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Wie sich der Kreis langsam aufrappelt

In einer neuen deutschlandweiten Studie zur Lebensqualität hat Görlitz die Plätze mit der roten Laterne verlassen.

© André Schulze

Von Matthias Klaus

Landkreis. Im Jahr 2004 klang das Ganze düster. Das renommierte Basler Instituts Prognos hatte wenig Freude an der hiesigen Region. Dem damals noch existenten Kreis Löbau-Zittau bescheinigte es beispielsweise „hohe Zukunftsrisiken“. Viel besser kamen der Niederschlesische Oberlausitzkreis und die Stadt Görlitz auch nicht weg. Unter den damals noch 439 kreisfreien Städten und Landkreisen in Deutschland kam Löbau-Zittau auf Platz 420, Görlitz auf die 431 und der NOL auf die 436. Probleme entlang der Neiße: unter anderem Abwanderung, Arbeitsmarkt, soziale Lage. Einschätzung der Prognos AG damals: „stark unterdurchschnittlich“.

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Nun hat Prognos erneut Zahlen herausgegeben. Gemeinsam mit dem ZDF heißt die Studie dieses Mal „Wo lebt es sich am besten?“ Inzwischen gibt es nur noch 401 Kreise und kreisfreie Städte in Deutschland – und der heutige Kreis Görlitz steht auf Platz 132. Von insgesamt 300 maximal erreichbaren Punkten schaffte er 174, also gutes Mittelfeld. Der Nachbarlandkreis Bautzen liegt in etwa gleich auf. Er erreichte 176 Punkte.

Die Autoren des aktuellen Papiers haben nach eigenen Angaben „bewusst nicht“ Umfragen in ihre Bewertung einfließen lassen. Sie wählten vielmehr messbare Kriterien aus den Gebieten Arbeit und Wohnen, Gesundheit und Sicherheit, Freizeit und Natur.

Die Ergebnisse der Prognos-Studie

Die Bautzener haben mehr Geld in der Tasche als die Görlitzer

Die Arbeitslosenquote im Kreis Görlitz lag im vergangenen Dezember bei insgesamt 8,7 Prozent. Im Nachbarlandkreis Bautzen heiß der Wert 5,8 Prozent. Überhaupt scheint die Nähe der Landeshauptstadt auf die Nachbarn auszustrahlen, ein Speckgürteleffekt. Im Kreis Görlitz leisteten die Erwerbstätigen im Schnitt 1 411 Arbeitsstunden, im Kreis Bautzen waren es 1 418. Und die Bautzener sind reisefreudiger: Die durchschnittliche Pendlerdistanz lag dort bei reichlich 18 Kilometern, im Kreis Görlitz bei gut 17. Sicherlich, keine großen Unterschiede. Die zeigen sich dann eher in der Kaufkraft pro Kopf. 18 148 Euro hatte jeder Kreisbewohner im vergangenen Jahr im Schnitt zur Verfügung. Im Landkreis Bautzen waren es hingegen 19 739 Euro. Andererseits haben die Kreis-Görlitz-Bewohner mehr Platz zum Wohnen: Ende 2016 hatte jeder Einwohner 45,8 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Im Kreis Bautzen waren es 42,1 Quadratmeter.

Hohe Zahl an Pflegebedürftigen im Landkreis Görlitz

Auf 10 000 Einwohner kommen im Landkreis Görlitz gut 558 Pflegebedürftige. Das ist der Stand aus dem Jahr 2015. Im Kreis Bautzen waren es 467 Fälle. Schneller ist man im Fall des Falles in einem Krankenhaus im hiesigen Landkreis: Die Fahrt dauert laut Prognos-Studie im Durchschnitt elf Minuten. Im Kreis Bautzen ist es eine Minute mehr. Bei der Zahl der Ärzte pro Einwohner nehmen sich die beiden Kreise in der Oberlausitz hingen kaum etwas: Görlitz 676, Bautzen 677. Ähnlich sieht es bei der Lebenserwartung der Einwohner aus. In beiden Landkreisen liegt sie bei den Frauen bei rund 83 Jahren, bei den Männern um die 77 Jahre. Etwas besser schneiden die Bautzener bei der Zahl der Gewaltverbrechen ab. 14 hat die Prognos/ZDF-Studie pro 10 000 Einwohner ausgemacht, im Kreis Görlitz sind es 22. Auch bei Wohnungseinbrüchen verzeichnet der Nachbarkreis eine geringere Zahl: 4,6 pro 10 000 Einwohner, 6,5 hierzulande. Dafür sind sich beide Kreise bei der Zahl der Übergewichtigen einig: Knapp 60 von 100 Einwohnern bringen zu viele Pfunde auf die Waage.

Der Kreis Görlitz punktet mit seinem Erholungspotenzial

Rund 122 Quadratmeter im Kreis Görlitz stehen jedem Einwohner als Erholungsfläche zur Verfügung, fast das Doppelte der wie im Kreis Bautzen. Und: Im Kreis Görlitz bleiben Besucher länger in den Herbergen, im Schnitt vier Übernachtungen, Bautzen knapp drei. 1,5 Prozent der Gesamtfläche des Kreises Görlitz gelten als Erholungsfläche, der Anteil der Wälder beträgt 5,8 Prozent, der der Wasserfläche 3,4 Prozent.

Kreise wie Bautzen, Görlitz und Meißen weisen kaum Unterschiede in der Lebensqualität auf. Das ist ein Ergebnis der Studie. Mit dem generellen Ansatz des Papiers wurde es möglich, auch wirtschaftlich schwächere Regionen weiter nach vorn zu rücken, als in den bisherigen Standort-Bewertungen. Unter anderem wurde sogar die Sonnenscheindauer einbezogen: Übrigens, da liegt der Kreis Görlitz mit 1 678 gegenüber dem Kreis Bautzen mit 1 659 in der Oberlausitz vor. Berechnet wurde ein langjähriges Mittel zwischen 1981 und dem Jahr 2010.

Mittelsachsen bekam in der Wertung im Vergleich weniger Punke, Norsachsen fällt zudem recht deutlich ab.

Das ZDF sieht in der Studie eine Ergänzung zur Lebensqualität in Deutschland und hat einige Fernsehbeiträge dazu vorbereitet.

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