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Gefräßig, grimmig und listig – so kennen wir den Wolf aus dem Märchen. Jetzt, da er wieder unter uns lebt, werden wir uns an ein neues Bild gewöhnen müssen. Laut Wolfsexpertin Vanessa Ludwig ist Isegrim vor allem eines: faul.

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© dpa

Landkreis. Der Wolf ist wieder da – jetzt auch bei uns. Seit wenigen Tagen steht dank einer Fotofalle fest, dass sich in der Gohrischheide ein Rudel angesiedelt hat. Obwohl es laut Diplom-Forstwirtin Jana Endel vom Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz“ seit 40 Jahren in ganz Europa keinen einzigen tödlichen Angriff von gesunden Wölfen auf Menschen gegeben hat, sind viele Bürger nun verunsichert. Kann ich noch in den Wald gehen? Und was ist, wenn der Wolf bald sogar vor meiner Haustür steht? Diese Fragen beantwortet Vanessa Ludwig, Leiterin des Kontaktbüros, im großen SZ-Interview.

Die Biologin Vanessa Ludwig ist Projektleiterin des Kontaktbüros „Wolfsregion Lausitz“ in Rietschen bei Niesky. Das Büro ist die offizielle Ansprechstelle zum Thema Wolf für Bevölkerung und Medien. Es wurde 2004 vom Ministerium für Umwelt und Landwirtscha
Die Biologin Vanessa Ludwig ist Projektleiterin des Kontaktbüros „Wolfsregion Lausitz“ in Rietschen bei Niesky. Das Büro ist die offizielle Ansprechstelle zum Thema Wolf für Bevölkerung und Medien. Es wurde 2004 vom Ministerium für Umwelt und Landwirtscha © C. Binöder

Frau Ludwig, nun gibt es auch in der Gohrischheide bei Zeithain ein Wolfsrudel. Was bedeutet das für die Menschen in der Region?

Für sie macht es eigentlich keinen großen Unterschied, es sei denn, sie haben Nutztiere wie Schafe und Ziegen. Dann sollten sie jetzt verstärkt auf Herdenschutzmaßnahmen achten, um das Risiko eines Übergriffs zu minimieren.

Was kann man als Schäfer oder Bauer konkret tun? Manchmal ist der Wolf ja schon über Elektrozäune gesprungen.

Das passiert aber nur in seltenen Fällen. Meistens ist es so, dass irgendwo Schwachstellen waren, die der Wolf ausgenutzt hat. In der Regel versucht er erst einmal, darunter durchzugraben, oder wenn die Seite zu einem Gewässer hin offenbleibt, ist es für den Wolf natürlich gar kein Problem, über einen Bach zu springen oder durch das Wasser zu schwimmen. Das ist dann wie eine Einladung für ihn. Erst, wenn der Wolf sehr viele unzureichend geschützte Tiere in einem Gebiet vorfindet, nimmt er irgendwann diesen Mehraufwand, über den Zaun zu springen, auf sich. Körperlich ist das für ihn gar kein Problem.

Welche Schutzmaßnahmen helfen dann überhaupt?

Ein stromführender Zaun ist schon eine ganz gute Möglichkeit, weil man dem Wolf damit auch eine Schmerzempfindung gibt, wenn er an diesen Zaun geht, beziehungsweise spürt, er den Strom ja wahrscheinlich schon vorher durch die Luft. Diese Zäune sollten mindestens 90 Zentimeter hoch sein, besser wäre ein Meter. Wenn es ein Zaun ist, der nicht stromführend ist, sollte er entsprechend höher sein. 1,20 Meter ist da die Mindestanforderung. Da ist es besonders wichtig, auf den festen Bodenabschluss zu achten, weil der Wolf sich dann wirklich leicht darunter durchgraben kann. Entweder man gräbt den Zaun ein oder man legt noch mal eine Zaunschürze dagegen und macht sie fest oder arbeitet gleich mit einer Stromlitze. Damit hat man wirklich schon ganz gute Möglichkeiten. Aber, das muss man auch sagen, 100 Prozent Sicherheit wird man damit auch nicht erreichen. Da müsste man wirklich alles einzäunen oder alle Tiere reinholen – was nicht gewollt aber auch nicht nötig ist. Denn wenn ordentliche Zäune aufgestellt werden, nimmt die Anzahl der Angriffe in der Regel auch ab.

Da gibt es also auch einen Lerneffekt beim Wolf?

Genau, den gibt es. Er versucht erst mal, so wenig Energie wie möglich für sein Fressen auszugeben, weil er immer abwägen muss, wie viel Energie kann ich mit der Beute einnehmen und wie viel kann ich dafür ausgeben. Da sucht er sich die leichteste zugängliche Beute. Wenn man ihm das als Mensch schwermacht, wird er sich eher wieder an seine natürliche Beute halten. Fast 95 Prozent seiner Ernährung entfallen eh auf wildlebende Huftiere – Rehe, Hirsche, Wildschweine. Schafe und Ziegen sind eher die Gelegenheitsbeute.

Auch normale Bürger haben mitunter Angst vor dem Wolf. Muss ich mich als Spaziergänger darauf einstellen, dem Tier einmal zu begegnen?

