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Wirbel um ausgestorbenen Vogel

Ein Naturfreund entdeckt einen Sperling, den es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte.

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© privat/Stefan Schwager

Riesa. Unscheinbar sieht er aus, wie er auf dem Foto zwischen Sträuchern hervorschaut. Und doch sorgt der kleine, braune Vogel mit dem gelben Schnabel für Aufsehen in Riesa. Fotografiert hatte das Tier Stefan Schwager. „Sobald irgendwo ein Vogel oder andere Tiere in meiner Nähe sind, beobachte ich diese und versuche mich schon seit Kindestagen mit der Bestimmung der Natur um mich herum“, erklärt Schwager. So sei es auch Anfang Juli gewesen. Als er nachmittags auf eine Hecke geblickt habe, da „staunte ich nicht schlecht“, erinnert sich Schwager. „Irgendetwas war einfach anders an diesen ‚Spatzen‘, die dort herumtollten.“ Beim Blick ins Bestimmungsbuch wuchs die Freude noch mehr.

Ein Haussperling.
Ein Haussperling. © privat/Stefan Schwager

Schwager stellte anhand einiger Merkmale fest, „dass es sich um keinen Haus- oder Feldsperling handelte, sondern um einen Steinsperling“. Das, so Schwager, wäre eine kleine Sensation. Denn eigentlich sei die Art schon seit 100 Jahren ausgestorben. „Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es sie in Mitteleuropa nicht mehr.“

Insbesondere der gelbe Schnabel unterscheide das Tier vom heimischen Haussperling, sagt Schwager. Der habe nämlich einen dunklen Schnabel. Die Gründe des Verschwindens seien vielfältig. „Menschliches Nachstellen, Nistplatzkonkurrenz und kühlere, feuchtere Sommermonate gehören wohl zu den Hauptfaktoren.“ Eigentlich seien die Vögel nur noch in Südeuropa verbreitet, sowie in Teilen Afrikas, in Israel und auf Zypern. „Gelegentlich wird von Verirrungen gesprochen, sodass der Steinsperling auch in Großbritannien oder Polen gesichtet wurde.“ Doch mit dem Foto scheine es jetzt auch einen Sichtungsbeweis aus Riesa zu geben, freut sich Schwager. Und die Tiere hätten sogar erfolgreich gebrütet. Ein Paar und drei Jungvögel habe er gezählt, sagt Schwager. Kehrt die ausgestorbene Art zurück – und dann gleich mit einem erfolgreich brütenden Paar?

Peter Kneis ist da mehr als skeptisch. Nach einem Blick auf die Fotos fällt der Vogelexperte von Pro Natura ein eindeutiges Urteil. „Die Bilder zeigen natürlich Haussperlinge“, ist sich Kneis sicher. „Im Jugendkleid zeigen unsere ‚Spatzen‘ einige Merkmale auch von Steinsperlingen.“ Das habe den Fotografen offenbar etwas verleitet. Ohnehin finde der Steinsperling in Riesa wahrscheinlich keinen geeigneten Lebensraum. „Steinsperlinge sind echte Felsbewohner.“ Ihr letztes Verbreitungsgebiet in Deutschland sei im Übrigen das Saaletal in Thüringen gewesen. Also wohl doch keine Sensationsmeldung aus Riesa? Stefan Schwager nimmt die Meinung des Experten gelassen. „Da bin ich Wissenschaftler genug, das zu akzeptieren.“ Insgeheim habe er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es sich doch um den seltenen Verwandten des Haussperlings handelt. Er habe die Bilder jedenfalls auch dem Naturschutzbund zur Verfügung gestellt und warte noch auf dessen Einschätzung.

Aber selbst wenn der zum gleichen Ergebnis kommen sollte wie der Riesaer Experte, dann habe die Sache doch etwas Gutes, hofft Schwager. „Es schärft vielleicht den Blick der Menschen ein bisschen.“ Für die meisten firmiere mittlerweile wahrscheinlich eine jede Sperlingsart unter der Bezeichnung „Spatz“. Außerdem könnten von einem größeren Interesse an der Vogelwelt auch die Naturschützer profitieren, argumentiert Schwager. Schließlich sind auch die Vogelzähler auf Mithilfe aus der Bevölkerung angewiesen, bestätigt Pro-Natura-Mitglied Peter Kneis. „Wir kommen ja auch nicht in jede Ecke.“ (SZ/stl)