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Weißwasser

Weihnachtsgeschichten mitten aus dem Leben

In der Region gibt es viele bekannte Hobbyautoren. Zu ihnen gehört Heinz Willi Richter aus Weißwasser, Autor der folgenden Geschichten.

 6 Min.
Heinz Willi Richter aus Weißwasser ist normalerweise in der Weihnachtszeit ein sehr gefragter Mann. Seine Weihnachtsgeschichten erfreuen bei Buchlesungen nicht nur Weißwasseraner, wie hier auf dem Archivfoto in der Station Junge Naturforscher und Techni
Heinz Willi Richter aus Weißwasser ist normalerweise in der Weihnachtszeit ein sehr gefragter Mann. Seine Weihnachtsgeschichten erfreuen bei Buchlesungen nicht nur Weißwasseraner, wie hier auf dem Archivfoto in der Station Junge Naturforscher und Techni © Archiv: Joachim Rehle

Ein Sprichwort lautet, dass der Applaus das Brot des Künstlers sei. Nun, ein Künstler in engsten Sinn ist Heinz Willi Richter nicht. Wohl aber ein Geschichtenerzähler und Hobbyautor, der bei kreisweiten Lesungen aus bereits acht erschienenen Büchern stets viel Applaus bekommt. Normalerweise. Denn durch die Corona-Pandemie hatte auch er kaum die Gelegenheit für solche Touren; schon gar nicht in der (Vor)Weihnachtszeit. Dabei hat der rüstige Senior, der im Januar 2022 seinen 82. Geburtstag feiert, noch viel Erzähl- und Lesestoff zum Schmunzeln. So wie die nachfolgenden beiden Geschichten.

Der Tannenbaum-Klaukauf

Wenn mein Großvater kurz vor Weihnachten seine blaue Wattejacke anzog, sich in den Ärmel ein Sägeblatt schob und brabbelte: „Wer sich nichts getraut, kommt nicht nach Waldheim“, kannte ich die Route. Es ging in den Wald zum Weihnachtsbaumkauf, wie er es nannte. Erst später bemerkte ich, dass Weihnachtsbaumklau richtiger gewesen wäre. Er kümmerte sich um den größeren, der für uns bestimmt war, und ich durfte ein kleines Bäumchen für unsere alte Nachbarin aussuchen. „Man muss die Kinder beizeiten an die schönen Dinge im Leben gewöhnen!“, belehrte er mich. Dann übergab er mir einen beschriebenen Zettel: „Den darfst du nicht verlieren, das ist die Quittung vom Förster!“.

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Bald bemerkte ich, dass es gar nicht so einfach war, einen gut gewachsenen Baum zu finden und vor allem einen, an dem Opa nichts auszusetzen hatte. Deshalb war ich besonders stolz, als er mich nach langem Suchen lobte: „Toll, Kleiner, einen feinen Baum hast du gefunden. Den säge ich dir gerne ab.“ Gar nicht toll fand ich es dagegen, dass Großvater das Bäumchen fallenließ, als uns in der Dämmerung jemand entgegenkam, in dem er den Förster erkannt haben wollte. Der Mann bückte sich schnell und verschwand mit meinem Musterbäumchen. Als ich mich daraufhin über den Verlust bei Opa beklagte, lamentierte er: „Ich werde alt und kann es dir nicht erklären, woran es liegt, dass ich manchmal so einen seltsamen Krampf kriege und mir dabei alles aus den Händen fällt!“

Da es schon recht dunkel war, fanden wir nach mühevollem Suchen doch noch einen brauchbaren Ersatz für das abhandengekommene Bäumchen. Als wir mit beiden Bäumen zuhause ankamen, brabbelte Opa: „Eine verrückte Zeit ist das geworden, nirgends ist man mehr sicher. Selbst einen Tag vor Heiligabend beklaut man dich im Wald. Ich mache mir große Sorgen, was aus der Welt wird, wenn es uns, die ehrlichen Leute, nicht mehr gibt.“

Die wirklichen Geschenke des Lebens

Auch wenn es mir heute kaum noch jemand glauben will: Als Kind war ich in der Vorweihnachtszeit ein braver Junge. Ich durchlebte damals die Zeit des magischen Denkens. Es schien sich zu lohnen, einmal unaufgefordert den Abwasch zu erledigen, Kohlen und Holz an die Öfen zu tragen, die Asche wegzubringen. Natürlich immer nur dann, wenn die Mutter es sah. Schließlich war sie Auge und Ohr des Weihnachtsmanns. Selbst als wir Kinder schon lange nicht mehr an den Rotbemäntelten glaubten, verhielt ich mich in dieser geheimnisumwobenen Vorweihnachtszeit angepasst und angemessen, immer in der Hoffnung, dass meine kleinen Wünsche erfüllt werden. Alle Jahre wieder!

