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Wer vom Sterben nichts weiß, versteht auch nichts vom Leben

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Kommentare und Analysen zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht der Autoren Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.Heute: Heinz Eggert. Der ehemalige Pfarrer und Politiker berichtet über seine Erfah-rungen bei der Betreuung Sterbender. Schon aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Hospizbewegung in Deutschland immer wichtiger. Auszug aus einer Rede.

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Von Heinz Eggert

Sie steht in Herrnhut in der Mittagshitze an der Bushaltestelle. Klein, grazil und sportlich sieht sie aus. Aus ihrer Handtasche lugen Blumen. Ich halte mit meinem Jeep und frage sie, ob sie mit nach Zittau will. Sie schaut mich prüfend an und steigt ein.

Dann erklärt sie mir, dass sie niemals zu fremden Männern ins Auto steigen würde. Aber mich kenne sie ja aus dem Fernsehen. Ich schätze sie auf knapp 70 Jahre und bin ein wenig verblüfft wegen ihrer Vorsicht. Offensichtlich kann sie gut in Gesichtern lesen.

Man muss in jedem Alter aufpassen, sagt sie resolut, „schließlich will ich meinen 80. Geburtstag in zwei Wochen ja auch noch feiern“.

Ich lächle zustimmend zurück und frage, ob ich sie in der Stadt absetzen soll? Nein, sie wolle auf den Friedhof. Mir fällt ein alter Witz ein, und ich grinse vor mich hin.

Offensichtlich kennt sie ihn auch, denn mit jeder Falte ihres Gesichts lächelnd sagt sie, dass sie natürlich nicht auf dem Friedhof bleiben werde, sondern wieder zurückkomme. Jedenfalls habe sie das fest vor.

Jetzt lachen wir beide, und ich wünsche ihr, dass sie noch viele, viele Jahre von ihren Besuchen auf dem Friedhof wieder zurückkommen möge. Falls Sie vor mir dort Platz nehmen sollten, besuche ich sie dann auch und gieße ihre Blumen, sagt sie. Die Frau lächelt schalkhaft und sagt dann: Beim Sterben geht es nämlich nicht nach der Reihe.

Wissen Sie, sagt sie fast ein wenig verlegen, dass ich sterben muss, weiß ich ja. Warum soll es mir anders gehen als meinen Freunden, die alle schon auf dem Friedhof liegen. Aber wovor ich wirklich Angst habe, ist, unter Schmerzen oder in Einsamkeit sterben zu müssen, mit niemandem mehr über meine Ängste reden zu können.

Und, fügt sie leise hinzu, wenn der liebe Gott mir etwas ganz Gutes tun will, dann lässt er mich in meinen vertrauten vier Wänden sterben.

Da haben wir jetzt ein Thema erwischt, das überhaupt nicht in die Sommerferien und in die Sommerhitze passt. Aber dieses Thema scheint nie zu passen.

Nur: Wer vom Sterben nichts weiß, versteht auch nichts vom Leben. Allgegenwärtig scheint der Tod nur noch in den Medien oder im Internet vorzukommen, wo schreckliche Unfälle, grausame Verbrechen bis in alle Einzelheiten hinein dokumentiert und vermarktet werden. Da kann sich der Einzelne emotional berühren lassen oder abschalten, sich entscheiden zwischen falschem Pathos oder der Spaßgesellschaft.

Aber das wirkliche Leiden zwischen Leben und Tod, das in jedem Jahr in Deutschland fast eine Million Menschen durchstehen müssen, ist im Bewusstsein der Gesellschaft fast bis in die Unsichtbarkeit verschoben worden. Weil die Berührungen mit diesem Thema wirklich berühren und dem Einzelnen viel Kraft abverlangen und Nachdenken nicht ersparen.

Man glaubt, unsere Wohlstandsgesellschaft könne es sich leisten, selbst den Tod professionell an dafür zu bezahlende Spezialisten-Pfarrer, Mediziner, Pfleger und Beerdigungsunternehmer zu delegieren. Glaubt man! Aber das ist ein teurer Irrglaube, den wir mit dem Abbröckeln von Mitmenschlichkeit und einer irrationalen Todesangst bezahlen.

