merken

Wie die Soko Kfz gegen Autodiebe vorgeht

Mehrere Banden in Polen und Tschechien sind zerschlagen. Vorige Woche hat es erneut vier Festnahmen gegeben.

© LKA

Von Jana Ulbrich

An der Tafel in einem der Besprechungsräume im Landeskriminalamt hängt das Foto eines jungen Mannes mit kurzen dunklen Haaren und finsterem Blick. Aufgenommen bei seiner Festnahme vor wenigen Tagen. Wer das ist, und wo der Mann herkommt? „Kein Kommentar“, sagt Andreas Schrader. Noch sollen die Komplizen nicht aufgeschreckt werden. Nur so viel lässt der Chef der Sonderkommission Kfz durchblicken: Der Mann auf dem Foto hier ist ein dicker Fisch. Seine Festnahme wird die Auftraggeber empfindlich treffen.

Anzeige
Vernünftige Rendite mit Nachhaltigkeit
Vernünftige Rendite mit Nachhaltigkeit

Einfach, bequem und flexibel in die Zukunft investieren. Langfristig gute Chancen bietet der Anlage-Assistent MeinInvest.

Andreas Schrader ist da fast ein bisschen Schadenfreunde anzusehen. Die Arbeit bei der Soko ist zäh für den 48-jährigen Kriminaloberrat und seine Mitarbeiter. Hier auf deutscher Seite erwischen sie meist nur die Kurierfahrer, in der Regel junge, drogenabhängige Männer, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken und die gestohlenen Fahrzeuge für ein Taschengeld nach Polen oder Tschechien kutschieren. Meistens sind die Kuriere nicht in die Bandenstrukturen integriert. Ihre Auftraggeber kennen sie nicht.

Der Mann auf dem Foto im Besprechungsraum ist da ein anderes Kaliber, ein Spezialist, einer, der keine drei Minuten braucht, um die Elektronik eines Audi A6 zu knacken, den Schlüssel zu kopieren und das Fahrzeug zu starten. Solche Spezialisten sind auch in den kriminellen Organisationen rar, weiß Soko-Chef Schrader. Fällt einer dieser Leute aus, dann bekommt die ganze Bande ein Problem. Ein Kurier ist schnell ersetzbar, ein Spezialist, der die Elektronik teurer Fahrzeuge knacken kann, nicht.

Die kürzliche Festnahme des Mannes auf frischer Tat ist wieder einer dieser Nadelstiche, mit denen die sächsischen Ermittler die organisierten Autobanden in Polen und Tschechien immer wieder empfindlich treffen. In jüngster Zeit auch immer häufiger. Vier Festnahmen hat es vorige Woche in Tschechien gegeben, aktuell wird auch gegen eine polnische Bande in der Woiwodschaft Breslau ermittelt. „Wir kommen voran“, sagt Andreas Schrader.

Von seiner Dienststelle im Landeskriminalamt aus werden die Fäden gezogen und die Fahndung und Ermittlung gegen die organisierten Banden aus dem grenznahen Raum koordiniert. Beamte aus den Polizeidirektionen und die Gemeinsamen Fahndungsgruppen übernehmen die Arbeit vor Ort. Die Arbeitsweise bewährt sich. „Wir sagen den Kollegen vor Ort zum Beispiel, worauf genau sie bei den Kontrollen achten sollen“, erklärt der Soko-Chef.

Mehreren gut organisierten Banden konnten die Beamten auf diese Weise in jüngster Zeit das Handwerk legen. Mitglieder und Drahtzieher sind zu teils hohen Haftstrafen verurteilt worden. Es gibt in Usti nad Labem keine Krokodil- und keine Pitralon-Bande mehr und bisher auch keine neuen, vergleichbaren Strukturen. „Die Szene registriert unsere Arbeit ganz genau“, weiß Andreas Schrader.

Nähere Details über die Arbeitsweise der Soko gibt der Leiter nicht preis. Er umschreibt das Vorgehen höchstens bildlich: „So eine Autobande ist wie ein Wal, der immer ungesehen unter der Oberfläche schwimmt. Irgendwann muss er auftauchen, um Luft zu holen. In diesem Moment schlagen wir zu.“ Neben den Möglichkeiten zur Observation und Telefonüberwachung hilft den Beamten beim Zuschlagen jetzt auch die immer bessere Zusammenarbeit mit den tschechischen Behörden.

