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Willkommen in Mitteldorfhain

Ein seltsames Schild erheitert Dorfhain und erinnert an die Historie. Dabei hat der Besitzer das gar nicht gewollt.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Verena Schulenburg

Dorfhain. Achtung, hier geht’s nach Mitteldorfhain! Moment … wohin, bitte? Sogar Dorfhainer könnten ins Staunen geraten, welches wundersame Ortsschild neuerdings am Straßenrand auf sich aufmerksam macht, hier unweit des Kinderzentrums und dem Sitz der Verwaltung. Das Schild steht tatsächlich mitten in Dorfhain. Doch den Namen Mitteldorfhain trug hier zuvor noch kein Ortschild.

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Mitteldorfhain gibt es tatsächlich, wie ein Ausschnitt einer Wanderkarte des Tharandter Waldes von Rolf Böhm zeigt.
Mitteldorfhain gibt es tatsächlich, wie ein Ausschnitt einer Wanderkarte des Tharandter Waldes von Rolf Böhm zeigt. © Koerner, Heidemarie

Hat die Dorfhainer Rathausspitze die neue Beschilderung angeordnet? „Nein“, versichert Heike Linné. Ein Grinsen kann sich die Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung dabei nicht verdrücken. „Das ist ein Spaß“, klärt sie auf und verweist auf das Nachbarhaus, in exakt dessen Einfahrt das gelbe Schild steht. Das Eigenheim ist neu gebaut und der Hausbewohner dahin umgezogen, von Großdorfhain in die Mitte des Ortes, eben nach Mitteldorfhain. Richtig, es gebe Großdorfhain und sogar Kleindorfhain, wie Linné erklärt.

Stichelei zum Einzug

Doch was sucht „Mitteldorfhain“ hier? Der neue Eigenheimbesitzer ist Tobias Wagner, der stellvertretende Bürgermeister von Dorfhain. Das fragwürdige Ortschild vor seinem Haus lässt den 37-Jährigen zwar schmunzeln. Dennoch ist ihm der Trubel darum etwas unangenehm. Er habe das Schild doch gar nicht selbst aufgestellt. Ende vorigen Jahres sei er mit seiner Familie hier in die eigenen vier Wände gezogen. Nach der Geburt des zweiten Kindes wurde kürzlich die Einzugsparty nachgeholt. Die Gäste buddelten an jenem Tag das besondere Geschenk in seine Einfahrt ein. „Meine Kumpels wollten mich damit bestimmt etwas sticheln und mir nun täglich vor Augen halten, dass ich kein Großdorfhainer mehr bin“, sagt Tobias Wagner und lacht. Schließlich sei er in jenem südöstlichen Teil des Ortes aufgewachsen und habe dort Zeit seines Lebens gewohnt – eben bis zum Umzug nach Mitteldorfhain.

Und nun? Bleibt „Mitteldorfhain“ jetzt inmitten von Dorfhain? „Wenn es möglich ist, würde ich das Schild schon gern stehen lassen“, sagt Wagner. Es sei schade drum. In der Verwaltung nebenan hat man jedenfalls nichts dagegen. „Ich sehe keinen Grund, es zu verbieten“, sagt Heike Linné. Sie glaubt nicht, dass sich ein Dorfhainer daran stören könnte. Bisher habe sie nur positive und schmunzelnde Reaktionen vernommen. Das Schild stehe auf Privatgrundstück. Weder sei die öffentliche Ordnung dadurch gestört, noch ist der Begriff „Mitteldorfhain“ als solcher geschützt, weswegen es genehmigungsfähig wäre.

Völlig aus der Luft gegriffen ist die Ortsbezeichnung aber keinesfalls. Dorfhain, die kleinste Gemeinde am Tharandter Wald, zählt nur rund 1 100 Einwohner, verfügt aber über stattliche drei Ortsteile. Auch wenn diese eigentlich nur auf dem Papier existieren und der einzige offizielle Name am Ortseingang Dorfhain lautet.

Historische Bezüge

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Dorfhain 1351, auch wenn es erste Ansiedlungen schon früher gegeben haben soll, erzählt Linné. Klein- und Großdorfhain entwickelten sich zuerst. Mit dem Wachstum der beiden kleinen Orte sei zunehmend auch das Gebiet dazwischen besiedelt worden, eben das, was heute als Mitteldorfhain in aller Munde ist. Hier inmitten von Dorfhain steht die gemeinsame Kirche des Ortes, hier wurde auch 1906 eine Schule gebaut, das heutige Kinderzentrum.

Die Bezeichnung Mitteldorfhain ist zwar weniger gebräuchlich als Klein- und Großdorfhain, findet sich aber auch in verschiedenem Kartenmaterial wieder, zum Beispiel in der Wanderkarte zum Tharandter Wald, die der Bad Schandauer Kartograph Rolf Böhm entworfen hat. In der jüngsten Auflage von 2013 ist neben Groß- und Kleindorfhain auch Mitteldorfhain verzeichnet. Aus einem besonderen Grund: „Für meine Recherchen benutze ich altes Kartenmaterial aus der Zeit des Deutschen Reiches“, erklärt Böhm. In den gedruckten Dokumenten aus den Jahren 1860 bis 1945 seien vor allem kleinere Orte und deren Namen festgehalten worden, also auch Ortsteile wie Mitteldorfhain.

Offiziell ausgeschildert sind die drei Ortsteile Dorfhains heutzutage zwar nicht mehr. Nur das Straßenschild „Kleindorfhainer Straße“ mag noch an die verschiedenen Gemarkungen erinnern – und nun auch das neue Schild auf dem Grundstück von Tobias Wagner. Vielleicht verhilft dies wieder zu mehr Heimatbewusstsein.