Denn Nichts wirkt so sehr nach in einer Gesellschaft wie Themen, die man glaubt aus guten Gründen verdrängen zu müssen. Aber genau solche Ängste führen dann auch zur Radikalität der Anschauungen. Kein Wunder, dass in den Brennpunkt der Auseinandersetzungen die „Sterbehilfe“ als scheinbar einzige letzte menschliche Lösung gestellt wird (an der ja auch nicht wenige gut verdienen wollen). So wird suggeriert, dass wir das Heft des Handelns bis zum Schluss selbst in der Hand behalten. Die todbringende Spritze des Arztes auf eigenes Verlangen – ein wenig Gott spielen im Vorhof des Todes. Aber wäre es nicht tröstlicher und menschlicher, nicht durch die Hand eines Menschen, sondern an der Hand eines Menschen zu sterben?

Letzten Sommer. Beim Auto aufräumen finde ich unter den Rücksitzen vier Schachteln Zigaretten. Seit März liegen sie dort und waren eigentlich für Holger bestimmt. Er konnte sie nicht mehr rauchen, weil der Tod ihm die Zigarette aus dem Mund genommen hatte.

Kennengelernt hatte ich ihn im Hospiz Herrnhut. Warm angezogen saß er in seinem Rollstuhl auf der Terrasse, rauchte, streckte mir die Hand entgegen und sagte: Ich heiße Holger! Sein zerklüftetes Gesicht machte ihn 20 Jahre älter, sein Körper war von Metastasen durchsetzt, Erstickungsanfälle machten ihm zu schaffen.

So lernten wir uns in den letzten Tagen seines Lebens kennen. Er hatte für diese Tage um eine Begleitung gebeten und die freundlichen Schwestern in Herrnhut hatten mich vermittelt. Hier im Hospiz war er ohnehin von Freundlichkeiten umgeben.

Zwischen unzähligen Zigaretten und Hustenanfällen erfuhr ich einiges aus seinem Leben. Ein Leben, das sich freiwillig keiner wünschen würde. Ein Leben, in dem es wenig Liebe, Geborgenheit und Verständnis, aber umso mehr Schläge, Alkohol, Orientierungslosigkeit und Ablehnung gab. Und viele Träume und Zigaretten natürlich. Noch nie in seinem Leben war er so sehr umsorgt und versorgt worden wie in seinen letzten Lebenstagen. Er genoss es.

Nur an Zigaretten mangelte es. Aber die brauchten wir für unsere Gespräche. Seine mageren Hartz- IV-Einkünfte reichten dafür nicht aus. Also kaufte ich eine Stange Zigaretten. Die Schwester bat mich, ihm nicht alle auf einmal zu geben. Also behielt ich vier Schachteln zurück und versprach, ihm auch vorzulesen, dass Rauchen tödlich sei.

Mehrmals hatte ich ihn gefragt, ob es jemanden gäbe, zu dem ich den Kontakt noch herstellen könnte. Es gab niemanden! Außer Karl, dem er manchmal ein Bier ausgab, weil der noch weniger hatte als er. Aber Karl hatte kein Telefon.

Er wusste, dass er bald sterben würde. Er wollte dann nur nicht alleine sein.

Spät abends, er schlief ruhig, verließ ich ihn, weil ich in den Landtag musste. Morgens rief mich die Schwester an, um mir zu sagen, dass er ruhig für immer eingeschlafen wäre.

Abends ging ich in meine Stammkneipe ins Dresdner Hechtviertel, setzte mich zu Freunden an den Tisch, bestellte eine Runde Bier und bat sie, mit mir gemeinsam auf Holger anzustoßen.

