Merken

Wenn der Stein lebendig wird

Der Geotechniker Peter Dommaschk „sammelt“ Felsstürze. Im Elbsandstein gibt es sachsenweit die meisten Vorfälle.

Teilen
Folgen
NEU!
© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Bad Schandau/ Kirnitzschtal. Wie auf einer Perlenschnur reiht sich im Kirnitzschtal ein rotes Hütchen an das andere. Nummer 519 markiert die „Eintagsfliege“. Auf diesen Namen hatten örtliche Bergsteiger den siebzig Tonnen schweren Sandsteinklotz getauft, der am 2. September 2014 kurz oberhalb der letzten Bad Schandauer Häuser mitten auf die Straße fiel. Als Klettergipfel diente der kapitale Brocken nur wenige Stunden. Dann wurde er von einem Baggerlöffel zertrümmert und weggeschaufelt.

Der Stein kommt ins Rollen

Es ist passiert. Dieser Sandsteinklops rollte 2014 mitten auf die Kirnitzschtalstraße.
Es ist passiert. Dieser Sandsteinklops rollte 2014 mitten auf die Kirnitzschtalstraße.
Das „Ereigniskataster“: Die roten Hütchen markieren vor allem Felsstürze.
Das „Ereigniskataster“: Die roten Hütchen markieren vor allem Felsstürze.
Der Stein ist gefangen. Schwere Felssicherung am Abzweig nach Ottendorf nahe der Buschmühle im Kirnitzschtal.
Der Stein ist gefangen. Schwere Felssicherung am Abzweig nach Ottendorf nahe der Buschmühle im Kirnitzschtal.

Ausgerechnet bei diesem spektakulärsten Felssturz der letzten Jahre machte der Herr der roten Hütchen, der Geotechniker Peter Dommaschk, Urlaub auf einer Atlantik-Insel. Den Steinklops auf der Straße sah er im Display seines Handys. An dieser Stelle hatte es bisher keine Vorkommnisse gegeben. Herr Dommaschk wunderte sich, und auch wieder nicht. Gestein ist keine tote Natur, sagt er. Und in der Sächsischen Schweiz leben die Steine, um im Bild zu bleiben, besonders eifrig.

Peter Dommaschk, 56 Jahre, Diplom-Ingenieur für Geotechnik, zu DDR-Zeiten in der Braunkohle beschäftigt, arbeitet heute beim Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Freiberg. Er beschäftigt sich mit Geogefahren, mit Felsrutschungen, Felsstürzen und Murgängen, also Lawinen aus Schlamm und Geröll. Dommaschk sammelt diese Zwischenfälle in einem „Ereigniskataster“. Diese Datenbank enthält zurzeit 617 Eintragungen aus ganz Sachsen. Auf eine Landkarte gedruckt, werden daraus die roten Hütchen.

Besonders viele Hütchen gibt es im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Rund die Hälfte der Ereignisse fand im Elbsandstein statt. Doch auch im Freitaler Raum brechen Felsen. Einmal rollten zwölf Kubikmeter Gestein ins Johannes-May-Stadion im Stadtteil Hainsberg. Wieso ist das Gebirge in unserer Gegend so aktiv? Peter Dommaschk ist mit mir ins Kirnitzschtal gefahren. An der Ostrauer Mühle, dort, wo eine bemooste Felsnase gegen die Talstraße vorspringt, schwingt er den Geologenhammer. Prompt schlittern ein paar Gesteinsschollen zu Boden, dorthin, wo bereits etliche kindskopfgroße Klamotten vor einer wuchtigen Metallbarriere liegen.

Berge kriegen keinen TÜV

Nicht Sandstein ist es, sondern Granit, der hier Probleme macht. Das Material hat sich seit Urzeiten von der Lausitz her herangeschoben. Es ist vulkanischen Ursprungs. Beim Erkalten haben sich feine Risse gebildet, wurden Trennlinien vorgezeichnet. Wird das Gebirge nun durch Täler und Straßenbauten angeschnitten, lockert sich der Gesteinsverbund. Baumwurzeln und Wasser dringen ein und sprengen Felsstücken ab, die dann entlang der Störstellen wie auf einer Rutschbahn zu Tal schlittern.

