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Wiedersehen an Radebergs Orgel

Als der Weimarer Musikprofessor Wolf Günter Leidel noch kurz für die Aufführung des „Faust“-Films in Radeberg übt, gibt es eine Überraschung.

© Bernd Goldammer

Von Bernd Goldammer

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Radeberg. Als Heidi Klier zu Hause in Dresden-Goppeln diese Ankündigung aus der Rödertal-SZ gelesen hatte, war klar: Am Sonntagabend würde sie sich auf den Weg nach Radeberg machen. Die SZ hatte über die anstehende Aufführung Wilhelm Murnaus Stummfilm-Klassiker „Faust“ in der Radeberger Stadtkirche berichtet; an der Orgel begleitet vom bekannten Weimarer Musik-Professor Wolf Günter Leidel. Und dieser Name ließ Heidi Klier aufhorchen: „1963 gehörte er zu meinen ersten Musikschülern“, erzählt sie. „Ich kam mit 23 Jahren gleich nach dem Studium zur Musikschule Eisleben – und der Junge war sehr begabt, wollte unbedingt zur Musikhochschule nach Weimar“, kann sich die heutige Dresdnerin noch genau erinnern. „Also haben wir für dieses Ziel gearbeitet“, erzählt die Musikpädagogin gelassen – und kann sich noch immer sichtlich darüber freuen, „dass es geklappt hat“. Ihr Schüler sei schon damals ein ganz besonderer gewesen, sagt sie. „Er sprühte vor musikalischen Ideen“, erinnert sie sich lächelnd.

Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung haben sich die Lehrerin und ihr einstiger Schüler dann etwas aus den Augen verloren. Bis sie nun also von der „Faust“-Aufführung in Radeberg las. Gemeinsam mit ihrem Ehemann machte sie sich auf den Weg in die Bierstadt. Zum echten Überraschungsbesuch! Wolf Günter Leidel war gerade dabei, sich an der Orgel, oben auf dem Rang der Radeberger Stadtkirche, auf seine anstehende Herkulesaufgabe vorzubereiten. Fast zwei Stunden lang ohne Noten zu improvisieren – stets den Blick auf einen kleinen Monitor, auf dem der auf die große Leinwand vorm Altar projizierte Film zeitgleich flimmert –, was für eine Leistung! Der emeritierte Musik-Professor, der auch als Musiker unterwegs und als Musikproduzent aktiv ist, liebt solche Aufgaben. Und war auch nicht zum ersten Mal in Radeberg. Vor einigen Jahren begleitete er in der Stadtkirche Charlie Chaplins Stummfilm-Klassiker „Moderne Zeiten“, und dann auch Fritz Langs „Nosferatu“. Dabei lässt Leidel genial das Flair der 1920er Jahre, das Flair der großen Kino-Theater mit ihren Kino-Orgeln zur Begleitung der schwarz-weiß knisternden Filme aufleben. Spontan und improvisierend; und immer mit einem musikalischen Augenzwinkern.

Auf den Weg zur Musik gebracht

„Ich liebe und brauche solche Abende, um meine Improvisations-Fähigkeiten an der Orgel wachzuhalten“, erzählt der 68-Jährige. Und plötzlich stand da nun also seine einstige Musiklehrerin. Die Übungsnoten auf der Orgel verstummten. Umarmung. Freude. Und dann kommen natürlich die Erinnerungen: „Sie hat mich auf den Weg zur Musik geführt“, macht Wolf Günter Leidel klar. Doch zunächst bleibt es ein kurzes Wiedersehen, denn wenig später geht unten im Kirchenraum der Projektor an – Rolf Daehne vom Radeberger Kinoverein lässt Murnaus Kunstwerk flimmern. Der Kinoverein und Radebergs Kantor Rainer Fritzsch haben diesen Abend gemeinsam organisiert; Fritzsch gehörte dabei etliche Jahre zu den Musikstudenten Leidels in Weimar. So war der Kontakt vor einigen Jahren also schnell geknüpft gewesen.

Wolf Günter Leidels Musikimprovisationen entstehen derweil oben auf der Empore beim Blick auf die Film-Szenen. Dass er dieses Improvisieren liebt, ist deutlich zu hören. Und natürlich wirkt beim Publikum auch dieser schier unglaubliche Film. Der zeigt mit seiner Mischung aus dem Ur-Faust, der Volkssage, diesem atemberaubenden Mythos und natürlich auch Goethes Faust einen mitunter düsteren Blick auf die menschliche Verführbarkeit. Das gibt diesem Kunstwerk seine ewige Aktualität. Und es ist eine wunderbare Wiederentdeckung von Schauspielern wie Emil Jannings, der als Mephisto zu sehen ist. Irgendwie passend zum Faust; er ging später den Verführungen der Nazi-Mächtigen auf den Leim …

Ein unvergesslicher Abend. Mit langem Applaus. Und natürlich gratuliert auch Heidi Klier begeistert ihrem einstigen Schüler: „Großartig“, schwärmt sie. Der gibt das Kompliment dann sozusagen rückblickend zurück: „Ihre Anerkennung damals, verlieh mir Flügel am Flügel“, sagt er schmunzelnd. Ja, ein unvergesslicher Abend.