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Wenn die Pfarrerin hochschwanger ist

Pfarrer Jörg Michel übernimmt die Vertretung im Kirchspiel Schleife. Er freut sich auf lebendige Traditionen und einen engagierten Gemeindekirchenrat.

Als Vertretungspfarrer wird der Hoyerswerdaer Jörg Michel nun öfter auf dem Pfarrgelände in Schleife ein- und ausgehen.
Als Vertretungspfarrer wird der Hoyerswerdaer Jörg Michel nun öfter auf dem Pfarrgelände in Schleife ein- und ausgehen. © Constanze Knappe

Als eine seiner ersten Amtshandlungen in Schleife hat Pfarrer Jörg Michel Einladungen zum Ewigkeitssonntag an 30 Familien verschickt, die im Laufe des mit dem Totensonntag zu Ende gehenden Kirchenjahres Angehörige verloren haben. Die Sache an sich ist für den 55-Jährigen nicht ungewöhnlich, die Adressaten schon. Denn der Hoyerswerdaer Pfarrer ist neuerdings auch für das Kirchspiel Schleife zuständig – als Vertretung für Pfarrerin Jadwiga Mahling. Sie freut sich auf ihr drittes Kind. Eigentlich wäre sie ja erst zum 8. Dezember in Mutterschutz und Elternzeit gegangen. Doch wegen der Corona-Pandemie wurde über sie aus medizinischer Sicht – quasi in Sorge um sie und das ungeborene Leben – Beschäftigungsverbot verhängt.

Damit obliegen Pfarrer Jörg Michel in der Überbrückungszeit die Geschäftsführung im Pfarramt Schleife und die seelsorgerischen Aufgaben. Unterstützt wird er von Pfarrer Steffen Kroll (Markersdorf), der bei Beerdigungen und Taufen hilft.

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So ganz fremd ist Jörg Michel im Kirchspiel nicht. In der Vergangenheit war er während einer Vakanzzeit der Pfarrstelle schon einmal in Schleife tätig. Schmunzelnd verweist er zudem auf die „durchlässigen Grenzen“ zur benachbarten Kirchengemeinde Spreewitz, die er seit zehn Jahren betreut. In der dortigen Kirchenchronik kam er auch das erste Mal mit sorbischer Kirchengeschichte in Berührung. „Mit der Tragödie der sorbischen Minderheit unter preußischer Herrschaft“, wie er hervorhebt. Jetzt ist er ganz gespannt „auf die gelebten sorbischen Traditionen“ im Kirchspiel Schleife. Er freut sich darauf.

Im ersten Leben Elektriker

Geboren ist Jörg Michel in Lübben, aufgewachsen in Görlitz. Sein Vater sei bei den Erschließungsarbeiten für die Tagebaue der Lausitz unterwegs gewesen, ehe die Familie zu den Wurzeln nach Hirschfelde zurückkehrte. Von Hause aus ist Jörg Michel gelernter Elektroinstallateur. Er erzählt, wie er „im ersten Leben“ in einer Werkstatt für Hausgeräte Kaffeemaschinen und Toaster reparierte. Ausgefüllt hat ihn das offenbar nicht. Im Posaunenchor und der Jungen Gemeinde groß geworden, hätte er sich gerne noch mehr in die Kirchenarbeit eingebracht. In Diakonie oder Kirchenmusik, so schwebte es ihm seinerzeit vor.

Ob es Schicksal oder einfach eine glückliche Fügung war, jedenfalls herrschte Mitte der Achtziger Jahre ein Pfarrermangel. Warum nicht Pfarrer, dachte er sich. Die Zulassung zum Studium erhielt er 1985. In dem vorbereitenden Jahr arbeitete er beim Diakonischen Werk mit Behinderten, mit Suchtgefährdeten wie auch mit gefährdeten Jugendlichen. Und ganz nebenbei betreute er Posaunenchöre. Bei alldem stand das Religiöse zunächst noch im Hintergrund.

Nach dem Theologiestudium 1986 bis 1990 in Erfurt verbrachte er zwei Jahre Vikariat in Görlitz – und zwischendurch ein Vierteljahr Praktikum beim Sektenbeauftragten der Landeskirche in Berlin.

