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Wie starb „Gurgel“?

Der Tod des Seifhennersdorfs Mario Richter gibt viele Rätsel auf. Eine Obduktion könnte am Montag Klarheit bringen.

© Matthais Weber

Von Holger Gutte

Seifhennersdorf. Olaf Forker ringt um Fassung, wenn er vor seinem Haus in der Rumburger Straße in Seifhennersdorf steht. „Das ist seine Mauer. Sie war sein ganzer Stolz. Er hat sie mitgebaut“, sagt der 56-Jährige. Jetzt liegen Blumen und Trauerkarten davor. Täglich werden es mehr. Die Seifhennersdorfer bleiben stehen. Manche nehmen hier auf ihre Art Abschied von „Gurgel“. So haben Mario Richter die Meisten in der Stadt genannt. Es gibt wohl niemanden in Seifhennersdorf, der Mario Richter nicht kennt. Keiner kann fassen, was in der Nacht zum Sonntag passiert ist.

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Er wurde auch „Gurgel“ genannt.
Er wurde auch „Gurgel“ genannt. © privat
Auch am Baum neben der Bushaltestelle wird an „Gurgel“ gedacht.
Auch am Baum neben der Bushaltestelle wird an „Gurgel“ gedacht. © Holger Gutte
Wann und von wem wurden diese zwei Verkehrszeichen umgefahren?
Wann und von wem wurden diese zwei Verkehrszeichen umgefahren? © Holger Gutte

Um 0.33 Uhr ist bei der Polizei der Notruf eingegangen, dass in Seifhennersdorf an der Gründelstraße im Bereich der Bushaltestelle „Silberteich“ ein hilfloser Mann liegt. Der Notarzt stellt wenig später den Tod des 52-Jährigen fest. Aber wie ist er gestorben? Die Kriminalpolizei konnte bisher keinen Hinweis auf eine Fremdeinwirkung finden, berichtet der Pressesprecher der Polizeidirektion Thomas Knaup. Auch die Vermutung, dass der Tod durch Sturzverletzungen oder einen Verkehrsunfall eintrat, kann bisher nicht bestätigt werden. Der Mann war als Fußgänger unterwegs. Die Polizei führt als mögliche Todesursache ein medizinisches Problem des Mannes in Erwägung. „Die ein bis zwei Verletzungen, die er hatte, könnten beim Sturz passiert sein“, schildert der Polizeisprecher.

Dennoch zweifeln das einige Seifhennersdorfer an. Zu ihnen gehört auch Olaf Forker. Nur wenige Meter von der Bushaltestelle entfernt sind zwei Verkehrsschilder regelrecht umgefahren worden. Könnte das mit dem Tod von „Gurgel“ zusammenhängen? Ist er angefahren worden? Aber auch hier gehen die Meinungen wieder auseinander. War das mit den Verkehrsschildern schon vorher passiert oder nicht? Die Gründelstraße ist die Verbindungsstraße von Seifhennersdorf nach Neugersdorf. Hier wird oft schneller gefahren, als man darf.

„Mario war nicht krank“, sagt Olaf Forker. Die beiden sind fast täglich zusammen gewesen. „Er war wie ein Bruder für mich“, sagt er. 2013 hat er das Haus in Seifhennersdorf gekauft und ist mit der Familie von Dresden hierher gezogen. Als Zugezogener hat man es in kleinen Orten immer schwer, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Mario Richter wohnte im Haus gegenüber. Seine Augen werden wässrig, als er erzählt, wie sie sich kennengelernt haben. „Ich habe am Haus gearbeitet und wollte gerade etwas machen, was man eigentlich allein nicht schafft“, erzählt er. Mario hat es gesehen und einfach gefragt, ob er helfen kann. Von da an, gehörte er fast mit zur Familie von Forkers.

Und genau so kennt „Gurgel“ die ganze Stadt. Wenn irgendwo eine helfende Hand gebraucht wurde – „Gurgel“ war da. Seit der Wende gehörte er bei allen Stadtfesten zu den Helfern. „Er hat für fünf gearbeitet“, sagt Bürgermeisterin Karin Berndt (UBS). Wenn irgendwo in der Stadt ein Fest war, ein Zelt, Bänke oder Tische aufgebaut werden mussten, traf man meist auch Mario Richter.

