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Weißwasser gedenkt einstiger jüdischer Mitbürger

Bei einem Rundgang erfuhren Interessierte, dass viele Bürger – darunter einige der wichtigsten Personen der Stadt – dem Nazi-Terror zum Opfer fielen.

Von Sabine Larbig
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Am Mittwoch gedachten Weißwasseraner mit Worten, Kerzen und Blumen einstiger jüdischer Mitbürger
Am Mittwoch gedachten Weißwasseraner mit Worten, Kerzen und Blumen einstiger jüdischer Mitbürger © Joachim Rehle

Als Ernst Opitz, Mirko Schulze oder Franziska Stölzle vor Häusern und Geschäften in Weißwasser vom Leben und Tod der ehemaligen jüdischen Mieter und Eigentümer erzählten, Kerzen und Blumen niederlegten, war es um sie herum still. Vieles, so konnte man in den Gesichtern der Teilnehmer des Rundgangs lesen, war unbekannt und erschütterte.

Eingeladen zum Gedenken hatte die Initiative Stolpersteine für Weißwasser, ein Zusammenschluss von Bürgern und Partnern, die auf das Leben jüdischer Personen der Stadt aufmerksam machen. An oberster Stelle stehen dabei jene, die den Gewalttaten des nationalsozialistischen Regimes vor und während des 2. Weltkrieges zum Opfer fielen. Zur Erinnerung werden durch die Initiative nun Stolpersteine verlegt und Veranstaltungen organisiert.

Am Mittwoch wurde dem ehemaligen Arzt Hermann Altmann, der Textilgeschäfts-Inhaberin Margarete Pese und ihrer leicht behinderten Tochter Gerda sowie Salo Hirschhorn – er betrieb einen Laden für Bettfedern und Nähartikel in der Straße des Friedens 12 – und dem Glashütten- und Porzellanwerk-Gründer sowie Ehrenbürger von Weißwasser, Joseph Schweig, gedacht. Denn in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der Reichskristallnacht, gab es vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich. Auch gegen die Weißwasseraner.Leider, so Ernst Opitz, seien Vorurteile und Verschwörungstheorien heute wieder tief in der Gesellschaft verwurzelt und Antisemitismus salonfähig. „Auch deshalb erinnern wir und stehen öffentlich gegen Rassismus und Rechtsextremismus auf.“

Dazu steht auch Steffen, der mit Schwester Jana und Tochter Käthe am Rundgang teilnahm. „Wir wohnen in Berlin-Prenzlauer Berg, gehen dort jährlich am 9. November zur Gedenkveranstaltung. Weil wir bald nach Bad Muskau ziehen, nahmen wir diesmal in Weißwasser teil. Und ich bin erstaunt, dass es hier sogar Stolpersteine gibt.“ Bislang sind es nur zwei, vorm einstigen Textilgeschäft Pese in der Muskauer Straße, aber es sollen mehr werden, bekennt Franziska Stölzel. Sie freute sich, dass auch junge Menschen zum Gedenken kamen. „ Die Jugend hat keine Schuld am Geschehenen. Aber sie macht sich schuldig, wenn sie nichts über die Zeit erfahren will“, meint sie.

Cornelia Staruß will etwas erfahren. Nicht nur, weil sie Geschichtslehrerin ist und mit Schülern in mehreren Projekten und Filmen jüdisches Leben in Weißwasser erforschte. „Aber es gibt viel, was man nicht weiß. Und die Pogromnacht ein besonderes Datum. Deshalb bin hier.“Beim Rundgang wurde auch in der Mittelstraße gehalten, wo eine Tafel an eine von der SS erschossene polnische Jüdin erinnert, die im Februar 1945 mit tausend anderen Frauen im Todesmarsch vom KZ-Außenlager Neusalz nach Bayern getrieben wurde, was nur 60 überlebten. „Leider wissen viele Menschen gar nicht, dass einige Todesmärsche durch Weißwasser führten und hier, im Neuteichweg, sogar ein Außenlager des KZ Groß Rosen war“, erzählt Stölzel. 300 jüdische Frauen, die vom KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit nach Weißwasser gebracht wurden, arbeiteten bei Philips-Valvo in der Produktion von Röhren und Glühbirnen, bevor sie später per Bahn ins Vernichtungslager Bergen-Belsen kamen. Dort überlebten nur wenige.

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