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Wie viel Frankreich steckt in Bautzen?

Wer sucht, findet weltberühmte Spuren, weltbekannte Küche, eine Kopie und noch manches Erstaunliche.

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© Steffen Unger

Von Jana Ulbrich

Hühnchen in Lavendelsauce mit Zitronencouscous und Ratatouille – was für eine köstliche Kreation! Um die zu genießen, müssen Sie nicht bis in die Provence reisen. Es reicht der Weg in den Bischofswerdaer Ortsteil Belmsdorf. Hier, im Restaurant ihres lavendelblauen „L’Auberge Gutshof“ bringt Tina Weßollek feinste französische Küche und Lebensart in ihre Heimat. Die 37-Jährige serviert hier Cassoulet mit Entenkeulen, Elsässer Flammkuchen, Fisch auf Bretonisch, Tarte-Tatin, köstliches Lavendelsorbet und vieles mehr.

Tina Weßollek hat ihre Kochkunst in Frankreich gelernt und die besten Rezepte aus allen Regionen des Landes mit nach Hause gebracht. Ihr Restaurant ist im berühmten „Guide Michelin“ gelistet. Die Kochkurse der jungen Chefin sind bis in den September hinein ausgebucht. Das lavendelblaue Haus in Belmsdorf ist eine Empfehlung – und tatsächlich ein kleines Stückchen Frankreich mitten in der Oberlausitz. Wie viel Französisches gibt es im Landkreis Bautzen überhaupt? Die SZ hat sich auf Spurensuche begeben und so maches Erstaunliche erfahren.

Zwei Dutzend waschechte Franzosen

Unter den 1 834 ausländischen EU-Bürgern, die im Kreis Bautzen leben und hier einen Erst- oder Zweitwohnsitz haben, sind die Franzosen eindeutig in der Minderheit: Offiziell sind hier gerade mal zehn Männer, zehn Frauen und drei Kinder mit französischer Staatsangehörigkeit gemeldet.

Über 1 000 Gäste aus Frankreich

Es könnten gerne noch ein paar Touristen mehr sein: Genau 1 171 Gäste aus Frankreich waren 2015 im Landkreis zu Besuch und blieben im Durchschnitt zwei Nächte. Gegenüber dem Jahr davor ist das zwar ein zahlenmäßiger Anstieg um fast ein Fünftel, gemessen an den Besucherzahlen aus anderen Ländern insgesamt sind das aber verhältnismäßig wenige. Immerhin kamen 2015 weit über 27 000 ausländische Touristen in den Kreis.

Eine schöne Französin in Hermsdorf

Diana, die Göttin der Jagd, ist das Wahrzeichen der kleinen Gemeinde Hermsdorf/Spree. Die schöne Statue ist als Einziges übrig vom einstigen Schloss Hermsdorf. Das Schloss war wegen akuter Einsturzgefahr zu DDR-Zeiten gesprengt worden. Nur die Statue überstand das. Die „Diana von Hermsdorf“ ist übrigens die originalgetreue Kopie der „Diana von Versailles“, die im Pariser Louvre zu bewundern ist.

Napoleons historische Spuren

Er kam, sah und siegte verlustreich: Es ist zwar schon über 200 Jahre her, doch bis heute gilt Napoleon als der wohl berühmteste Franzose, der überall im Kreis seine Spuren hinterlassen hat. Vor allem natürlich im Dörfchen Wurschen bei Bautzen, dessen Name sogar auf dem Triumphbogen in Paris steht. Bei Wurschen fand am 20. und 21. Mai 1813 eine der entscheidendsten Schlachten im Befreiungskrieg gegen das napoleonische Frankreich statt. Napoleon hatte zwar formal gesiegt, aber große Verluste erlitten und rund 25 000 Mann verloren. Der große Feldherr soll sehr enttäuscht gewesen sein. Heute erinnern zahlreiche Denkmale und Gedenktafeln an die Ereignisse, so unter anderem auf dem Bautzener Taucherfriedhof, wo sich eines der zahlreichen Massengräber mit Gefallenen befindet, aber auch in Bischofswerda, Königswartha, Großerkmannsdorf und auf den Kreckwitzer Höhen. Der vor 15 Jahren in Wurschen gegründete Verein Napoleonstrasse 1813 erforscht und dokumentiert dieses historische Kapitel.

