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Wie man Notaufnahmen entlasten will

Die „Portalpraxis“ ist Teil der Reformpläne im Gesundheitswesen. Auch im St. Johannes in Kamenz wäre sie denkbar.

© dpa

Von Mirko KolodzieJ & Frank Oehl

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Kamenz / Hoyerswerda. Notaufnahmen von Krankenhäusern sind eigentlich nur für schwerste Fälle gedacht – Knochenbrüche, unstillbare Blutungen, Harnstau. Dennoch sitzen auch im Seenland-Klinikum in Hoyerswerda oder im Malteser Krankenhaus in Kamenz immer wieder Menschen, deren Erkrankungen eher etwas für den Hausarzt wären oder nach dessen Dienstschluss für den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Schließlich arbeitet das deutsche Gesundheitswesen in der strikten Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung – auch bei der Abrechnung der Leistungen. Während also die Kliniken über ihre Notaufnahmen unbestreitbar zwar auch stationäre Patienten gewinnen, bekommen sie einen Teil der behandelten Pseudo-Notfälle unzureichend vergütet.

Deshalb soll nun am Seenland-Klinikum binnen zweier Jahre eine sogenannte Portalpraxis eingerichtet werden – betrieben von der KV Sachsen, also dem ambulanten Teil des Gesundheitswesens. Vorgesehen ist, hier zu jenen Zeiten, zu denen im Moment besonders viele Menschen in die Notaufnahme kommen, die dort nicht hingehören, einen niedergelassenen Mediziner als Bereitschaftsarzt sitzen zu haben. Die Portal-, Notdienst- oder Bereitschaftspraxen, so die KV, „behandeln mobile Patienten außerhalb der Praxisöffnungszeiten.“ Perspektivisch sei ein gemeinsamer Tresen mit dem Krankenhaus geplant, an welchem entschieden werde, in welcher Versorgungsebene der Patient behandelt wird. Ziel sei die Entlastung der Notaufnahmen der Krankenhäuser.

Bereitschaftsdienst wird umgekrempelt

Das Ganze ist Teil einer umfassenden Reform des Bereitschaftsdienstes. Ab dem Sommer soll die Umsetzung zunächst in den drei Bereichen Görlitz/Niesky, Delitzsch und Annaberg-Buchholz getestet werden. Um die Ärzte durch die neuen Portalpraxen, neben denen Hausbesuche als weitere Säule bestehen bleiben, nicht zusätzlich zu belasten, werden die derzeit 95 Bereitschaftsdienstbereiche in Sachsen auf 23 verringert.

Danach sollen die Bereiche Hoyerswerda und Weißwasser verschmelzen, was manche Hoyerswerdaer Ärzte wegen der flächenhaften Ausdehnung kritisch sehen. Sie würden lieber mit Kamenz zusammengehen. Bei der Umsetzung der Reformpläne würde zudem der kinderärztliche in den allgemeinen Bereitschaftsdienst integriert. Und während die Mediziner derzeit Bereitschaftsdienst-Fahrten mit Privatautos bewältigen, will die KV künftig eigene Autos samt Fahrern vorhalten, um die Ärzte zu den Patienten zu bringen.

„Ich bin gespannt“, sagt Marcus Meixner, Vorstandsmitglied der Kreisärztekammer Bautzen. Die Idee der Portalpraxen findet der Hoyerswerdaer grundsätzlich gut. Jedoch sind ihm einige Details unklar. Meixner fragt, ob ein Arzt in einer KV-Portalpraxis während seines Dienstes dort ein Angestellter ist. Das hätte arbeitsrechtliche Konsequenzen. Er berichtet auch, dass ein Teil seiner Kollegen ihre Bereitschaftsdienste gar nicht selbst ableisten, sondern über Vermittlungsdienste gebundenen Ärzten überlassen, die weiträumig unterwegs sind.

Ärzte beobachten die Entwicklung

Doch während die Bereitschaftsdienste jetzt zwölf oder gar 17 Stunden umfassen, sollen die Portalpraxen nach aktuellen Planungen zumindest montags, dienstags und donnerstags nur von 19 Uhr bis 21 Uhr besetzt werden. Macht sich jedoch für zwei Stunden Dienst jemand auf den Weg nach Hoyerswerda? Autos, Fahrer, Schwestern für die Portalpraxen und dort auch medizinisches Equipment vorzuhalten, dürfte außerdem das System deutlich verteuern. Bezahlt werden soll das aus der Gesamtvergütung der Krankenkassen für alle niedergelassenen Ärzte heraus.

Auch bei den Maltesern in Kamenz wird die Entwicklung genau beobachtet. Florian Rupp, Geschäftsführer der Malteser Sachsen-Brandenburg gGmbH: „Die Idee, im Lausitzer Seenland Klinikum in Hoyerswerda eine Portalpraxis einzurichten, finde ich gut.“ Etwas Ähnliches könne man sich auch in Kamenz vorstellen, man sei dazu mit der KV im Gespräch. Eine Alternative wäre, dass die Notfallambulanz den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst nach Dienstschluss der Hausarztpraxen mit übernimmt. „Dafür müssten wir aber zum einen mehr Personal vorhalten. Vor allem aber würde es einen Eingriff in die bestehende Trennung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung bedeuten.“ Die KV sei davon wohl kaum zu überzeugen, so Rupp. Die Zusammenlegung der Bereitschaftsdienstbereiche Hoyerswerda und Weißwasser dürfte auf die Kamenzer Region keine großen Auswirkungen haben. Natürlich sei auch ein Zusammengehen der Bereiche Hoyerswerda und Kamenz denkbar. Der dünn besiedelte Raum Weißwasser würde dann aber im Hintertreffen sein.