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Wer glaubt denn noch an lila Kühe?

Drei Fachschulstudenten zeigen Schülern das echte Leben im Rinderstall. Was verbürgt sich hinter dieser Aktion?

© Anne Hübschmann

Von Jörg Richter

Cunnersdorf. Geben braune Kühe auch Kakao? Und in welchem Stall stehen denn die lila Kühe? Solche und ähnliche Fragen hört Bettina Tanner immer wieder, wenn Kinder die Cunnersdorfer Agrar GmbH besuchen. „Kinder sehen die Milch im Supermarkt, aber wissen oft nicht, wo sie herkommt und wie sie hergestellt wird“, sagt die 43-Jährige. „Ihnen fehlt der Bezug zur Landwirtschaft“, bedauert sie. Auch deshalb habe sie sich für ihren Projekttag eine Klasse mit Stadtkindern ausgesucht.

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Diesmal ist eine 2. Klasse der Großenhainer Grundschule am Bobersberg in Cunnersdorf zu Gast. Bettina Tanner führt die 24 Mädchen und Jungen durch den Rinderstall, zeigt ihnen den Tandem-Melkstand und auch die großen Edelstahl-Tanks, in denen die frische, warme Milch auf fünf Grad Celsius abgekühlt wird, damit sie haltbar gemacht wird.

Später wird Bettina Tanner den Kindern auch die Computer im Verwaltungsgebäude zeigen. „Jede Kuh ist dort gespeichert“, sagt sie und ergänzt lachend: „Bauer zu sein, heißt schon lange nicht mehr, nur mit der Mistgabel umherzulaufen.“

Für jeden, der sich traut

Der Besuch der Großenhainer Grundschüler hat einen ganz bestimmten Grund. Bettina Tanner macht zurzeit eine Wirtschafter-Ausbildung an der Fachschule für Landwirtschaft in Großenhain. Sie studiert im ersten Semester. Und dazu gehört auch ein Grundschulprojekt, erzählt Hella Gallien. Sie unterrichtet an der Fachschule Betriebswirtschaftslehre (BWL) und begleitet Bettina Tanner bei ihrem Projekttag. Den gestaltet die 43-Jährige zusammen mit ihren Kommilitonen Stefan Wunderlich (20) und Steffi Hubrich (27).

Der Altersunterschied des Trios fällt sofort auf. „Das ist nicht ungewöhnlich“, sagt Hella Gallien. „Das Alter für unser Fachschulstudium ist unbegrenzt.“ Viele würden ein Jahr nach ihrer Ausbildung zum Landwirt mit dem Studium in Großenhain beginnen. Doch hin und wieder komme es vor, dass auch Mittvierziger noch mal für zwei Jahre die Schulbank drücken möchten. „Es kann bei uns jeder studieren, der sich das zutraut“, so die stellvertretende Fachschulleiterin.

Das Trio Tanner-Wunderlich-Hubrich ist fast schon beispielgebend dafür, wie verschieden die Lebensläufe der Großenhainer Fachschulstudenten sein können.

Die Älteste, Bettina Tanner, kommt eigentlich vom Bau, hat früher Baufacharbeiter mit Abitur gelernt und arbeitete lange Zeit im Baustoffhandel. Vor zwei Jahren fing sie in der Cunnersdorfer Agrar GmbH an, wo ihr Vater Konrad Behrisch Geschäftsführer ist. In Großenhain soll sie das Wissen erhalten, um später eventuell mal die Nachfolge ihres Vaters antreten zu können. – Einen familiären Hintergrund für das Fachschulstudium gibt es auch bei Steffi Hubrich. Die 27-Jährige hat schon ein komplettes BWL-Studium hinter sich, steigt aber gerade in das landwirtschaftliche Familienunternehmen ihres Mannes in Schweinfurth (bei Gröditz) ein. In Großenhain will sie zusätzliches Fachwissen aus der Landwirtschaft erwerben.

Absoluter Quereinsteiger

Und Stefan Wunderlich, der Jüngste im Trio, ist familiär betrachtet der absolute Quereinsteiger. „Meine Eltern sind keine Bauern“, erzählt er. Doch der 20-Jährige habe sich schon immer für Landwirtschaft interessiert. Er kommt aus dem Zwickauer Land und ist damit auch einer der Studenten mit der weitesten Anreise. „Wir haben ein großes Einzugsgebiet“, sagt Hella Gallien stolz. Leute aus halb Sachsen würden in Großenhain studieren.

„Ich wäre auch gern Erzieher geworden“, verrät Wunderlich. Beim Grundschulprojekt hat er die Gelegenheit, sein pädagogisches Talent unter Beweis zu stellen. Er und seine beiden Mitstreiterinnen geben jeweils eine halbe Stunde Unterricht, erzählen aus dem Alltag der Milchbauern und müssen viele Fragen beantworten. „Vor einer Gruppe zu sprechen, ist für viele eine Herausforderung“, sagt Hella Gallien. Da sei es egal, ob vor Erwachsenen oder vor Kindern. Aber Bettina Tanner, Steffi Hubrich und Stefan Wunderlich machen ihre Sache sehr gut. Und bestimmt sind die Großenhainer Zweiklässler um einiges schlauer als vorher. – Lila Kühe? So ein Quatsch! Die gibt’s nur in der Werbung.