Dann wollten sie wissen, auf wen sie angestoßen hatten. Also erzählte ich gegen die aufkommende Beklommenheit von Holger. Denn das Schlimmste ist, wenn uns nach dem Sterben keiner vermisst, weil uns zu Lebzeiten schon niemand wahrgenommen hat.

Das ist Hospizarbeit nicht nur im sprachlichen Sinne, sondern im zutiefst menschlichen Handeln für jeden: Ohne Ansehen und Kontostand der Person einen letzten Raum in der Herberge des Lebens bereitzustellen, damit es einem nicht wie der heiligen Familie in der Weihnachtsgeschichte geht. Denn sie hatten keinen Raum in der Herberge.

Die Gesellschaft kann an der Hospizarbeit eines begreifen: Sterben ist nicht der Anfang des Todes, sondern der letzte Akt des Lebens, in dem wir Menschen bleiben dürfen.

Es gibt auch kein Vorweg-Denken des Todes, weil ich überzeugt bin, dass wir unseren eigenen Tod gar nicht denken können. Aber es gibt das behutsame und einfühlsame Zusammengehen und Begleiten auf der letzten Lebensstrecke, die bis zum letzten Atemzug immer noch Leben ist.

Früher waren Hospize Orte der Gastfreundschaft für Reisende und Pilger, denen Rast und Stärkung angeboten wurde. Jetzt sind es Orte, an denen Menschen aufgenommen werden, damit sie ohne Schmerzen und mit ständiger menschlicher Begleitung und Ansprache würdevoll die letzten Schritte gehen können.

Das sind die Stärken der Hospizbewegung und der Palliativmedizin, die die letzte Zeit eines Menschen nicht zur Hölle auf Erden werden lassen und die sich einander bedingen und brauchen und sich deshalb nie als Konkurrenten sehen dürfen. Sollte das geschehen, wäre Kraft und Erfolgslosigkeit vorprogrammiert. Hier darf es keine Abgrenzungen, Grenzen oder finanzielle Verlustängste geben. Deshalb ist es gut und überfällig, über eine bessere und gemeinsame Vernetzung aller Möglichkeiten und Bemühungen nachzudenken.

Menschen sterben nicht nach Kassenlage, aber sehr wohl an unzureichenden Möglichkeiten wegen fehlender Mittel und der damit verbundenen Herzlosigkeit.

Angesichts der demografischen Entwicklung sollte hier in allen Bereichen, von der Aus- und Weiterbildung bis zur materiellen Ausstattung, ja bis in die Forschung hinein, sehr genau vorgearbeitet werden.

Bis 2020 wird sich die Zahl der über Achtzigjährigen in Deutschland verdoppeln. Hier wird es im Gegensatz zu anderen Entwicklungen zwischen Ost und West keinen Unterschied geben. Denn die Lebenserwartung hat sich im Osten durch bessere Ernährungsmöglichkeiten und ein besseres Gesundheitswesen angeglichen. Darüber können wir uns freuen, es fordert aber auch vorausschauende Konzepte bis in die letzen Lebensstunden hinein. Kurzfristige Einsparungen von heute könnten sonst in Zukunft sehr, sehr teuer werden.

Wer wirklich von der Notwendigkeit der Arbeit von Hospizen und der Palliativmedizin überzeugt ist, sollte ihnen auch mehr Autonomie in der Verwaltung von Fördermitteln zubilligen, statt sie durch ständig wechselnde Förderrichtlinien zu gängeln.

Schließen will ich mit einer Aufzeichnung, die zwei Jahre alt ist und von der Normalität unseres gemeinsamen Bemühens zeugt, die aber noch keine Norm geworden ist, weil sie sich nicht normieren lässt.

Ich erkannte ihn zuerst nicht wieder.

Ich kannte ihn als großen schlanken muskulösen Mann, der mit seiner blonden Löwenmähne, ganz gleich, wo er auftauchte, immer Aufmerksamkeit erregte. Seine Freundlichkeit und fast schüchterne Zurückhaltung brachte ihm immer viele Sympathien ein. Er war Extremsportler, der im Winter als Skilehrer im Gebirge und im Sommer als Surflehrer an der See sein Geld verdiente.