Er wollte immer helfen, verlangte nie Geld dafür, freute sich einfach über ein Danke. Olaf Forker würde gern die Zeit bis zum Sonnabend noch mal zurückdrehen. Bis 18 Uhr haben die beiden an seinem Haus eine Wand geputzt. „Ich wollte aufhören. Mario aber nicht, weil nur noch drei, vier Quadratmeter fehlten“, erzählt er. „Gurgel“ wollte aber unbedingt die Wand noch fertig machen. Dann hätten sie nämlich am nächsten Morgen den Stuck anbringen können. Und darauf hatte er sich schon gefreut. Bis 21 Uhr haben sie deshalb noch am Haus geputzt.

Danach sind sie ins „Waldschlösschen“ gefahren. Der Motorradverein trifft sich hier immer. Auch „Gurgel“ ist oft hier gewesen. Erst recht, wenn wie am Sonnabendabend ein Dart-Turnier stattfand. Um 22 Uhr fährt Olaf Forker allein heim. „Mario wollte noch etwas bleiben“, sagt er. Gegen Mitternacht soll er sich dann die reichlich drei Kilometer zu Fuß auf den Weg gemacht haben. Von den Motorradfreunden weiß Olaf Forker, dass Mario auch bis zum Schluss nur Wasser getrunken hat. Er wollte keinen Alkohol, weil sie am nächsten Morgen beizeiten mit dem Stuck am Haus anfangen wollten.

Doch da wartet Olaf Forker vergebens auf ihn. Dafür bemerkt er die Polizei gegenüber am Haus und erfährt als einer der ersten vom Tod Marios. Die Polizei hatte Marios Vater nicht gefunden. Der war mit seiner Frau zu Karaseks-Pilzwochenende unterwegs. Sie warteten dort auf Mario. Im Ratskeller hatten sie zu Mittag einen Tisch bestellt. „Ich hab ihnen gesagt, dass Mario nicht kommen wird. Dass er tot ist“, erzählt Olaf Forker.

„Ich hätte ihn so gern noch einmal gesehen“, sagt Hans Richter. Von der Ärztin weiß er, dass sein Junge ausgesehen hätte, als würde er schlafen. Doch sein Sohn ist von der Polizei nicht freigegeben worden. Er soll am Montag in Dresden obduziert werden. Und danach könnte sein Gesicht schon etwas eingefallen sein, haben sie ihm gesagt. Es dauert sehr lange, bis er diesen Satz unter Tränen zu Ende sprechen kann. „Er war ein guter Junge – immer hilfsbereit, zuverlässig und arbeitsam. Dabei ist gerade Arbeit das gewesen, wonach er sich sehnte. Mario Richter war schon viele Jahre arbeitslos. Hatte manchmal Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gefunden und auch mal für eine Zeitarbeitsfirma gearbeitet.

Hans Richter ist zusammen mit seiner Frau am Unfallort gewesen. Der große Blutfleck auf dem Gehweg ist immer noch zu sehen. „So viel Blut, bei kaum Verletzungen“, fragen sie. Der 81-Jährige kann nicht sagen warum, aber aus irgendeinem Grund sucht er akribisch die Wiese daneben ab. Er findet ein Brillenglas seines Sohnes. „Wie kommt das dorthin“ fragt er. Mit zittrigen Händen öffnet er eine kleine Schachtel und zeigt das Glas. Die Polizei wollte es nicht haben. Sie hätten es fotografiert, meint er.

„Mario war nicht krank“, ist sich Olaf Forker sicher. Er hatte zwar einen Hörfehler und ist deswegen außerhalb der Ortschaft immer links gegangen, aber sonst nichts. Und er hat ihm auch in den letzten Tagen nichts dergleichen angemerkt. Mario hatte noch nie eine Fahrerlaubnis besessen. Deshalb ist er immer mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Radfahren war seine Leidenschaft. Touren von 100 Kilometer am Tag haben ihm nichts ausgemacht.

Hans Richter würde gern erfahren, wie sein Sohn gestorben ist. Er hat seit Montag immer wieder einen Albtraum. „Ich sehe immer wieder wie er so läuft und von hinten ein Auto kommt“, sagt er. Er hofft, dass die Obduktion Klarheit bringt. Und er würde auch gern der Frau danken, die seinen Jungen gefunden hat. „Sie hat alles richtig gemacht“, sagt er. Wie er erfahren hat, ist sie zu dieser Uhrzeit aus Angst etwas weiter gefahren, und hat noch vor der Polizei zuerst den Notarzt angerufen.