Häufig ist Peter Dommaschks Auftrag, das Risiko eines solchen Ereignisses einzuschätzen. Als Amtsperson arbeitet er nicht für Privatleute, sondern für andere Behörden, etwa fürs Landratsamt oder für die Straßenbauverwaltung. Dabei verteilt Herr Dommaschk keine Felsen-TÜV-Plaketten. Er gibt Einschätzungen ab. Belastbare Gutachten liefern später die Fachbüros. Dann muss der Auftraggeber entscheiden, welche Schutzvorkehrungen er trifft.

Hier, an der Ostrauer Mühle, waren etwa zehn Kubikmeter Gestein abgerutscht. Warum, erklärt Peter Dommaschk mir mit dem Geologenkompass. Er hält das Spezialgerät an die glatte Felswand, auf der das Material herabglitt. Sie ist sehr steil, hat 57 Grad Neigung. Die Störfläche, also die Rutschbahn, fällt aus Südosten ein. Sie zielt genau auf den nahen Straßenasphalt. Das Risiko eines neuerlichen Steinschlags ist also hoch. Auf diese Feststellung hin wurden die Stahlplanken aufgestellt. Klar, es kann passieren, dass ein Stein weit oben am Fels abspringt und über die Barriere fliegt. Es sind natürliche Prozesse, mit denen man hier zu tun hat, sagt der Geologe. Die Natur kriegt man nicht hundertprozentig sicher.

An der Buschmühle, wo die Straße nach Ottendorf abzweigt, sieht es so aus, als hätte man es zumindest versucht. Mit Stahltrossen umschnürt liegt, wie in einem riesigen Einkaufsnetz, ein Standsteinmassiv am Straßenrand. Oben drüber streben viele Meter schweren Fangzauns dahin. Peter Dommaschk betrachtet das Bollwerk, das im Elbsandstein schon „eine höhere Liga“ ist, wie er sagt. Gemacht für die Ewigkeit? Jedenfalls für viele Jahrzehnte. „Hier dürfte nichts mehr passieren.“ An diesem Straßensaum waren 2005 und 2008 insgesamt acht Kubikmeter Gestein abgestürzt. Jedes Mal wurde die Kreisstraße getroffen. Das Landratsamt bat die Geotechniker um Rat. Die bestätigten eine akute Gefahr. Das Problem: Der Sandstein, der eigentlich in waagerechten Schichten lagert, wurde hier, wohl durch den Druck des Lausitzer Granits, schräggestellt und zerbrochen. Durch Verwitterung lösen sich nun die Fragmente und fallen herunter.

Abbrüche nur eine Frage der Zeit

Peter Dommaschk ist nicht immer glücklich mit den Sicherungen, die auf seine Einschätzung hin in die Landschaft gestellt werden. Aber oftmals, so wie hier an der Buschmühle, freut er sich, wenn er „die Früchte“ seiner Arbeit anschaut. Das zeigt ihm, dass das, was er macht, ernst genommen wird. Und der Beratungsbedarf steigt, sagt er. „Die Aufträge nehmen zu.“

Der Elbsandstein macht den Ingenieurgeologen deshalb so viel Arbeit, weil er ein schwacher Stein ist, der schnell verwittert. Zerfällt eine tieferliegende Gesteinsschicht eher als die, die auf ihr lastet, bilden sich Überhänge. Schließlich kommt es zum Abbruch. Dass dieses „statische Versagen“ eintritt, das ist gewiss. Nur wann es passiert, das, sagt Peter Dommaschk, lässt sich im Normalfall nicht ableiten.

Auf diese Weise ist wohl auch der Megaklotz bei Bad Schandau abgestürzt. Verhindern können hätte das wohl niemand, auch ein Geotechniker vom Landesamt nicht. Der tritt meistens erst dann auf den Plan, wenn bereits etwas passiert ist. Doch was nützt ein neues rotes Hütchen im Ereigniskataster? Den Fels beherrschen kann man mit Statistik nicht, sagt Peter Dommaschk, seine Schwachstellen ausmachen aber schon. Aus den Daten entstehen Gefahrenhinweiskarten. Die sind wichtig, etwa, wenn man neue Baugebiete plant. Kein Bauherr soll eines Tages eine „Eintagsfliege“ in seinem Vorgarten finden.