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„Wir wollen Gefährdungen früh erkennen“

Von einem Beinahe-Kollaps der Kitabetreuung ist Meißen entfernt, sagt die Amtschefin. Auf Signale wird jedoch reagiert.

© Claudia Hübschmann

Von Marcus Herrmann

Meißen. Die Diskussion über die Betreuungssituation in den Kindertagesstätten ist spätestens seit der öffentlichen Kritik eines Elternvertreters Ende Juni wieder entfacht. Unter anderem übte der Elternsprecher einer Meißner Kita Kritik an unzureichenden Maßnahmen gegen eine zu dünne Personaldecke, den hohen Krankenstand und zu geringe Anreize für die Erzieherinnen und Erzieher. Bleibt alles, wie es ist, befand der Familienvater, werde die wachsende Stadt in Zukunft Probleme bekommen, geeignetes Personal für seine Kitas zu finden. Die SZ hat das zum Anlass genommen bei der Leiterin des Familienamtes Daniela Schliwa nachzufragen. Wo steht der Kitaträger vor Herausforderungen, wie wird diesen begegnet und was stimmt positiv?

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Frau Schliwa, im Januar sah es kurzzeitig so aus, als ob Sie nach drei Monaten im Amt der Familienleiterin lieber woanders beruflich weiter machen. Sie haben sich dann doch entschieden, zu bleiben. Bereuen Sie das heute?

Nein, auf keinen Fall. Es ist klar, dass es einigen Handlungsbedarf im Bereich Kitabetreuung und auch der pädagogischen Arbeit und Vernetzung gibt. Das ist in einer Stadt wie Meißen, die für fünf Kitas und vier Horte Verantwortung trägt ein fortschreitender Prozess. Mit der neu geschaffenen Stelle der Kita-Fachberatung haben wir eine viel bessere Chance, Probleme anzugehen als zuvor.

Die angesprochene Stelle begleitet die neue Mitarbeiterin Andrea Beger. Was ist ihre Aufgabe, was kann Sie leisten und war die Einstellung Bedingung, dass Sie in Meißen bleiben?

Ich habe mich sehr dafür starkgemacht, dass die Fachberatung als Angebot für die Erzieher eingeführt wird. Es soll ein Signal an die Einrichtungen sein, dass sie mehr fachliche Unterstützung für ihren Alltag bekommen können. Bedingung wäre nicht richtig. Frau Beger ist zunächst Ansprechpartner für die Leiterinnen der Kitas. Sie teilen uns die Sorgen und Nöte aus dem Kitaalltag in den Kindertageseinrichtungen mit. Ob es um Gesundheitsmanagement, Nachbereitung, pädagogische Selbstreflexion, neue Herausforderungen wie Integration oder Inklusion oder hohes Arbeitspensum geht. Den Themen sind keine Grenzen gesetzt. Frau Beger wird dann in Abstimmung mit mir an Lösungen arbeiten. Aber es werden auch Probleme übrig bleiben, wir sind schließlich an Landes- und Bundesgesetzgebung gebunden.

Kann denn die Stadt nicht einfach neue Erzieher einstellen, um die augenscheinlich angespannte Personalsituation zu entspannen?

Grundsätzlich ja. Aber es wird immer schwieriger, geeignetes Personal zu finden. Trotz Tarifvertrags und unbefristeten Arbeitsverträgen. Die Anforderungen steigen. Zusatzqualifikationen in Heilpädagogik, Logopädie oder Integration sind gern gesehen, manchmal Bedingung. Auch Überlegungen Quereinsteigern die Möglichkeit der berufsbegleitenden Ausbildung als Praxispartner zu ermöglichen, stellen wir derzeit an. Außerdem können seit einiger Zeit auch Assistenzkräfte, wie etwa Kinderpfleger oder Kinderkrankenschwestern, innerhalb des Personalschlüssels im Krippenbereich eingesetzt werden, wovon wir aber bisher keinen Gebrauch machen. Zu beachten ist, dass einerseits der Freistaat Sachsen, aber andererseits auch die Stadt und nicht zuletzt auch die Eltern die Personalkosten refinanzieren müssen.