Ausschließen kann man es auf jeden Fall nicht, aber es ist doch relativ selten. Die Wölfe gehen uns Menschen eigentlich aus dem Weg, sie haben ja sehr gute Sinne und nehmen uns meist viel eher wahr als andersrum, und können uns so ganz gut aus dem Weg gehen. Dennoch kann es natürlich zu einer Begegnung kommen. Wenn das der Fall ist, ist es meist von kurzer Dauer. Der Wolf flüchtet dann allerdings auch nicht panisch, wie die Leute oft erwarten. Die Tiere bleiben schon auch mal kurz stehen, schauen in die Richtung und gehen dann erst ihren Weg weiter. Bei neugierigen Jungtieren kann es schon mal vorkommen, dass sie einen Schritt auf einen zumachen. Aber in den allermeisten Fällen – wenn es mal zu einer solchen Begegnung kommt – sorgt das kleinste Geräusch, die kleinste Bewegung des Menschen dafür, dass der Wolf davongeht.

Und wenn er mir doch zu nahe kommt?

Wenn man sich unwohl fühlt oder das Tier als zu nahe empfindet, sollte man auf jeden Fall stehen bleiben und auf sich aufmerksam machen, damit das Tier den Menschen als solchen wahrnimmt und davongehen kann. Wenn der Wolf doch mal auf den Menschen zukommt, sollte man resolut auftreten: schreien, in die Hände klatschen, dem Tier eben deutlich machen, dass man Mensch ist und er nicht näher kommen soll. Aber in Sachsen hatten wir es eigentlich noch nie, dass sich Wölfe irgendwie auffällig verhalten hätten.

Als Mensch darf ich mich dann auch nicht wie ein Beutetier benehmen und zum Beispiel weglaufen.

Genau, das sollte man nicht tun. Das heißt nicht, dass der Wolf automatisch hinterhergeht, wenn man wegrennt, aber es könnte eher in das Fluchtschema eines Beutetiers passen. Das Beste ist wirklich ruhig stehenbleiben – wie man das bei allen Wildtieren und bei Hunden machen sollte.

Stichwort Hunde: Müssen sich auch Haustierbesitzer Gedanken machen?

Als Hundebesitzer sollte man sich darauf einstellen, wenn Wölfe in dem Gebiet unterwegs sind. Auch da bedeutet es nicht, dass man erwarten muss, dass der Wolf sich für den Hund interessiert oder ihn irgendwie etwas Böses tun möchte. Aber man kann es auch nicht ausschließen. Hunde und Wölfe gehören ja zu einer Art, das heißt, der Wolf erkennt den Hund in der Regel als Artgenossen, als Eindringling in sein Revier. Das ist dann der Fall, wenn die Hunde frei laufen und sich weit vom Menschen entfernen. Da ist die Nähe des Menschen einfach der beste Schutz für den Hund – deshalb auch die Empfehlung, Hunde angeleint zu halten oder zumindest in der Nähe, damit man sie zurückrufen kann, wenn es zu einer Begegnung kommen sollte. Es gab einmal einen Fall, dass ein Hund getötet wurde von einem Wolf. Da war es aber so, dass der Hund frei lief, auf die Fährte des Wolfes stieß, ihr nachlief und den Wolf dann gestellt hat. Das ist das Problematische, wenn es dann zu einer solchen Auseinandersetzung kommt.

Wenn die Jungtiere des Rudels in der Gohrischheide heranwachsen, kann es dann sein, dass sich noch weitere Rudel in der Region ansiedeln werden?

Das ist natürlich nicht auszuschließen, weil die Jungtiere irgendwann, wenn sie geschlechtsreif werden, ihr Elternterritorium verlassen und sich etwas Eigenes suchen. Das kann ganz in der Nähe sein, aber auch Hunderte Kilometer entfernt. Wenn in der Nähe Gebiete sind, die sich für die Wölfe eignen, weil genügend Nahrung da ist und es auch Rückzugsräume gibt, dann können natürlich auch dort Wölfe sesshaft werden und eine eigene Familie gründen, sprich, ein Wolfsrudel.

Wenn es mehr werden, kann es dann auch passieren, dass sie den Städten näherkommen?

Auch das ist etwas, das man wissen muss: Wölfe meiden Ortschaften nicht zu 100 Prozent. Sie haben sehr große Territorien von 150 bis 350 Quadratkilometern. Da ist es in einer Kulturlandschaft unweigerlich so, dass da auch Ortschaften mit reinfallen. Das heißt, die Wölfe kommen natürlich auch an diesen Ortschaften vorbei oder laufen durch, wie das andere Wildtiere auch machen. In der Regel passiert das, wenn wir Menschen weniger aktiv sind, in der Nacht oder Dämmerung. Deshalb kann durchaus mal eine Sichtung im Siedlungsbereich stattfinden. Aber auch das ist kein Anlass zur Sorge, sondern einfach normales Verhalten.

Ein Anblick, an den wir uns also gewöhnen müssen?

Genau. Durch die lange Abwesenheit des Wolfs – was die Folge seiner Ausrottung war – wissen wir nicht mehr, wie wir mit diesem Wildtier umgehen müssen und dass es eigentlich ein ganz normaler Anblick ist. So wie es ein normaler Anblick ist, dass Füchse oder Rehe in der Stadt sind.

Das Gespräch führte Dominique Bielmeier.

Internetseite: www.wolfsregion-lausitz.de