Religiösen Irrlichtern auf der Spur

„Die Beschäftigung mit religiösen Irrlichtern hat mich gereizt“, blickt er auf jene Zeit zurück. Später war er über neun Jahre Weltanschauungsbeauftragter der früheren evangelischen Landeskirche in der niederschlesischen Oberlausitz. Im Umgang mit anderen Religionen entdeckte er deren Möglichkeiten und Grenzen und weiß seitdem, wo und wann Extremismus beginnt.

Im Januar 1993 fing er in Hoyerswerda an. Dort boten sich für ihn selbst wie auch für seine Frau, die ebenfalls Pfarrerin ist, dienstliche Perspektiven. Und so ist der Vater zweier inzwischen erwachsener Söhne (19 und 21) geblieben. Heute findet es Pfarrer Jörg Michel „gar nicht so schlecht“, dass er mal einen handwerklichen Beruf hatte.

„Auf Schleife bin ich neugierig“, sagt er. Und, dass er „erst einmal reinschlüpfen“ musste. „Das ist ein ganz anderes Klientel als in Hoyerswerda-Neustadt, wo es eine Subkultur und weniger als sieben Prozent evangelische Christen gibt“, begründet er. In Schleife werde Vieles ganz anders gehandhabt. Nach den ersten Wochen hätten sich bereits Synergieeffekte ergeben. „Die Kirchengemeinde Schleife hat eine sehr gute Homepage, in Spreewitz müssen wir die erst noch aufbauen“, so sein Beispiel.

Während der Vertretungszeit soll das Gemeindeleben aufrechterhalten werden. Wie die Hausabendmahle. Bei älteren Gemeindemitgliedern, die nicht mehr mobil sind, finden die Abendmahle – selbstverständlich unter Beachtung der Corona-Bestimmungen – zu Hause statt. Das sei eine Tradition in der Schleifer Gemeinde.

Keramikbecher fürs Abendmahl

Pfarrer Jörg Michel lobt die „sehr gut organisierte Arbeit“ des Gemeindekirchenrates unter Vorsitz von Kerstin Hanusch. Wie dieser sich eigenverantwortlich einbringt, das sei sehr hilfreich. Etwa, was die vielen Lektoren angeht, die beim Gottesdienst mitwirken. Und weil wegen Corona der Abendmahlskelch nicht genutzt werden darf, hat der Gemeindekirchenrat im Martinshof Rothenburg kleine Keramikbecher fertigen lassen. Deren Nutzung sei zwar wegen der Reinigung in der Vor- und Nachbereitung aufwendiger, es zeige aber, dass sich mit etwas Fantasie der Kirchenalltag trotz Corona gestalten lässt, erklärt Pfarrer Jörg Michel. Noch sind Gottesdienste mit Mund-Nasen-Schutz und bei Einhaltung der Abstandsregeln erlaubt. Den Gottesdienst am Buß- und Bettag in Schleife wird Prädikant Manfred Hermasch gestalten, und zum ersten Advent kommt Generalsuperintendentin Theresa Rinecker.

In der Seelsorge sieht Jörg Michel einen Schwerpunkt in Mühlrose. „Es gab ein Leben vor der Kohle. Da haben die Menschen gelacht und getanzt“, weiß er aus Recherchen in der Kirchenchronik in Spreewitz. Auf Mühlrose bezogen ist er überzeugt: „Das wird nach der Kohle wieder so sein.“

Alle 14 Tage ist Jörg Michel im Pfarramt in Schleife zu sprechen, bei Bedarf auch zwischendurch. Die Entfernung sei ja überschaubar, wenn er ohnehin in Spreewitz ist. Mit Bürgermeister Waldemar Locke (Trebendorf) hat der Vertretungspfarrer bereits gesprochen, will sich auch bei dessen Amtskollegen Jörg Funda (Schleife) und Helmut Krautz (Groß Düben) vorstellen, deren kirchlicher Ansprechpartner er in den nächsten anderthalb Jahren ist. Es sei denn, Pfarrerin Jadwiga Mahling möchte eher in den Dienst zurückkommen, was dann ihre eigene freie Entscheidung ist.

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