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Wer darf das sagen?

Feroz Khan zog nach Dresden, um die Ängste der Menschen hier zu verstehen. Mittlerweile wählt er selbst die AfD, gezwungenermaßen, wie er sagt.

© Sven Ellger

Von Theresa Hellwig

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Dunkler Hauttyp, braune Augen, schwarzer Bart und schwarze Haare: Das Aussehen von Feroz Khan verrät einen Teil seiner Familiengeschichte. Auch die Moderatorin Bettina Böttinger vermutete vor einem Jahr in ihrer Talkshow, dass der Student einen Migrationshintergrund hat.

Seine Antwort: „Ich bin aus Dresden.“ Die Zuschauer lachten verdutzt. Noch verwunderter waren sie, als Khan über Sexualstraftaten in der Kölner Silvesternacht sprach: „Die davonkommenden Täter mischen sich wieder unters Volk. Es ist völlig logisch, dass sich in der Gesellschaft eine Angst und ein Unmut gegenüber arabischen Migranten breitmacht.“ Mit seinem Auftritt in der Talkshow wurde der Student im Internet bekannt. Auf Facebook und Internetseiten wurde der Clip verbreitet.

Khan beschloss, selbst Fernsehen zu machen und die Videos auf seinen Youtubekanal „Achse: OstWest“ zu stellen. Etwa ein Jahr später sitzt er auf einer Bank auf dem Gelände der Technischen Universität und erzählt von seinen Erlebnissen in Dresden. Mehr als eine Viertelmillion Menschen haben inzwischen seine Videos angesehen. Bei Youtube kommentieren Nutzer seine Videos, deren Profilbilder das Logo der Identitären Bewegung oder den Reichsadler zeigen. In seinen Aufnahmen gratuliert Khan der AfD zum Ergebnis der Bundestagswahl. Er stimmt Martin Sellner von der Identitären Bewegung zu, als dieser sagt, die Medien hätten versucht, die sexuellen Belästigungen in der Silvesternacht zu vertuschen.

Und er erzählt von seinen Erlebnissen in Dresden. Denn Khan sagt, er sei ganz bewusst in die Stadt gezogen, über die er zuvor so viel Schlechtes gehört hatte. „Da wimmelt es von Neonazis“, hieß es, ganz Sachsen sei „braun“. Das wollte er sich selbst ansehen. Außerdem hat hier sein Studienfach, das Bahnsystemingenieurwesen, einen exzellenten Ruf .

Von Boxclub verdächtigt

Khans Vater kam Ende der 70er Jahre nach Deutschland, seine Mutter wenig später. Als Angehörige der verfolgten Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya, einer Randgruppe des Islam, flohen sie aus Pakistan. Eigentlich gehören sie zu denjenigen, die viele AfD-Wähler gar nicht in Deutschland haben möchten. Und trotzdem sagt Khan: „Ich habe mich bei der letzten Bundestagswahl gezwungen gesehen, die AfD zu wählen.“

Feroz Khan, blau-weiß kariertes Hemd, Schirmmütze und schwarze Weste, 27 Jahre alt: Ein junger, ausländisch aussehender Rechter, ähnlich wie Akif Pirinçci? Jedenfalls wirkt er im Gespräch vernünftig und differenziert. „Ich sehe mich als rechtsbürgerlich, nicht rechtsradikal“, erklärt er. Wie man seine Denkweise nennt, ist ihm aber eigentlich egal. Auf den Inhalt kommt es ihm an.

Und von seiner Meinung erzählt Khan ganz bereitwillig. Im Interview mit dem deutschen Ableger des kremlnahen russischen Senders „Russia Today“ (RT Deutsch). Oder auch im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Er berichtet von einer negativen Erfahrung, die er machen musste, als er nach Dresden kam: Bei der Suche nach einem Boxclub sprach ihn der Vereinsvorsitzende immer wieder auf das Thema Religion und seine Herkunft an. Irgendwann kam er ganz direkt zu seiner eigentlichen Frage: „Woher soll ich wissen, dass Sie kein Schläfer sind?“

Khan wurde verdächtigt, ein IS-Kämpfer zu sein. Er lernte, dass es tatsächlich rechtsextreme Menschen in Dresden gibt. Damals war Khan zwar nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal das Opfer von Diskriminierung. Er erzählt aber auch von Situationen, die er falsch gedeutet hatte – und rät dazu, ohne Vorurteile nachzudenken. Intentionen hinter Handlungen seien oft unklar.