Auch mit der polnischen Seite läuft das inzwischen besser, freut sich der Chef der Soko. Vielleicht haben dazu ja auch die erfolgreich vereitelten Sattelzugdiebstähle in Ostsachsen beigetragen. Dank Zusammenarbeit mit den Dienststellen in Lodz hat es auf polnischer Seite mehrere Festnahmen gegeben, die letzte im März. Seitdem ist in Ostsachsen nur noch ein einziger Sattelzug gestohlen worden. Diesen Volvo konnten Beamte der Soko sicherstellen – mit einem Fahrer aus Litauen. Bei dieser Feststellung ist es bisher geblieben. „Um weiter zu ermitteln, sind wir jetzt auf die Hilfe der Litauer angewiesen“, weiß Andreas Schrader. Angewiesen sein auf die Zusammenarbeit mit den Behörden in den Nachbarländern – das ist das Hauptproblem bei den Ermittlungen in der grenzüberschreitenden Kfz-Kriminalität.

Trotz aller Erfolge gleicht die Arbeit der Soko dennoch einem Kampf gegen Windmühlenflügel. Knapp 3 000 Autos wurden im vorigen Jahr in Sachsen gestohlen, davon 750 in den Kreisen Bautzen und Görlitz. Die Fallzahlen für dieses Jahr sind rückläufig: an der tschechischen Grenze gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 27, an der polnischen Grenze sogar um 40 Prozent. Im Kreis Bautzen gingen die Fallzahlen gegenüber dem Vorjahr um ein Viertel, im Kreis Görlitz sogar um ein Drittel zurück. „Wir sind überzeugt, dass das vor allem auch mit unseren jüngsten Ermittlungserfolgen zusammenhängt“, sagt Andreas Schrader. Zurücklehnen kann er sich allerdings nicht. Die Banden haben ihre Aktivitäten jetzt aus den grenznahen Regionen in die Ballungszentren verlagert, aktuell vor allem nach Leipzig.

Ein bandenmäßig gestohlenes Auto wiederzubekommen, ist so gut wie aussichtslos. Wenn der Fahrer damit nicht noch auf dem Weg zur Grenze gestellt wird, geht die Chance gegen Null, weiß der Chef der Soko. Denn die Fahrzeuge werden größtenteils in ihre Einzelteile zerlegt. Das geschieht sehr professionell und in weniger Stunden, erklärt Andreas Schrader. In Polen sind die Ermittler auf eine Werkshalle mit BMW und Audi-Teilen gestoßen, die Motorhauben standen geordnet wie in einem überdimensionalen CD-Regal. Nicht einmal zwei Stunden hat es gedauert, bis ein hochwertiger Audi oder BMW in seine Einzelteile zerlegt war.

In Einzelteilen lassen sich die Fahrzeuge offenbar leichter und gewinnbringender verkaufen. Und es lassen sich so auch die letzten Spuren verwischen – vor allem, wenn Autos aus den Einzelteilen wieder zusammengebaut werden. Dann ist die wahre Herkunft nicht mehr nachweisbar. Kürzlich staunten die Beamten der Soko nicht schlecht, als sie einen verdächtig erscheinenden Audi genauer unter die Lupe nahmen. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass in dem Fahrzeug Teile aus 13 verschiedenen Audis verbaut waren.

Es sind vor allem neuere Modelle teurer Marken ab Baujahr 2008, auf die es die organisierte Bandenkriminalität abgesehen hat: VW, Audi und Skoda – letzterer ist vor allem bei tschechischen Tätern beliebt – verstärkt gerade auch Mazda und Toyota. Die Täter spezialisieren sich ganz gezielt auf die Computersysteme bestimmter Marken. „Wenn ein älteres Modell mit dem Schraubenzieher gestohlen wird, dann stecken in der Regel Gelegenheitsdiebe dahinter, Einzelgänger, die auf kurzem Wege über die Grenze kommen“, sagt Andreas Schrader.

Der Soko-Chef selbst fährt privat übrigens einen Opel. Er kann sich damit ziemlich sicher fühlen, sagt er. Tatsächlich ist beispielsweise im Kreis Bautzen im vorigen Jahr kein einziger Opel gestohlen worden. Wer es den Autodieben schwerer machen will, dem empfiehlt der Soko-Chef die gute alte Lenkradkralle oder eine mechanische Sicherung, die die Gangschaltung blockiert. „Das ist tatsächlich der beste Schutz“, ist Schrader überzeugt. Die Computerspezialisten unter den Autodieben würden sich gar nicht erst die Mühe machen, so eine Sicherung aufzusägen. Sie haben in der Regel auch gar kein Werkzeug dabei.

Der dunkelhaarige Mann auf dem Foto im Besprechungsraum jedenfalls hatte keine. Andreas Schrader betrachtet das Bild und ist kurz in Gedanken. Dann sagt der Leiter der Sonderkommission sehr entschlossen: „Ich denke, dass wir bis zum Jahresende noch einen weiteren Rückgang der Fallzahlen hinbekommen.“