Zugegeben, nicht ganz ehrlich war mein Verhalten damals. Manchmal sogar ziemlich berechnend. Aber wer will über das Verhalten von Kindern den Stab brechen, wenn selbst Erwachsene geneigt sind, sich selbst bis zur Selbstverleugnung anzupassen, so lange Hoffnung auf die Erfüllung ihrer Wünsche besteht? Dabei hatte ich für eigene Weihnachtswünsche gar keine Veranlassung. Wir waren arm, besaßen kaum Geld, bekamen Geschenke praktischer Natur. Während andere Kinder Sportsachen und Spielzeug bekamen, erhielt ich meist nur ein paar lange, selbst gestrickte Strümpfe und ein Leibchen mit Strumpfhaltern dazu, an denen man die kratzenden Dinger befestigen konnte. Die würde man immer brauchen, meinte Mutter. Aber ein schönes Buch, das ich mir wünschte, bekam ich nicht. Dazu fehlte ganz einfach das Geld und außerdem lenkten Bücher nur von der Arbeit ab – in der Sichtweise des Weihnachtsmannes, sprich, meiner Mutter. Also hoffte ich auf nächste Weihnachten und die Teilnahme an den Geschenken meines Freundes Manfred Gloyna. Der bekam jedes Jahr von seinen Eltern Bücher geschenkt, mit denen er selbst wenig anfangen konnte, war er doch mehr an Sport und handwerklich interessiert. So las ich die Bücher und erzählte ihm die Kurzfassung des Buchinhaltes. Brachte er diesen dann geschickt seinen Eltern bei, stieg deren Hoffnung auf eine intellektuelle Karriere ihres Sohnes.

Eines Morgens, im Jahre 1957, blieb sein Platz in der Klasse leer. Seine Familie war in den Westen geflohen. Bei uns spielte sich Weihnachten wieder mal das gleiche Ritual mit den gleichen Angepasstheiten und Geschenkergebnissen ab. Aber trotzdem fühlte ich mich auf einmal inmitten meiner eigenen Familie am Fest unterm Weihnachtsbaum einsam und unverstanden. Denn mein Freund, der mich verstand und meine Hoffnung ausgleichen konnte, war nicht mehr da. Ich begriff damals zum ersten Mal, dass Familie auch dort ist, wo wir verstanden werden. Weil man gemeinsame Hoffnungen teilt. Und für seine eigene Einsamkeit kann man auch selbst verantwortlich sein. Entgehen kann man ihr, wenn man nicht wie gebannt egozentrisch nur auf seine eigenen Wünsche starrt, sondern seinen Blick erweitert auf die Wünsche und Lebensvorstellungen anderer. Man muss am Heiligabend die Predigt zur Christmesse nicht verstehen, aber in die Gesichter der Menschen schauen, wenn das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ gesungen wird. Dann kann man in den Gesichtern lesen wie in einem aufgeschlagenen Lebensbuch und versteht die Betroffenen wortlos. Natürlich gehören auch Familie und Geschenke zu Weihnachten! Das noch einmal zum Trost für alle, die sich trotz Familie und Geschenken, aber auch ohne sie, Weihnachten einsam fühlen.

Im Laufe meines Lebens hat sich der Charakter des Weihnachtsfeierns verändert. Ich habe begriffen, auch wenn man den wirklichen Grund des Feierns nicht kennt, kann man Weihnachten trotzdem gut feiern. Dann feiert man sich selbst und ahnt dabei die Selbsttäuschung. Vielleicht ist das der einzige Grund für den ganzen Rummel, Klimbim und süßlichen Kitsch, der uns in jeder Weihnachtszeit laut überrollt. Weil es keine andere Zeit des Jahres gibt, wo wir so sehr dem Ansturm unserer eigenen Gefühle ausgeliefert sind wie zu Weihnachten. In dem Wissen, dass wir das Wesentliche und Wünschenswerteste für unser Leben nicht kaufen können. Nicht Liebe, nicht Zuneigung, nicht Hoffnung, nicht einen einzigen Tag zum Leben dazu, wenn unsere Lebenszeit einmal abgelaufen ist. Dennoch sind genau das die wirklichen Geschenke unseres Lebens und alle Gaben unterm Weihnachtsbaum nur Zu-Gaben.

Sie merken schon: Es gibt einen guten Grund, Weihnachten zu feiern, wenn man sich auf den wahren Grund dazu besinnt. Also dann „Fröhliche Weihnachten!“.

Unser Gastautor Heinz Willi Richter lebt in Weißwasser. „Ein bisschen mehr Demut – vielleicht wäre es das, was dieser Welt zu wünschen wäre“, meint er.

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