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Feuilleton

Wem gehört das Wissen?

Léontine Meijer-van Mensch leitet seit Kurzem die drei Völkerkundemuseen in Sachsen und schmiedet neue Allianzen.

Léontine Meijer-van Mensch am Herrnhuter Gottesacker. Die neue Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen stammt aus den Niederlanden. © Foto: Ronald Bonß

Nachmittags um vier in Herrnhut. Léontine Meijer-van Mensch kommt mit einem Geschirrtuch in der Hand auf den Museumsflur und schlägt vor, das Gespräch im Aufenthaltsraum des Museums zu führen. Sie geht selbstverständlich davon aus, dass ihre Gäste das Haus kennen, dessen Dauerausstellung seit mehr als fünfzehn Jahren steht. Sie selbst hat sich vorgenommen, aller zwei Wochen einen oder zwei Tage in der kleinsten der drei Institutionen zu arbeiten, die sie seit diesem Februar leitet. Die gebürtige Niederländerin ist die neue Chefin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen (SES) und switcht dienstlich zwischen Leipzig, Dresden und Herrnhut hin und her.

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„Das ist eine logistische Herausforderung. Vielleicht sollte ich mir einen Wohnwagen kaufen“, scherzt sie, setzt Teewasser auf und sagt: „Ich habe holländische Sirupwaffeln mitgebracht.“ Und da aller guten Dinge drei sind, erfüllt sie auch ein drittes holländisches Klischee: Sie fährt Rad. „Das Grassi ist natürlich international ein Name, und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, zu denen die SES gehören, sind ebenfalls weltbekannt. Wenn ich in Leipzig aus meiner neuen Wohnung ins Grassi radle, bin ich jedes Mal echt stolz und dankbar, dass ich jetzt dort arbeite.“

Die 45-Jährige war zuletzt Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin. Warum hat sie diese renommierte Institution verlassen? Doch nicht nur, weil sie sich in Sachsen und die Oberlausitz verliebt und vor fünf Jahren mit ihrem Mann in Nordböhmen, also kurz hinter der sächsischen Grenze, ein altes Bauernhaus gekauft hat? „Das Jüdische Museum ist ein spannender Ort. Wer inhaltlich an Museen interessiert ist, kann meinen Schritt sicher verstehen. Aber nicht, wer nur aufs Budget guckt und auf die Besucherzahlen. Denn die Entwicklungen der Ethnologiemuseen sind sehr viel spannender. Wir müssen uns fragen: Wem gehören die Objekte? Was bedeutet es für die europäischen Kulturen, dass die Objekte jetzt hier sind, und wie verhalten wir uns dazu? Welches Wissen klebt an diesen Objekten? Müssen wir unser Expertenwissen nicht viel stärker mit den Ursprungsgemeinschaften teilen? Wäre das nicht sehr viel interessanter, als die Objekte einfach zurückzugeben? Wir müssen die Provenienzforschung intensivieren und uns stärker dialogisch entwickeln.“

Interdisziplinäres Arbeiten, transkulturelles Denken, wie es an den SKD täglich praktiziert wird, liegt Léontine Meijer-van Mensch. Sie ist nun dabei, die Fäden aufzugreifen. „Lasst mich daraus mal einen Teppich machen“, sagt sie, und man spürt, dass sie große Lust drauf hat, Netzwerke zu schaffen. Mit ihren Kollegen in den SKD ist sie im regen Austausch. Für Ethnologen gibt es viele direkte Anknüpfungspunkte im Grünen Gewölbe oder im Museum für Sächsische Volkskunst. Frau Meijer-van Mensch findet es auch reizvoll, Bezüge zur zeitgenössischen Kunst herzustellen, und hat keine Scheu, mit den Kollegen aus den Naturkundlichen Sammlungen in Dresden und Leipzig zu kooperieren. In den Niederlanden, wo es Anfang des Jahrhunderts einen kulturellen Kahlschlag gab, haben Museen, Opernhäuser, Bibliotheken aus der Not heraus Kooperationen angefangen. „Statt uns zu streiten, haben wir neue Allianzen gebildet und kamen gemeinsam auf tolle Ideen. Das hat mich geprägt.“

Aber wer geht denn heute überhaupt noch ins Völkerkundemuseum, wo er doch die Welt bereisen kann? „Provokative Frage. Deshalb sollten wir neue Geschichten erzählen, Hintergründe vermitteln, Eindrücke vertiefen. Zum Beispiel so: ,Ach, Sie waren gerade auf Bali! Wie schön! Wissen Sie eigentlich, was der Tourismus für die Menschen dort, was er für ihr kulturelles Erbe bedeutet?‘“ Auch mit den jüngsten Völkerwanderungen wachsen den Völkerkundemuseen neue Aufgaben zu. Das Damaskuszimmer könnte für Syrer, die in Dresden leben, ein Ort werden, an dem sie über ihre Geschichte erzählen können. In Leipzig leben viele Vietnamesen, und das Museum hat eine tolle Vietnamsammlung. Wie bringt man sie zusammen?

Huskys können nicht in Rente gehen

Ausstellungstechnisch liegt vor der neuen Direktorin ein weites Feld. In Dresden hat die Völkerkunde seit vielen Jahren keine Dauerausstellung mehr, ist über diverse offene Formate im Japanischen Palais präsent. Der Begriff Dauerausstellung klingt für Léontine Meijer-van Mensch zu statisch. Sie will der Sammlungspräsentation der Völkerkunde in Dresden wieder einen festen Ort geben. Anfangen wird sie mit dem „wunderbaren Damaskuszimmer, diesem Juwel, das viele Dresdner lieben. Ich werde schauen, wie viel Geld wir brauchen, um die Restaurierung fertigzustellen, und ich hoffe, dass wir das bis Anfang 2020 hinbekommen.“ Das Japanische Palais ist eine Art Experimentierraum, das Grassimuseum in Leipzig der Hauptsitz der sächsischen Völkerkunde. Dort braucht nicht nur die Ausstellung frischen Wind. Alle drei im Grassi beheimateten Museen wünschen sich dringend ein neues Eingangsgebäude, in dem die Besucher sich wirklich willkommen fühlen.

Die Expertisen überlässt die Chefin ihren Kollegen und Kolleginnen. „Meine Rolle sehe ich darin, mich um die Rahmenbedingungen zu kümmern und eine strategische Vision für die Häuser zu erarbeiten“, sagt sie. In den nächsten Jahren steht ein Generationswechsel bevor. Am liebsten würde Frau Meijer-van Mensch jedem älteren Kollegen sofort einen jungen Wissenschaftler zur Seite stellen, damit das Wissen und die Erfahrung nicht mit in den Ruhestand gehen.

In Herrnhut sind auch die beliebten Schlittenhunde der Inuit in die Jahre gekommen. Seit 2003 tun sie Dienst in der Ausstellung, und Lèontine Meijer-van Mensch weiß, dass sie sie nicht einfach in Rente schicken kann. „Wir wollen hier im Haus eine starke Kontextualisierung vornehmen und die ambivalente Herrnhuter Missionsgeschichte beleuchten. Wir könnten auch thematisieren, wie die Inuit mit der Erderwärmung klarkommen.“

Viele Herrnhuter haben eine enge Beziehung zum Völkerkundemuseum in ihrer Stadt. Deshalb will die Chefin sie auch als Akteure ins Museum einladen: „Jeden Monat soll ein Herrnhuter oder eine Herrnhuterin ein Objekt ins Museum mitbringen und dessen Geschichte erzählen, die vermutlich auch eine Familiengeschichte ist.“