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Wellness in der Kulturinsel Einsiedel

Im Spa der Kulturinsel Einsiedel in Zentendorf baden Gäste in Suppentöpfen. Und für die 60plus tuckert nun eine Tschu-Tschu-Bahn an die Neiße.

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Rita Seyfert

Kuttelflecke, Biersuppe, Bigosz – wer in der Kulturinsel Einsiedel in Zentendorf einen Suppentopf bucht, der bekommt einen Vierkant-Wasserhahn, ein Handtuch und ein Schloss für die Umkleidekabine in die Hand gedrückt. Denn was sich anhört wie Vorspeisen im Menü-Plan eines Restaurants, sind Bezeichnungen für Bade-Kübel.

Wunschessen ankreuzen, Speisekarte in die Kugel stecken und übers Rinnensystem zur Küche kullern. Holzgestalter Jürgen Bergmann zeigt, wie das Essenbestellen für Bade-Gäste funktioniert.
Wunschessen ankreuzen, Speisekarte in die Kugel stecken und übers Rinnensystem zur Küche kullern. Holzgestalter Jürgen Bergmann zeigt, wie das Essenbestellen für Bade-Gäste funktioniert. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Getauft auf den Namen „Faulenzum“, wurde die neue Wellnessanlage im September 2015 eingeweiht. Der künstlerische Leiter Jürgen Bergmann plante sie. Immer mehr Übernachtungsgäste hängen schließlich an ihren Besuch noch einen zweiten oder dritten Tag ran. „Da brauchten wir mehr Angebote“, so der kreative Kopf.

Baden im Kessel überm Feuer sei für viele Gäste ein Höhepunkt. Gemüse, Reis und Nudeln bleiben aber draußen. Falls Cleopatra vorbeischaut, wird sie auch die Eselsmilch vergeblich suchen. Nur ein Fläschchen Desinfektionsmittel kommt in den Sud. Das schreibe die Hygiene vor. Gut drei Kubikmeter Wasser passen in einen Bottich rein. Und eine achtköpfige Mannschaft, wenn es noch bequem sein soll. Dicht an dicht geht aber auch.

Eine, die es ausprobiert hat, ist die 39-jährige Jeanette aus Magdeburg. „Witzig, die Idee, meinen eigenen Zuber anzuheizen“, sagt sie. Gemeinsam mit Tochter Lilly, Freundin Kristin, deren Tochter Sarah und Mitbewohner Kevin stieg sie in den Kessel. Für die gestressten Mütter bietet das Vollbad unterm Himmel eine willkommene Auszeit. Angenehm empfinden sie die 40-Grad-Baby-Badewannen-Temperatur.

Nur hitzephobe Wellnessjünger sind hier falsch. Zumindest tagsüber im Hochsommer dürfte der angeheizte Pool nichts für Herz-Kreislauf-Patienten sein. Falls die Pumpe flattert, wartet neben der Sauna ein Ruheraum. Und davor am Eingang steht ein mannshoher Holzkübel für die eiskalte Kneipp-Anwendung.

Die Atmosphäre ist ein bisschen wie im Dschungel. Irgendwo schreit ein Pfau, Vierhorn-Ziegen laufen über die Baumhaus-Dächer, und unweit plätschert ein Bach in ein Forellenbassin. Jeder der sechs Kessel hat eine Sitzgruppe in den Bäumen. Dorthin gelangen die Badenden ebenso wie die Kellner über einen Steg. Betreut wird die Wellnessanlage durch die Gastronomie der Feuerwasserspelunke. Der Fisch nach Müllerin-Art und das kühle Blonde werden aber weder am Tisch noch am Kessel bestellt. Die Gäste kreuzen ihre Wünsche auf einer Speisekarte an, stecken diese in eine Kugel und schicken sie über ein Rinnensystem in die Küche.

Überhaupt ist in der Kulturinsel alles etwas anders. „Kreativ“, wie Jeanette sagt. „Jeder Besuch regt die Fantasie an.“ Das Nutella der Tochter heißt Trollschmiere, die Pommes Pomoffeln, und gebadet wird eben in Soljanka. Wohl gerade weil ein Bad im übergroßen Emailletopf so ungewöhnlich ist, kommt es bei den Besuchern an. Zwei der ehemaligen Industriekessel stammen aus einer Molkerei. Inzwischen sind die Milchbetriebe auf Edelstahl umgestiegen. Holzbildhauer Bergmann kaufte die Kübel vor Jahren, schmückte sie mit Ketten, baute Bänke ein und führte sie ihrer neuen Bestimmung zu.

Das „Spa“ habe sich etabliert, sei zwar nicht ausgelastet, aber gut gebucht. Neben Familien und Freunden feiern hier auch Firmen. Die Optik ist urig. In puncto Design sei man in der End-Phase. Nur ein paar Details fehlen noch. Da wäre zum Beispiel der Wassereinlauf in die Kübel. Momentan regulieren Badegäste die Temperatur noch über einen Gartenschlauch. Bald soll das kühlende Nass aus einem Robinienstamm spritzen. Auch die Beleuchtung soll noch besser werden. Magischer, farbiger, noch mehr Zauber in LED. „Wir haben ein richtiges Lichtkonzept“, erklärt der Visionär Bergmann.

Dabei sind die Gäste schon jetzt begeistert. Wenn sie mit Stirnlampen zur mitternächtlichen Trollsuche aufbrechen, funkeln Wege, Brücken und Stege in Grün. Unglaublich, aber die älteren Herrschaften würden am meisten schwärmen, vorausgesetzt, dass sie den Abenteuerfreizeitpark für sich entdecken. Paradox sei nämlich, dass die Kulturinsel in der natürlichen Wahrnehmung der Generation 60plus gar nicht auftaucht. „Hier sieht ja alles nach Spielplatz aus“, so Bergmann. Dabei fährt seit dieser Saison auch eine Tschu-Tschu-Bahn auf Vorbestellung zum schwimmenden Café an die Neiße, damit die Senioren nicht laufen müssen. Und Tausende Blütenstauden wurden gepflanzt. Mit Rittersporn, Akelei und Lupine soll die Wildnis noch mehr leuchten.

Grenzen kennt die Kulturinsel keine. Inzwischen plant Jürgen Bergmann sogar für das Land des Lächelns. Eine chinesische Architekten-Delegation besuchte den Park jüngst inkognito – und war schwer beeindruckt. An einem Stausee 60 Kilometer nördlich von Peking sollen nun zwei Ferien-Ressorts entstehen, darunter luxuriöse Baumhäuser mit Blick auf die Chinesische Mauer. Einen Masterplan gibt es schon. Auch eine Tier-Mensch-Begegnungsstätte sei geplant. Ob die Edel-Hippies unter den Chinesen auch bald in Emaille-Kesseln baden, bleibt aber noch abzuwarten.