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Feuilleton

Wenn die Venus Augen aufschlägt

Wie im Märchen: Diese Woche hatte ich eine traumhafte Begegnung mit drei schönen Italienerinnen.

Stellen wir uns vor, die Venus steht auf, zieht sich einen Mantel über und geht auf dem Theaterplatz spazieren. Giorgione, und Tizian malten die "Schlummernde Venus" um 1508/ 10.
Stellen wir uns vor, die Venus steht auf, zieht sich einen Mantel über und geht auf dem Theaterplatz spazieren. Giorgione, und Tizian malten die "Schlummernde Venus" um 1508/ 10. © SKD, Gemäldegalerie Alte Meister, Foto: Hans-Pete

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Kürzlich schlenderte ich spät abends über den Dresdner Theaterplatz. Vivaldi schlummerte in meiner Jacke, nur der Kopf des Katers schaute heraus, ab und zu zuckte ein Ohr.

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Fast dachte ich, dass ich träumte. Eine der drei Frauen, die meinen Weg kreuzten, kam mir unheimlich bekannt vor. Der Schwall kastanienbrauner Haare, in der Mitte gescheitelt und im Nacken zusammengebunden. Das ebenmäßige Antlitz, die feinen Augenbrauen, die schmale, lange Nase, der gekräuselte Mund … Sie sah bezaubernd aus und gehörte hier nicht her, dachte ich. Dann fiel es mir ein. Sie ähnelte Giorgiones Venus, die drüben im Semperbau ihren ewigen Schönheitsschlaf schlief. Dort aber trug sie nichts. Mir schoss eine alte Weisheit durch den Sinn: Wenn eine Frau, die dich nackt betört, dein Herz auch höher schlagen lässt, wenn sie dir bekleidet gegenübertritt, ist sie wahrlich schön. Sie hatte einen tiefdunkelroten Mantel an, und als sie auf meiner Höhe war, warf sie mir einen Blick zu, der durch und durch ging. Dann lächelte sie, sagte etwas zu ihren Begleiterinnen, die beide ein Kind auf dem Arm trugen und mir nun auch seltsam vertraut erschienen. 

Sie lachten und blieben stehen. Die eine drehte sich zur Seite, sodass ich ihr rechtes Ohr sehen konnte. Oh nein. Dieses Ohr, hätte ich schwören mögen, hatte ich ebenfalls schon oft gesehen. Oben war die Muschel breit und stand etwas ab, unten war sie schmal, mit einem winzigen tropfenförmigen Ohrläppchen. Alle Frauen auf den Bildern Parmigianinos hatten solche Ohren. Die Anthea in Neapel, die Maria in Florenz, die Barbara in Madrid, die Katharina in London, die Madonna mit der Rose hier … Da sah ich, dass der Junge, den sie trug und der noch putzmunter war, eine Rose in der Hand hielt. Seine Mutter hatte einen goldenen Reif in ihrem dunkelblonden Schopf. „Sie täuschen sich nicht“, sagte sie leise und schmunzelte. Sie sprach Deutsch, doch mit italienischem Akzent. Klar, dachte ich, nur Frauen aus dem Süden waren kurz vor Mitternacht noch mit ihren Kindern unterwegs. „Wir wollten mal raus und uns die Beine vertreten. Die Galerie wird wiedereröffnet, da sind wir unabkömmlich.“

Die dritte Frau, die sich bisher im Schatten gehalten hatte, trat ins Licht. Sie war rotblond und ihr Gesicht fülliger, aber auf feine Art, und auch ihr Sohn, etwas jünger als der mit der Rose, war nicht eben mager. Unter dem Mantel aus kostbarem Tuch, das zwischen Oliv und Türkis changierte, lugte ein hellrotes Kleid vor. „Ehe Sie sich den Kopf zerbrechen“, sagte sie, „ich bin die Madonna von Giulio Romano. Künftig wieder links neben Raffaels Sixtina zu sehen, die alle Blicke auf sich zieht, und mein Jeshi hier steht dann wieder auf der Kante seiner Waschschüssel.“ Und dann erzählten die drei … Vom wüsten Treiben, das sich nachts drüben bei Rubens und Rembrandt abspiele. Von den Zicken und den Netten unter den Madonnen. Von der Mühsal als Mutter mit Kind ohne Liebesleben. Vom Obst der Holländer und anderen kleinen Freuden des Alltags.

„Ich bin die älteste von uns dreien“, sagte die Venus, „und schon am längsten in Dresden. Mein Giorgione“, sie sprach ihn Dsordsone aus, „starb an der Pest, bevor die beiden hier geschaffen wurden. Giulios Maria war monatelang zur Kosmetik bei Steffi, der Restauratorin. Und ich habe mich mit dem Apoll in der Antikenhalle eingelassen. Nur ein Kopf, wissen Sie? Das erleichtert manches.“ Sie lachten glockenhell, und davon bin ich aufgewacht. Morgen besuche ich sie. Ich habe noch viele Fragen.

Unser Autor ist Literat, Kunst- und Musikkritiker. Er schreibt seit 1992 Kolumnen für die Sächsische Zeitung.