In diesem Zusammenhang fällt oft der Begriff des Personalschlüssels, der nur auf dem Papier eingehalten wird, aber nicht wirklich. Wie sieht das in Meißen aus ?

Wir haben Verständnis für die Eltern, die das Gefühl haben, dass dieser Schlüssel nicht immer eingehalten wird und können nur versuchen, den gesetzlichen Rahmen klar zu machen und anhand diesem aufzuklären. Danach gibt es keinen Engpass in Meißen. Der Personalschlüssel ist eine gesetzliche Berechnungsgrundlage, wie viel Personal in einer Kita angestellt sein muss. Er regelt aber nicht, wie viele tatsächlich anwesende Kinder eine Fachkraft betreuen darf. Er bezieht sich folglich nicht auf eine einzelne Gruppe, sondern auf die gesamte Einrichtung.

Nun kommt aber das Problem der Betreuungszeiten und tatsächlichen Arbeitszeiten hinzu, das die Sache kompliziert macht.

Genau. Eine Vollzeitkraft mit 40 Stunden Wochenarbeitszeit wäre in der Theorie im Kindergartenbereich für zwölf Kinder mit einer neunstündigen Betreuungszeit da. Fachkräfte arbeiten aber täglich nur sechs bis acht Stunden am Kind, Kinder bleiben häufig neun Stunden oder länger. Somit werden sie im Tagesverlauf von mehr als einer Fachkraft betreut. Das tatsächliche Verhältnis wechselt im Tagesverlauf und hängt von vielen Faktoren ab.

Zum Beispiel?

Der Gesetzgeber gibt im Sächsischen Kindertagesstättengesetz jeweils für die Altersbereiche Krippe, Kindergarten und Hort einen Personalschlüssel vor, welcher entsprechend der in der Einrichtung vorhandenen Betreuungsplätze und der vertraglichen Betreuungszeiten auf die gesamte Einrichtung hochzurechnen ist. Eine Rolle spielt also auch, in welchen Stundenumfang die Kinder in der Kindertageseinrichtung betreut werden. Je mehr Kinder in der Krippe oder dem Kindergarten weniger als neun Stunden betreut werden, desto größer ist die Zahl der Kinder je Fachkraft in der Kernbetreuungszeit.

Daneben werden Abwesenheiten der Erzieher wegen Urlaub, Fortbildung oder Krankheiten mit Entgeltfortzahlung nicht aus dem Personalschlüssel herausgerechnet.

Sind denn an den Meißner Kitas überproportional viele Erzieher oft oder lange krank?

Dazu gibt es keine Statistik im Familienamt. Kitas mit überdimensionalen Ausfallvorkommnissen sind mir nicht bekannt. Trotzdem wollen wir die Rahmenbedingungen der Mitarbeiter-Gesundheit verbessern, potenzielle physische oder psychische Gefährdungen früh erkennen, Umfragen zur Lage in den Einrichtungen durchführen, regelmäßige arbeitsmedizinische Untersuchungen sicherstellen.

Was tut der Freistaat, um die Lage zu verbessern?

Das zuständige Kultusministerium hat gerade eine Umfrage zur Qualität in den sächsischen Kitas und der frühkindlichen Bildung durchgeführt. Daraus haben sich Maßnahmen ergeben, die der Freistaat perspektivisch gesetzlich verankern möchte. Es muss mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung geben, einen besseren Personalschlüssel, mehr Geld für Zusatzangebote und Hilfe für Kitas mit besonderem Bedarf. Damit sind wichtige Probleme erkannt und wir hoffen auf eine baldige Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Jedoch müssen auch hier seitens des Freistaates die finanziellen Auswirkungen für die Kommunen und Eltern im Blick behalten werden.

Was davon lässt sich realistisch gesehen schnell umsetzen, das sie positiv stimmt?

Im Vorfeld der Umfrage wurde bereits beschlossen, dass der Personalschlüssel in der Krippe ab September von 1 zu 5,5 auf 1 zu 5 herabgesetzt wird, sodass im Bereich des Personalschlüssels eine Verbesserung erzielt wird. Dass ausreichend Zeit zur Vor- und Nachbereitung besteht und diese außerhalb des Personalschlüssels gewertet wird, sollte auch zeitnah möglich sein.

Das Gespräch führte Marcus Herrmann.