Merken

„Wir waren früher viel strenger“

Der Kindergarten Samenkorn in Görlitz ist 70 Jahre alt geworden. Die einstige Leiterin Anneliese Möbus erinnert sich an die schweren Anfänge.

Teilen
Folgen
NEU!
© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Daniela Pfeiffer

Görlitz. Sie war selbst noch ein Kind, als sie schon gern in Kinderwagen schaute. Da war der Berufsweg eigentlich schon vorhersehbar. Sagt jedenfalls Anneliese Möbus über sich selbst. Sie ist tatsächlich Kindergärtnerin geworden, und zwar in einem der ersten Kindergärten, die in Görlitz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Kita Samenkorn heißt er heute und hat unlängst seinen 70. Geburtstag gefeiert. Zu einem großen Teil ist das Anneliese Möbus zu verdanken, die ihn mit aufgebaut hat – quasi aus dem Nichts.

1946 war das, Frau Möbus hatte ihre Ausbildung gerade frisch abgeschlossen. Der Bedarf war da, die Menschen fingen wieder an, zu arbeiten. Die Kinder sollten nicht sich selbst überlassen sein. Mit zwei Räumen begann alles, damals wie heute auf der Johannes-Wüsten-Straße 21. Das Haus gehörte in dieser Zeit noch der Loge „Zur gekrönten Schlange“, wurde während der NS-Zeit aber nicht mehr genutzt und schon damals kirchlichen Zwecken zur Verfügung gestellt, bevor es ganz an die evangelische Kirche verkauft wurde.

Zwei Räume also bekamen Frau Möbus und ihre Kolleginnen, um hier etwas aufzubauen. Das würde nicht leicht werden. Nichts war da, außer dem Holzfußboden und zwei Kachelöfen. Von Frau Zimmermann, die vorher einen kleinen Privatkindergarten betrieben hatte, bekamen sie Tische, Stühle, ein Regal und einen Vorhang. An fließendes Wasser oder andere Annehmlichkeiten war noch nicht zu denken. Wasser zum Händewaschen wurde in ein Becken gekippt, die Kinder hatten ihre eigenen Handtücher mitzubringen. Mittags gingen alle nach Hause, Mittagessen gab es damals noch keins im Kindergarten. Mit dem Leiterwagen marschierten die Erzieherinnen zum Bahnhof, um vom dortigen Hilfswerk Tonnen mit Milchpulver für die Kinder heranzuholen.

Trotz der spärlichen Anfänge wurde aber Wert auf Ordnung und Sauberkeit gelegt. Frau Möbus strahlt, als sie von den gestärkten weißen Schürzen erzählt, die die Erzieherinnen in den Anfangsjahren noch trugen. Und sie erinnert sich daran, wie sie den Boden jeden Tag wienerten. Vom schönen Garten schwärmt die heute 90-Jährige, in dem die Kinder von Anfang an spielen konnten. Auch von dem Flügel, der in einem der beiden Räume stand und mit dem sie mit den Kindern immer Rhythmik machten. Musikalische Früherziehung würde es wohl heute heißen.

Schon einige Monate nach der Gründung des Kindergartens übernahm Frau Möbus, die bis dato dort als Helferin gearbeitet hatte, die Leitung. „Sie wurde mir übergestülpt.“ Das klar zu sagen, ist ihr noch heute wichtig. Aber so wenig sie das anfangs offenbar wollte, so sehr hat sie sich durchgekämpft und den Kindergarten gegen so manche Widrigkeit weiter aufgebaut. Als kirchliche Einrichtung war es nicht leicht, gegen die staatlichen zu bestehen, die natürlich auch gegründet wurden. Sie solle mehr mit der werktätigen Bevölkerung zusammenarbeiten, war etwa ein Vorwurf. Und es kam der deutliche Rat, doch ein Bild von einem Traktorführer aufzuhängen. Aber Frau Möbus tat es nicht, sie fand das Bild „Der Kinderreigen“ von Hans Thoma passender.

Eine kirchliche Einrichtung zu sein, habe aber auch Vorteile gehabt. Sie bekamen Pakete von Gönnern aus dem Westen oder gar aus Norwegen. „Da gab es unter anderem eine schöne Verbindung nach Westberlin“, erinnert sich Anneliese Möbus. „Ein Diakon-Ehepaar, die schickten immer Schokoladenfiguren oder Ravensburger Spiele.“ Überhaupt wurde die Lage über die Jahre immer besser. Waren anfangs an die 70 Kinder auf engstem Raum zusammen, entspannte sich das mit der zunehmenden Zahl an Kindergärten in der Stadt. Die anfängliche Toilette im Erdgeschoss wurde später durch eigene Waschräume ersetzt. Eltern brachten immer mehr Spielzeug vorbei, auch halfen sie, einen Sandkasten zu bauen. Und schließlich wurde die Betreuung auf den ganzen Tag ausgedehnt, auf Pritschen konnten die Kinder Mittagsschlaf machen, das Essen kam vom Wichernhaus.

Der Tagesablauf hat sich nicht sehr verändert, wie auch Beatrix Bienert sagt, die die inzwischen deutlich größere Kita in der Johannes-Wüsten-Straße heute leitet. Einst selbst dort Kindergartenkind, nennt sie Frau Möbus noch immer liebevoll Tante Anneliese. So wie damals unter ihr gibt es auch heute den Morgenkreis, in dem gebetet wird. „Der christliche Grundgedanke trägt uns durch den Tag, Andachten mit Liedern und Gebeten gehören dazu“, sagt Beatrix Bienert, denn die Kita ist eine Einrichtung der Evangelischen Innenstadtgemeinde. 47 Kinder besuchen sie heute in drei Gruppen, fünf Plätze gibt es für kleine Kinder ab zwei Jahren.

Nur pädagogisch habe sich viel geändert, sagt Anneliese Möbus, die manchmal noch bei dem einen oder anderen Fest vorbeischaut. „Wir waren früher viel strenger“, sagt sie und schmunzelt. „Wenn Sie aber denken, dass die Kinder deswegen früher artiger waren, täuschen Sie sich. Es gab immer welche, die auffielen.“ Sie alle sind groß geworden und anständige Menschen. An viele erinnert sich die 90-Jährige noch mit Namen. Ganze Familien sind ja bei ihr gewesen – über mehrere Generationen hinweg. Manche trifft sie noch heute auf der Straße. Nicht immer erkennt sie die heute Erwachsenen, aber fast immer erkennen die Schützlinge von damals sie. Dass es für Anneliese Möbus nicht nur Beruf, sondern Berufung war, mit Kindern zu arbeiten, ist ihren lebhaften Erzählungen anzumerken. Das war wohl schon beim ersten Blick in einen Kinderwagen klar. Vor mehr als 80 Jahren.