der Hygiene.

Alles, was erwirtschaftet wurde, hätten sie wieder reingesteckt. Aber, so fügt Wolfgang Martin hinzu: „Da braucht man sich nichts vormachen. Altbau bleibt Altbau.“ Zudem werde die Pflege des Grundstücks im Alter immer beschwerlicher – schon alleine, was das viele Laub der Eichen angeht.

Wolfgang Martin ist Mitglied im Beirat Umsiedlung Mühlrose. Von 2008 bis 2014 war er Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister. Damals sei die Umsiedlung von Hinterberg vollzogen worden. 2013 hatten sie die Verträge zur Umsiedlung von Mühlrose in der Hand – nur noch nicht unterschrieben. Am Bärwalder See hätten Martins bauen wollen, dann wäre auch ihre Tochter zurückgekommen. Doch der Ausstieg von Vattenfall veränderte die Situation. Die Umsiedlung von Mühlrose war ein langes Hin und Her. Als endlich die Entscheidung fiel, waren nicht nur Martins froh. Dass sich mittlerweile 80 Prozent der Mühlroser mit der Umsiedlung angefreundet haben, erleichtere das Ganze etwas.

Mit gemischten Gefühlen starteten Reinhild und Wolfgang Martin den Ausverkauf. Der Zuspruch war groß. Nun hoffen sie, auch für den gusseisernen Ofen einen Interessenten zu finden. Er war 1864 für die erste Schule in Mühlrose gebaut worden und stand seit 1
Mit gemischten Gefühlen starteten Reinhild und Wolfgang Martin den Ausverkauf. Der Zuspruch war groß. Nun hoffen sie, auch für den gusseisernen Ofen einen Interessenten zu finden. Er war 1864 für die erste Schule in Mühlrose gebaut worden und stand seit 1 © Constanze Knappe

Martins haben 1980 in Weißwasser gebaut. In Mühlrose bestand eine Verfügung, wonach im Bergbaugebiet nur in geringem Maße investiert werden durfte. Die zwei Wohnungen für sich und die Eltern hätten die Vorgabe bei weitem überschritten. Bis 2000 lebten Reinhild und Wolfgang Martin in Weißwasser. Seit August 2020 tun sie es nun wieder. Es sei ihnen ein Stein vom Herzen gefallen, dass seine Frau das Geschäft aufgeben konnte. Auch aus gesundheitlichen Gründen. Wolfgang Martin erzählt, dass die Tochter mit Familie im Sauerland lebt, der Sohn mit Familie in Österreich. Jetzt könnten sie ein langes Wochenende oder eine Woche Urlaub dort verbringen, was vorher nie so einfach möglich war.

Über so viel Zuspruch zu ihrem Trödelmarkt war Reinhild Martin froh. Und dennoch stand der 69-Jährigen nicht nur Freude im Gesicht. Sie gibt ihr Geburtshaus auf. „Und das ist eben nicht so einfach“, betont sie. Sie und ihr Mann sind Mitglieder des Kultur- und Sportvereins Mühlrose. Das wollen sie auch bleiben. Schon, um die Verbindung zu halten. Wenn sich der Verein später im neuen Dorfgemeinschaftshaus am Umsiedlungsstandort trifft, dann werden sie ganz bestimmt hinradeln.
An ihrem Haus haben die Wirtsleute einen Vermerk stehen: „Unser Haus geht, weil wir gehen, und steht somit für eine Nachnutzung nicht zur Verfügung!“

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