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Wirtschaft zwischen Leben und Tod

Die großen Zeiten des Niedersedlitzer Gewerbegebiets sind längst vorbei. Produziert wird dort trotzdem noch.

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© Steffen Unger

Rafael Barth

Ein Mädchen lächelt versonnen vor der Wand. Neben ihr werden Tomatensaft und Apfelwein angepriesen. Auch für Kaffee und Zigaretten werben die Etiketten, die sich mehrere Meter lang über die Wand ziehen. Die Schildchen in dem Industriebau an der Niedersedlitzer Reisstraße stammen aus verflossenen Jahrzehnten. Der VEB Polypack Dresden fertigte dort Tüten, Kartons und Einschläge.

Zu den größten Fabriken von Niedersedlitz zählte das Sachsenwerk (links), hier in einer Aufnahme von 1953. Das Foto der Gardinen- und Spitzenmanufaktur wurde vor Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht.
Zu den größten Fabriken von Niedersedlitz zählte das Sachsenwerk (links), hier in einer Aufnahme von 1953. Das Foto der Gardinen- und Spitzenmanufaktur wurde vor Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht. © Landeshauptstadt Dresden
Zu den größten Fabriken von Niedersedlitz zählte das Sachsenwerk (links), hier in einer Aufnahme von 1953. Das Foto der Gardinen- und Spitzenmanufaktur wurde vor Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht. Fotos: Landeshauptstadt Dresden/Bildstelle Stadtplanungs
Zu den größten Fabriken von Niedersedlitz zählte das Sachsenwerk (links), hier in einer Aufnahme von 1953. Das Foto der Gardinen- und Spitzenmanufaktur wurde vor Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht. Fotos: Landeshauptstadt Dresden/Bildstelle Stadtplanungs © Landeshauptstadt Dresden

Heute hat an der Ecke zur Straße des 17. Juni die Firma Poly Druck ihren Sitz. Vierzig Mitarbeiter stellen Hochglanzumschläge für Zeitschriften her, genauso wie Wahlzettel. Bis es so weit war, musste die Nürnberger Aktiengesellschaft Realisation Elementar etwa vier Millionen Euro investieren, um aus einer Nachwenderuine eine funktionstüchtige Druckerei zu machen. „Das hat ausgesehen wie da drüben“, sagt Geschäftsführer Leonhard Steinlein. Auf der anderen Straßenseite verrottet die alte Malzfabrik zunehmend, während Steinleins Firma knallgelb schon aus der Ferne erkennbar ist.

Die Ecke ist symptomatisch für das Gebiet zwischen den S-Bahn-Haltepunkten Niedersedlitz und Dobritz. Die Mischung aus Fabriken und Brachen, Villen, Wohnhäusern und Plattenbauten zeugt von verschiedenen Epochen. Wo jahrhundertelang Dörfer und Felder lagen, entstand ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Industriegebiet. „Der entscheidende Punkt ist die Eisenbahn“, sagt Uwe Hessel, ein Kenner des Areals. Für den Verein Wimad erforscht er seit fünf Jahren die Geschichte des Niedersedlitzer Standorts und bietet thematische Rundgänge an.

Durch die Eisenbahn mit ihren Haltepunkten wurden Unternehmer angelockt. Fabriken für Chemie- und Süßwaren, eine Dampfmühle und ein Sägewerk entstanden. Das Gebiet war weitgehend unbebaut, gehörte noch nicht zu Dresden und glänzte mit einem allzeit gültigen Vorteil: niedrige Grundstückspreise und Steuern.

Der ersten Hochphase im 19. Jahrhundert folgte eine weitere nach dem Zweiten Weltkrieg. Typisch für Dresden ist der Branchenmix. Während in Leipzig das Druckerei- und Verlagswesen, in Riesa das Stahlwerk und in Chemnitz der Maschinenbau dominierten, entwickelten sich in Niedersedlitz dagegen unterschiedliche Wirtschaftszweige. Dort wurden Kameras und Molkereiprodukte, Gardinen und Metallwaren produziert. Zu den größten Betrieben zählte der als Sachsenwerk bekannte VEB Maschinenbau an der heutigen Straße des 17. Juni. Bekannt war auch der VEB Plauener Spitze an der Breitscheidstraße. In beiden Gebäuden befinden sich heute viele kleinere Unternehmen: von der Arztpraxis bis zur Werbeagentur.

Aber die Zeit der rauchenden Schlote und der Schichtwechsel mit Hunderten Arbeitern ist vorbei. Weil die heutige Produktion kaum sichtbar ist, wird auch die Historie des Standorts bislang wenig beachtet, sagt Hessel. „Es hat noch niemand dieses Industriegebiet ins Bewusstsein gebracht.“

Eine gewisse Bedeutung hat es heute dennoch. Erst vorletzte Woche gab der Verpackungsmaschinen-Hersteller Theegarten-Pactec bekannt, dass er seine Fabrik an der Breitscheidstraße für 30 Millionen Euro ausbauen will. Für 2,7 Millionen Euro will die Stadt 2014 die Bismarckstraße und angrenzende Verkehrswege sanieren.

Auch Geschichtsinteressierte werden fündig. In der Fabrik von Poly Druck ist das holzvertäfelte Direktorenzimmer erhalten, und ein kleines Museum soll künftig Schmuckstücke des Hauses präsentieren.