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Weniger Warten auf das SEK

Die Polizei hat eine neue Strategie, um im Ernstfall Angreifer auszuschalten. Dabei hilft das Anti-Terror-Paket.

© Robert Michael

Von Alexander Schneider

Familienstreit in Heidenau. Die Lage eskaliert. Ein Mann bindet sich sein Baby auf den Bauch und klettert aus dem Dachfenster. Die Mutter zerrt an dem Baby-Tragegestell, während ihr Ex-Partner, ein 26-jähriger Marokkaner, droht, sich mit dem gemeinsamen Sohn in die Tiefe zu stürzen. Dann geht es ganz schnell. Polizisten brechen die Wohnungstür auf, ein Uniformierter stürzt auf den Mann zu und zerrt ihn nach drinnen. Vater und Sohn sind gerettet, der 26-Jährige wird festgenommen. Der Einsatz an einem Sonntagmittag im August war wohl der dramatischste des neu aufgebauten Interventionsteams der Polizeidirektion Dresden. Mehrmals pro Woche rücken die Männer und Frauen der sogenannten „lebEL“-Gruppe aus – immer dann, wenn Menschen in Lebensgefahr sind oder zumindest die Möglichkeit droht. „lebEL“ steht für lebensbedrohliche Einsatzlagen.

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Es war der zunehmende Terror, dem die Beamten der Dresdner Einsatzhundertschaft ihre neue Ausrüstung und das Spezialtraining zu verdanken haben. Nach dem islamistischen Anschlag auf ein Konzerthaus in Paris im November 2015 entstand das Einsatzkonzept, und es gab millionenschwere Neuanschaffungen für alle fünf Polizeidirektionen. Anfang 2017 übergab Innenminister Markus Ulbig fünf gepanzerte Geländewagen vom Typ Toyota Land Cruiser V8, halbautomatische Gewehre, schusssichere Helme, stichfeste Westen, neue Dienstpistolen mit 15 statt nur acht Schuss im Magazin im Rahmen des sogenannten Anti-Terror-Pakets.

Die neue Taktik ist, gut ausgebildete und bei Bedarf schwer bewaffnete Kräfte schneller als bisher zum Einsatz zu bringen. Wie etwa Anfang Mai, als ein 28-Jähriger nach Mitternacht mitten in Dresden einen Amoklauf angekündigt hatte. Er werde jeden über den Haufen schießen, der über die Straße läuft. Bald war die „lebEL“-Gruppe da, lange vor dem Spezialeinsatzkommando (SEK), das in Leipzig sitzt und von dort anreisen muss. „Diese Lücke haben wir geschlossen“, sagt Hendrik Schlicke, der 36-jährige Polizeioberrat ist Chef der Inspektion Zentrale Dienste, zu dem die Dresdner Einsatzzüge gehören. Seine Beamten sind darin geschult und trainieren regelmäßig, die Brisanz solcher Situationen zu erkennen und danach zu handeln. Im Idealfall gemeinsam mit ihren Kollegen des Streifendienstes, die in der Regel als Erste vor Ort sind. Auch sie haben inzwischen eine bessere Schutzausrüstung in ihren Autos. Dass sich ein Täter in seiner Wohnung verschanzt, ist ein typisches Szenario für das SEK. Ist er bewaffnet? Hat er Geiseln in seiner Gewalt? „Eine solche Situation wird nicht ungefährlicher, nur weil wir auf die Spezialkräfte warten“, sagt Iven Eißner, Leiter der Hundertschaft: „Wir können jetzt eher intervenieren.“ Den Täter binden, ihn stören, ihn beschäftigen. „Dazu gehört, dass wir durchaus auch einem Schusswechsel nicht aus dem Weg gehen, wenn es die Lage erfordert und zulässt“, sagt Eißner.

Sturmgewehre und Plattenträger

Solche Interventionsteams gibt es inzwischen in allen Polizeidirektionen Sachsens. Jede hat einen „Panzer“ bekommen, wie die Männer ihren Toyota nennen. Mit den Sturmgewehren vom Typ Hänel CR 223 ließen sich auch auf mehrere Hundert Meter gezielte Schüsse abfeuern. Neben stichfesten Westen erhielten die Beamten sogenannte Plattenträger. Das sind übergroße, fast zehn Kilogramm schwere Westen mit Metallplatten, die selbst Schüssen einer Kalaschnikow standhalten sollen. Auch die kamen erst Anfang August zum Einsatz, als die Beamten dabei halfen, bei Klipphausen einen Straftäter zu finden, der sich in einem ehemaligen Möbelhaus versteckt und auf Polizisten geschossen hatte.

Die Einsatzzüge der Dresdner Hundertschaft hätten als Erste das Konzept umgesetzt, so Polizeisprecher Thomas Geithner. Seit Sommer ist mit neuen Arbeitszeiten gesichert, dass rund um die Uhr die Interventionskräfte einsatzbereit sind. Wegen der Umstrukturierung sind die Einsatzzüge nun weniger oft bei Demos und Fußballspielen unterwegs. „Aber gerade der Streifendienst profitiert von der regelmäßigen Verfügbarkeit dieser Einheit“, sagt Geithner. Er betont, dass die neue Gruppe kein „Mini-SEK“ sei. Ihre Arbeit bringt neue, psychologische Herausforderungen mit sich. Im Training wird nicht nur mehr geschossen. Ganz bewusst würden die Beamten auch mit unbeherrschbaren Lagen konfrontiert – um ihnen das hohe eigene Risiko zu verdeutlichen. Iven Eißner bringt einen Vergleich: „Nur weil wir jetzt einen neuen Hammer haben, dürfen wir nicht jedes Problem als Nagel sehen.“