Erfahrungen sammelte der Student auch in der Straßenbahn. Probleme bereiteten ihm dort aber nicht rassistische Deutsche, sondern Personen, denen Khan eine nicht-deutsche Herkunft ansah. Im Video erzählt er, dass er diese aufforderte, die Füße vom Sitz zu nehmen – sie bedrohten ihn daraufhin mit einem Messer. Von solchen kriminellen Ausländern scheint Khan sich abgrenzen zu wollen, wenn er sagt: „Ich habe kein Interesse, Straftäter zu decken – schon gar nicht die, die hier Schutz- und Gastrechte haben.“

Oft habe Khan Kontrollen der Polizei über sich ergehen lassen, nur weil er aussieht, wie er eben aussieht. Und trotzdem – die folgenden Sätze sagt er mit Nachdruck: „Ich kann diesen Leuten gar keinen Vorwurf machen.“ Die zwei Minuten Wartezeit durch eine Polizeikontrolle nehme er sogar gerne auf sich. Denn dass Polizisten bewusst ausländisch aussehende Personen kontrollieren, finde er in Ordnung. „Die Polizei muss das tun, nur so kann sie die Straftäter finden.“ Meint er, dass es keine deutschen Straftäter gibt?

Khan, selbst ehemals Muslim, empfindet diese Religion als problematisch. Nicht nur das Phänomen der sexuellen Belästigung durch Gruppen schreibt er diesem Glauben zu. Er findet, dass der Islam nicht kompromissbereit ist. Mit islamkritischen Gruppierungen wie der Identitären Bewegung oder Pegida hat er keine Berührungsängste. Er sei kein Mitglied, sagt er, aber er toleriere die Identitären. Auch Pegida hat er bereits besucht und aus der Distanz beobachtet. Er erklärt: „Ich habe nichts Undemokratisches oder Unlegitimes beobachtet.“ Mit Pegida-Gründer Lutz Bachmann sympathisiert er zwar nicht, würde eine Diskussion jedoch nicht ausschlagen. Denn genau das will er: Mit den Leuten reden. Und der Rassismusvorwurf tue der Debatte keinen Gefallen. Ein Vorbild ist dem Studenten Wolfgang Bosbach. Wie er, möchte Khan Jura studieren. Bei Youtube zitiert er das CDU-Mitglied: „Politisch korrekt ist die Wahrheit.“

Diese Wahrheit findet der Student trotz allem nicht bei der AfD; nicht mit allen ihren Positionen stimmt er überein. Zum Beispiel unterstützt Khan die Homo-Ehe. Deshalb ist er kein AfD-Mitglied. Er scheint noch nicht genau zu wissen, wo er hingehört. Ist er auf der Suche danach am rechten Rand angekommen? Er hat die AfD gewählt, weil er findet, dass die Medien die Partei schlecht darstellen. „Ich solidarisiere mich mit den Ausgegrenzten“, erklärt Khan. Dazu zählt er sich aber nicht.

Die Dresdner könne Khan jetzt besser verstehen. Über sie habe er in seiner Zeit hier gelernt, dass sie direkt und ehrlich seien. Auch der Student sagt geradeheraus, was er denkt – ein bisschen trotzig, nicht schüchtern. Er gestikuliert beim Reden, legt die Hände ineinander, sodass sein Silberring in Form eines Wolfskopfes besonders zur Geltung kommt. Hat Khan eine Antwort nicht genügend ausgeführt, leitet er das Gespräch zurück, um wirklich deutlich zu machen, was er meint. Weiß er etwas nicht, so sagt er das auch. Manchmal provoziert er auch: „Meine Haltung ist ja gerade wegen meines Aussehens exotisch. Ich darf diese Dinge sagen, der blonde Max aber nicht – ist das nicht auch Rassismus?“ (Mitarbeit: Christoph Springer)