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Wie kommt die Mine in den Bleistift?

Renate und Hartmut Thiel üben in Arnsdorf ein altes Handwerk aus. Sie sind zufällig darauf gestoßen.

© Bernd Goldammer

Von Bernd Goldammer

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Arnsdorf. Hartmut Thiel nimmt zwei kleine Stücke aus Lindenholz und legt ein graues Stäbchen dazwischen. Die Hölzer hat er zuvor an der Kreissäge zugeschnitten. Sie sind ungefähr 15 Zentimeter lang und haben längs eine Kerbe. Dann bindet er eine Schnur um zwei zusammengeleimte Hälften. Fertig ist der Fischbacher Bleistift versiegelt. „Das Trocknen wird noch eine Weile dauern“, sagt er. Er übt den seltenen Beruf des Bleistiftmachers aus. Freilich nur nebenbei auf Mittelaltermärkten.

Begonnen hat alles vor einigen Jahren. Renate und Hartmut Thiel wohnten ursprünglich in Dresden, zogen nach Arnsdorf um und waren gefragte Computerexperten. Renate Tiel arbeitete für eine Dresdener IT-Firma, ihr Mann Hartmut war für eine andere Firma weltweit unterwegs, um bildgebende Software in Hightech-Operationssäle zu bringen. „Morgens fuhr ich zum Dresdner Flughafen und bald darauf war ich in einem anderen Land“, erinnert er sich.

Neues Hobby sollte etwas Ausgefallenes sein

Nach der Pensionierung hatten die Beiden endlich Zeit, sich in das hiesige Kulturleben einzubringen. „Es sollte etwas sein, das wir zusammen machen können“, sagt Renate Thiel. So kamen sie auf den Traditions- und Schützenverein Fischbach. Das neue Hobby sollte etwas Ausgefallenes sein. Beim Recherchieren stieß das Ehepaar auf das Handwerk des Bleistiftmachers. Das war ein gefragter Beruf, der vor allem in Nürnberg vorkam. Warum verschwand es in aller Stille? Obwohl die Bleistifte heute noch in vielen Büros und Ateliers zu finden sind?

Familie Thiel tauchte in die Vergangenheit ein. Sie förderten Erstaunliches zutage. Schon der Name des beliebten Schreibgerätes ist unzutreffend. Blei wurde in Europa nie verwendet. Wissenschaftler versuchte heute noch richtigzustellen, dass es sich bei den Minen um ein Graphitgemisch handelt. Keine Chance, „Bleistift“ ist bis heute geläufig. Obwohl das heutzutage fast jeder weiß. Lediglich in Ägypten wurde vor 5 000 Jahren Schilfrohr, Bambusrohr oder Papyrusrohr mit flüssigem Blei ausgegossen und als Schreibwerkzeug benutzt. Auch Silberstifte soll es gegeben haben.

Zufrieden waren die Benutzer nicht, konnten die Thieles feststellen. Wer konnte damals lesen und schreiben? Der Bedarf war klein. „Als das Industriezeitalter begann, änderte sich das“, erzählt Hartmut Thiel. Der Verwaltungsaufwand stieg. Überall wurde geschrieben, gezeichnet oder notiert. Als 1564 in England ein unbekanntes Material gefunden wurde, das zum Schreiben auf Papier geeigneter war, konnte der neue Schreibstift seinen Siegeszug antreten. Man hielt es für Bleierz, deshalb das Missverständnis.

Als Bleistiftmacher bei Volksfesten

Später wurde nachgewiesen, dass es sich um ein Material aus Kohlenstoff handelte, dem der Mineraloge Abraham Gottlob Werner den Namen Graphit gab“, beschreibt Hartmut Thiel die Ergebnisse seiner Ausflüge in die Handwerksgeschichte. Als englische Bleistifte in Deutschland knapp wurden, entstand hier der Beruf der Bleistiftmacher. Sie arbeiten Buchenholz für die Herstellung auf. Dann sägten sie einen Minenschaft für die Grafitminen ein und leimten zwei genutete Holz Hälften um die Graphit-Mine zusammen. Jahre später war der Beruf ausgestorben. Zunehmende Bildung sorgte für gigantische Nachfrage. Industrielle Lösungen waren gefragt.

„Nachdem wir alles genaustens studiert hatten, überlegten wir, wie wir den Beruf in unseren Tagen wieder erlebbar machen können. Eine Kreissäge wurde angeschafft und Handwerkskleidung genäht“, erzählt Renate Thiel. Jetzt treten die beiden Bleistiftmacher bei Volksfesten und Präsentationen auf. Vor den Augen staunender Menschen fertigen sie die Stifte. Mit überraschendem Erfolg. Inzwischen werden die beiden Arnsdorfer sogar in Schulen eingeladen um ihr Handwerk vorzuführen und das Wissen davon weiterzugeben. Wer sich dafür interessiert, kann sie sogar buchen.

Kontakt Renate und Hartmut Thiel, Telefon: 0163 3741919,[email protected]