Beliebte Fremdsprache in der Schule

800 Oberschüler von der 6. bis zur 10. Klasse haben in diesem Schuljahr im Landkreis Französisch als zweites Fremdsprachenfach gewählt. An den Gymnasien lernen mehr als 3 000 Schüler Französisch. Unter ihnen sind auch 33 Schüler in der Abiturstufe, die die Sprache als Leistungskurs-Fach gewählt haben.

Zahlreiche Wirtschaftsbeziehungen

121 Unternehmen aus dem Kreis Bautzen unterhalten laut IHK Wirtschaftsbeziehungen mit Frankreich. Das reicht von Vertretungen, Handelsvertretungen und Niederlassungen über Ex- und Importgeschäfte bis hin zu Beteiligungen, Lizenz- oder Kooperationsverträgen. Am meisten profitiert davon das verarbeitende Gewerbe, gefolgt von der Transport- und Logistikbranche sowie dem Handel- und der Gastronomie. Seit 25 Jahren hat die Industrie- und Handelskammer einen Kooperationsvertrag mit der Hotelfachschule im elsässischen Straßburg. Zahlreiche Köche und Hotelfachkräfte aus dem Kreis haben dort bereits eine exzellente Ausbildung erhalten.

Begehrter Schüler-Austausch

Eine exakte Zahl gibt es zwar nicht, aber Frankreich ist und bleibt ein beliebtes Land für deutsche Austausch-Schüler und umgekehrt. So hat beispielsweise das Kamenzer Lessing-Gymnasium gerade zwei französische Schüler auf Zeit zu Gast. Und nicht nur das: Zum ersten Mal hatte das Gymnasium in diesem Schuljahr einen Sprachassistenten aus Frankreich im Kollegium. Das Humboldt-Gymnasium in Radeberg hat sogar eine feste Partnerschule, das Lyceum „Henry Laurens“ im französischen Saint Vallier, mit dem ein regelmäßiger Schüleraustausch stattfindet.

Freunde und Kontakte

Auch Vereine im Landkreis pflegen Kontakte nach Frankreich. So organisieren die Handballer des HSV Pulsnitz seit zehn Jahren einen jährlichen Jugendaustausch mit einem Sportverein aus der Nähe von Brest. Erst im April waren französische Jugendliche in Pulsnitz zu Gast, nächstes Jahr fahren die Pulsnitzer Nachwuchshandballer wieder nach Frankreich. Der Spielmannszug aus Radeberg hatte jüngst einen unvergesslichen Auftritt beim größten Historien-Spektakel Frankreichs, dem Napoleon-Festival bei Paris.

Offizielle Städtepartnerschaften

Einige Städte und Gemeinden im Landkreis haben offizielle Partnerstädte und -gemeinden in Frankreich. So gehört die nordfranzösische Stadt Dreux zu Bautzens Partnerstädten. Cunewalde pflegt eine Gemeindepartnerschaft mit Donges an der Mündung der Loire, die Partnergemeinde von Sohland/Spree heißt Montevrain und liegt in der Nähe von Paris.

Spurensuche nach Kriegsgefangenen

Im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Elsterhorst bei Nardt waren während des Zweiten Weltkriegs auch zahlreiche französische Offiziere inhaftiert. Hin und wieder kommen auch heute noch Franzosen ins Hoyerswerdaer Stadtmuseum und zur Kriegsgräberstätte, die auf Spurensuche nach ihren Eltern und Großeltern sind.