Inzwischen war er 27 Jahre alt geworden, die Löwenmähne war einer Glatze gewichen, der muskulöse Körper abgemagert und mit Metastasen durchsetzt. Er hatte darum gebeten dass ich ihn die letzten Tage seines Lebens begleite.

Im ersten fast dreistündigen Gespräch erklärte er mir zum Schluss, dass er den Kontakt zu seiner Freundin und zu seinen Eltern abgebrochen habe, weil er ihnen seinen Zustand nicht zumuten wolle und das mit dem Sterben auch alleine hinbekomme.

Es entspann sich folgender Dialog:

Ich: Ich muss jetzt wieder fahren!

Er: Wann kommst du wieder?

Ich: Wahrscheinlich nicht mehr!

Er: Warum? Hast du so viel zu tun?

Ich: Nein, aber ich unterhalte mich nicht gerne mit Toten.

Er(völlig irritiert): Das verstehe ich nicht!

Ich: Es kann ja sein, dass du nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben hast. Aber du hast dich jetzt schon entschlossen, keine Signale mehr an die auszusenden, die dich lieben. Da ist mir nicht ganz klar, was ich bei dir soll.

Er: Meinst du, dass ich wirklich noch Wochen oder Monate vor mir habe?

Ich: Ich bin kein Mediziner, aber ich vermute, dass es nur noch um Tage geht. Nur die Ewigkeit wird endlos sein. Deshalb solltest du noch jede Stunde nutzen und leben. Dann besuche ich dich gerne wieder.

Er: Du bist ganz schön radikal.

Ich: Gib mir einfach ein Zeichen, und ich komme wieder vorbei.

Wir umarmen uns zum Abschied.

Nachts um drei werde ich durch mein Telefon geweckt. Eine SMS von ihm: Ich habe mich entschlossen zu leben.

Er hatte noch fünf Tage zu leben und die Zeit genutzt, um von seinen Eltern, seiner Freundin und seinen Freunden ganz bewusst Abschied zu nehmen. Er brachte eine ungeheure Lebensstärke auf. Zwischen Ermattung und Schlaf, immer ein wenig in Morphiums Armen, waren wir wortlos oder im Gespräch zusammen.

Dann, am späten Abend des letzten Tages.

Er: Ich glaube, ich habe nicht mehr viel Zeit.

Ich: Es könnte sein, dass dein Gefühl dich nicht trügt.

Er: Du hast mir vor ein paar Tagen versprochen, in meiner letzten Stunde mit dabei zu sein.

Ich: Wenn ich es dir versprochen habe, werde ich es auch halten.

Er: Hältst du meine Hand und liest du mir etwas vor?

Ich halte seine Hand und lese aus den tröstlichen Worten der Psalmen.

Er atmet sehr ruhig und liegt mit geschlossenen Augen da. Gegen Mitternacht nicke ich im Sitzen ein. Als ich wieder aufwache, bin ich mir nicht mehr sicher, ob er noch atmet.

Ich beuge mich über sein Gesicht, da schlägt er die Augen auf und sagt lächelnd mit matter Stimme: Du kannst es wohl gar nicht erwarten!

Ich(lache ihn an): Du weißt doch, ich gehöre zu denen, die immer pünktlich Feierabend machen wollen.

Er: Du kannst es nicht lassen. (nach einer Pause) Schade, dass wir uns nicht schon lange vorher so gut kennengelernt haben. Wir hätten gute Freunde werden können.

Ich: Wir sind Freunde. Das weißt du doch.

Er nickt und greift nach meiner Hand.

Dann schläft er wieder ein.

Nach einer Weile schlafe auch ich.

Ich wache wieder auf!

Es handelt sich um die nur leicht gekürzte Fassung einer Festrede, die Heinz Eggert heute auf dem 5. Sächsischen Hospiz- und Palliativtag im Deutschen Hygienemuseum in Dresden hält.